Kohleausstieg: Wechsel auf Biomasse noch schädlicher für die Umwelt

| 29. Januar 2020, 17:26

LONDON, 28. Januar (WNM/Guardian) - Die Pläne, europäische Kohlekraftwerke auf die Verbrennung von Holzpellets umzurüsten, könnten die Klimakrise weiter beschleunigen. Zusätzlich würden Wälder in einer Größenordnung des halben deutschen Schwarzwalds pro Jahr abgeholzt, sagt der Klima-Thinktank Sandbag.

Sandbag sagt, dass die stark subventionierten Pläne zur Senkung der Kohlenstoffemissionen zu einer „gewaltigen“ Menge an Baumfällungen führen werden. Das werde die Wälder möglicherweise schneller zerstören als Bäume nachwachsen können, schreibt der Guardian (https://www.theguardian.com/environment/2019/dec/16/converting-coal-plants-to-biomass-could-fuel-climate-crisis-scientists-warn). 

Sandbag hat herausgefunden, dass allein für die zehn größten Biomasse-Umstellungsprojekte in Europa jedes Jahr 36 Millionen Tonnen Holzpellets benötigt werden. Das entspricht der gesamten derzeitigen weltweiten Holzpelletproduktion. Dafür müssten jährlich 2.700 km² Wald abgeholzt werden – eine Größenordnung, die der Hälfte des Schwarzwalds in Deutschland entspricht. 

Finnland, Deutschland und die Niederlande sind die Vorreiter in der Umstellung von Kohle auf Biomasse. Die geplanten Adaptionen würden 67 Millionen Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre abgeben. Solch eine Masse könne aber wahrscheinlich nicht innerhalb der für die Einhaltung des Pariser Abkommens relevanten Zeiträume durch den Anbau neuer Bäume wieder absorbiert werden, warnte Sandbag. 

Im Gegenzug würden die Kraftwerke weniger als 2 Prozent des EU-Strombedarfs produzieren – und das mit der gleichen Erzeugungskapazität, die Wind- und Solarparkentwickler in Europa jedes Jahr neu erreichten. 

„Man kann den Kohleunternehmen nicht glauben, wenn diese argumentieren, dass der Wechsel zur Verbrennung von Holz gut für das Klima sein soll“, sagt Sandbag. 

Die EU-Regulierungsbehörden betrachten Biomasse als eine klimaneutrale Alternative zu erneuerbaren Energien. Das Wachstum neuer Bäume könne so viel Kohlenstoff absorbieren, wie Holzpellets bei der Verbrennung zur Stromerzeugung freisetzen. 

Alex Mason vom EU-Büro des WWF sagte, dass das Abbrennen von Wäldern „buchstäblich das Gegenteil von dem ist, was wir tun sollten", um zur Bewältigung der Klimakrise beizutragen. 

„Wie 800 Wissenschaftler im letzten Jahr betonten, wird die Umstellung von Kohlekraftwerken auf Biomasse die Emissionen für Jahrzehnte, wenn nicht sogar für Jahrhunderte, weiter steigern. Dieser neue Bericht ist ein weiterer Beweis dafür, dass die EU den neuen EU-Green Deal nutzen muss, um die Bioenergie-Gesetzgebung der EU festzulegen, bevor diese tickende Zeitbombe mehr Schaden anrichtet “, sagte er. 

Professor Michael Norton, Direktor des Wissenschaftsbeirats der Europäischen Akademien, sagte, die großflächige Waldabholzung zur Deckung des Bedarfs an Biomasse sei „aus Klima-Sicht schrecklich“ und laufe bereits Gefahr, die Ziele des Pariser Abkommens zu überschreiten.