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Deutschland widersetzt sich Corona-Trend: Hohe Infektionsraten, aber wenige Todesfälle

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In einem entscheidenden Punkt erweist sich Deutschland als bemerkenswert widerstandsfähig in der Corona-Krise: Im Vergleich zu den bekannten Infektionszahlen ist die Zahl der Todesfälle bislang auffällig niedrig.

BERLIN, 20 März (WNM/Financial Times) – In einem entscheidenden Punkt erweist sich Deutschland als bemerkenswert widerstandsfähig in der Corona-Krise: Im Vergleich zu den bekannten Infektionszahlen ist die Zahl der Todesfälle bislang auffällig niedrig. 

Nach Angaben der Johns Hopkins University gab es am Donnerstagnachmittag in Deutschland 13.979 Coronavirus-Infektionen, mehr als in jedem anderen Land außer China, Italien, Iran und Spanien. 

Gleichzeitig hatte Deutschland nur 42 Todesfälle registriert. Das benachbarte Frankreich meldete dagegen 9.058 Infektionen und 243 Todesfälle. Spanien hatte 17.395 Infektionen und 803 Todesfälle. Die USA, Großbritannien, Italien und sogar Südkorea weisen alle deutlich höhere Todesfälle auf als Deutschland. 

Die offensichtliche Anomalie hat in Deutschland und darüber hinaus Debatten ausgelöst, obwohl Experten davor warnen, umfassende Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie argumentieren, dass die niedrige Todesrate des Landes höchstwahrscheinlich die Tatsache widerspiegelt, dass sich der Ausbruch noch in einem relativ frühen Stadium befindet und dass das Altersprofil der Betroffenen bislang jünger war als in anderen Ländern. Jüngere Patienten ohne vorherige Beschwerden haben eine viel bessere Überlebenschance als ältere Patienten. Das schreibt die Financial Times.

Ein weiterer Faktor, der zur Erklärung der Varianz beitragen kann, ist die ungewöhnlich hohe Anzahl von Tests, die in Deutschland durchgeführt werden. Laut Lothar Wieler, dem Präsidenten des Robert Koch Instituts, führen deutsche Laboratorien derzeit jede Woche rund 160.000 Coronavirus-Tests durch – mehr als viele europäische Länder seit Beginn der Krise insgesamt durchgeführt haben. Selbst Südkorea, das täglich 15.000 Tests durchführt und von Virologen als Beispiel angeführt wurde, scheint weniger zu testen als Deutschland. 

„Hier geht es um die Kapazität. Die Kapazität in Deutschland ist sehr, sehr bedeutend. Wir können mehr als 160.000 Tests pro Woche durchführen, und das kann weiter gesteigert werden “, sagte Prof. Wieler zu Journalisten. Die Fähigkeit Test durchzuführen würden nicht zuletzt dadurch verbessert, dass auf Tiergesundheit spezialisierte Laboratorien auf Coronavirus-Kontrollen umgestellt würden. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Testkits zur Neige gehen, fügte Prof. Wieler hinzu.

Zumindest kurzfristig führen Massentests zu einer niedrigeren Todesrate, da die Behörden Fälle von Covid-19 auch bei Patienten erkennen können, bei denen nur wenige oder keine Symptome auftreten und die eine viel bessere Überlebenschance haben. Dies bedeutet auch, dass in Deutschland wahrscheinlich weniger Fälle unentdeckt bleiben als in Ländern, in denen Tests weniger verbreitet sind. 

Eine bemerkenswerte Ausprägung des Ausbruchs des Coronavirus in Deutschland ist die hohe Anzahl relativ junger Patienten: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind mehr als 80 Prozent aller mit dem Coronavirus infizierten Personen jünger als 60 Jahre. 

„Besonders zu Beginn des Ausbruchs in Deutschland haben wir viele Fälle im Zusammenhang mit Menschen gesehen, die von Skiausflügen und ähnlichen Urlauben zurückgekehrt sind“, sagte Matthias Stoll, Professor für Medizin an der Universität Hannover zur Financial Times. „Das sind überwiegend Personen, die jünger als 80 Jahre sind und fit genug sind, um Ski zu fahren oder ähnliche Aktivitäten auszuführen. Ihr Sterberisiko ist vergleichsweise gering.“ 

Hans-Georg Kräusslich, Professor für Medizin und Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg, warnte in der FT jedoch davor, dass sich das Bild in Deutschland in den kommenden Wochen und Monaten ändern werde: „Wir befinden uns noch in einem relativ frühen Stadium des Ausbruchs in Deutschland. Der überwiegende Anteil der Patienten wurde erst in den letzten ein oder zwei Wochen infiziert, und wir werden wahrscheinlich in Zukunft schwerere Fälle sowie eine Veränderung der Todesrate sehen.“