Österreichische Notenbank warnt: Erholung der Wirtschaft dauert Jahre

| 14. Juli 2020, 10:00

WIEN, 14. Juli (WNM/Österreichische Nationalbank) - Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie, der vorübergehend zu einer starken Einschränkung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens führte, löste nicht nur einen rasanten Kursverfall auf den internationalen Finanzmärkten aus, sondern führte in Österreich auch zum stärksten Wirtschaftseinbruch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 

„Obwohl sich die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus und zum Erhalt der Funktionsfähigkeit der Wirtschaft bewährt haben, wird die Erholung der Wirtschaft mehrere Jahre in Anspruch nehmen“, so Nationalbank-Gouverneur Robert Holzmann. 

„Dabei sind die Banken, die während der Finanzkrise 2008/2009 im Brennpunkt des Geschehens standen, diesmal ein wichtiger Teil zur Bewältigung der Krise. Sie haben ihre Widerstandsfähigkeit in den vergangenen Jahren – auch aufgrund einer umsichtigen und vorausschauenden Aufsicht sowie verbesserter aufsichtlicher Instrumente – deutlich gestärkt“, so Vize-Gouverneur Gottfried Haber.

Der aktuelle Financial Stability Report widmet sich verstärkt den Auswirkungen der aktuellen Krise auf den österreichischen Finanzsektor:

Der weltweite Ausbruch der COVID-19-Pandemie im März 2020 führte zu dramatischen Kurseinbrüchen auf den internationalen Finanzmärkten. Die damit verbundenen weitreichenden wirtschaftlichen und sozialen Einschränkungen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus sind für die globale Finanzmarktstabilität herausfordernd. Durch die umfangreichen geld-, fiskal- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen von Zentralbanken und Regierungen kam es zwar zu einer starken Erholung der Kurse, diese spiegelt jedoch nicht die ernsthafte makroökonomische Situation wider. So ist die österreichische Konjunktur zurzeit mit dem stärksten Abschwung der Nachkriegszeit konfrontiert. Öffentliche Stützungsmaßnahmen fördern zwar die Vergabe von Krediten und sichern somit die Liquidität von Unternehmen und Haushalten, die verstärkte Inanspruchnahme von Bankkrediten wird jedoch die Verschuldung erhöhen, die besonders im Unternehmenssektor schon vor Beginn der COVID-19-Krise höher lag als vor Beginn der letzten großen Krise. Im europäischen Vergleich ist sie jedoch niedrig.

Im Haushaltssektor wurden Kredite – insbesondere Hypothekarkredite – eher von Haushalten mit höherem Einkommen und damit mit höherer Schuldentragfähigkeit aufgenommen. Sorgen bereiten hier vor allem die Einkommensverluste durch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Gegenwärtig werden diese Herausforderungen allerdings noch durch fiskalische Maßnahmen abgefedert.

Die COVID-19-Pandemie wirkt sich auch auf den heimischen Immobilienmarkt aus. Die Vergabe von Hypothekardarlehen an private Haushalte hat in den letzten Monaten etwas an Dynamik verloren. Generell ist der Wohnimmobilienmarkt aber weniger betroffen als der gewerbliche Immobilienmarkt, der stark von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig ist.

Der Bankensektor leistet – gepaart mit den politischen Maßnahmen, wie der Gewährung von Garantien und Moratorien – in der COVID-19-Krise einen wichtigen Beitrag zur Aufrechthaltung der Finanzierung der österreichischen Wirtschaft. Dies ist auch dadurch möglich, dass die österreichischen Banken – nicht zuletzt als Antwort auf die Finanzkrise 2008/2009 und der damit verbundenen zahlreich ergangenen regulatorischen und aufsichtlichen Maßnahmen – deutlich gestärkt in die aktuelle Krise gegangen sind. Die Gewinne lagen in den vergangenen Jahren auf hohem Niveau, wodurch Eigenkapital aufgebaut werden konnte. Das Kreditportfolio wurde um notleidende Ausleihungen bereinigt, und die Refinanzierung steht auf soliden Beinen. Von Seiten der Aufsichtsbehörden kam es bereits zu Beginn der COVID-19-Krise zu vorübergehenden Erleichterungen für die Banken, wodurch der Spielraum für die Kreditvergabe und das operative Bankgeschäft erhöht werden konnte. All diese Maßnahmen tragen zur Stärkung der Finanzstabilität bei. Aktuelle Szenarioanalysen der OeNB belegen, dass der österreichische Bankensektor trotz der negativen Auswirkungen der Krise derzeit gut kapitalisiert ist.

Die Unsicherheit über den wirtschaftlichen und finanziellen Ausblick bleibt dennoch außergewöhnlich hoch. Erst im zweiten Halbjahr 2020 werden die für das Bankensystem relevanten Veränderungen im Kreditrisiko und die damit einhergehenden uneinbringlichen Kredite deutlicher zutage treten. Ansteigende Kreditrisikovorsorgen in Österreich wie auf dem wichtigen CESEE-Markt können die (in den letzten Jahren verbesserte) Profitabilität der österreichischen Banken zukünftig stark belasten.

In diesen herausfordernden Zeiten empfiehlt die OeNB den Banken im Hinblick auf die Stärkung der Finanzmarktstabilität,

- im Einklang mit internationalen Empfehlungen Abstand von Aktienrückkäufen zu nehmen und Ausschüttungen von Dividenden, Gewinnen und Boni sorgfältig abzuwägen, um die Kapitalbasis zu stärken,

- sich auf das Auslaufen von Zahlungsmoratorien und staatlichen Garantien für Kredite vorzubereiten und die Qualität der Kreditportfolios transparent zu überwachen,

- nachhaltige Kreditvergabestandards (insbesondere bei Immobilienkrediten) und die quantitative Leitlinie des Finanzmarktstabilitätsgremiums einzuhalten,

- auch in herausfordernden Zeiten die operative Effizienz weiter zu steigern, um eine nachhaltige Profitabilität zu sichern, und

- geeignete Strategien zum Umgang mit Herausforderungen aufgrund neuer Informationstechnologien zu entwickeln und umzusetzen.

Der halbjährlich in englischer Sprache erscheinende Financial Stability Report der OeNB analysiert finanzmarktstabilitätsrelevante Entwicklungen in Österreich und im internationalen Umfeld sowie Spezialthemen im Zusammenhang mit der Finanzmarktstabilität.