Ölindustrie steckt in größter Krise seit 100 Jahren

| 25. März 2020, 0:14

LONDON, 24 März (WNM/Financial Times) - Es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, dass die Ölindustrie mit der schwersten Krise der letzten 100 Jahre konfrontiert ist. Während sich die westlichen Volkswirtschaften aufgrund des Coronavirus-Stillstands im Winterschlaf befinden, sieht sich die Öl-Branche mit der Tatsache konfrontiert, dass die Kraftstoff-Nachfrage schneller als je zuvor sinken wird. 

Bereits seit Anfang dieses Monats haben sich die Preise ungefähr halbiert, da die Fluggesellschaften ihre Flugzeuge am Boden ließen und Millionen von Pendlern das Auto mit einem kurzen Spaziergang zum Laptop am Küchentisch getauscht haben. 

Für die Öl-Branche ist das Ausmaß des Verbrauchsrückgangs nur schwer zu verdauen. Die neuesten Schätzungen deuten darauf hin, dass 10 bis 25 Prozent des weltweiten Verbrauchs in den kommenden Monaten verschwinden könnte, schreibt die Financial Times. In normalen Zeiten verbraucht die Welt täglich rund 100 Millionen Barrel. 

Das Ausmaß des Nachfragekollapses ist so groß, dass dieser sogar den aktuellen Preiskampf zwischen Saudi-Arabien und Russland überschatten könnte. Es besteht jedoch kaum ein Zweifel daran, dass deren Handlungen den Absturz verschärft und die Zeitspanne für eine mögliche Erholungsphase verlängert haben. 

Das Ergebnis ist wahrscheinlich, dass die Lagertanks innerhalb von Monaten bis zum Rand gefüllt sein werden. Sogar Supertanker auf See, die als Notlagerschiffe eingesetzt werden, könnten bis zum Ende des Sommers voll sein. Eine Ruhepause wird erst dann eintreten, wenn die teuerste Art der Ölförderung eingestellt wird oder die schwächsten Produzenten pleite gehen. 

Ölfelder können jedoch nicht wie ein Lichtschalter ein- und ausgeschaltet werden. Die Kosten und das Risiko der Einstellung der aktiven Produktion führen eher zu einem „Abnutzungskrieg“, schreibt die Financial Times. 

Große Kündigungswellen werden auch vor dem Energiesektor nicht halt machen. Der Crash ist zum schlimmsten Zeitpunkt für eine Branche eingetreten, die bei Investoren, die befürchten, dass die Ölnachfrage in den nächsten zehn Jahren ihren Höhepunkt erreichen wird, und die sich um die Auswirkungen auf die Umwelt sorgen, bereits zuvor in Ungnade gefallen war. 

Der Aktienkurs von BP ist in diesem Jahr um mehr als 50 Prozent auf ein Niveau gesunken, das zuletzt 1995 erreicht wurde. ExxonMobil, einst das weltweit größte börsennotierte Unternehmen, hat in den vergangenen sechs Jahren 70 Prozent seines Marktwerts verloren. 

Aber auch die langfristigen Aussichten für die Branche sind wohl nicht viel besser. Die Pandemie könnte das bereits stotternde Wachstum der Ölnachfrage weiter verringern: Internationale Reisen werden Zeit brauchen, um wieder volle Fahrt aufzunehmen. Viele Unternehmen und Mitarbeiter werden sich erfolgreich an die Arbeit von zu Hause aus angepasst haben und mehr Autos von der Straße fernhalten. 

Damit bleibt der Branche nur übrig, mittelfristig zu hoffen, dass der Preisverfall die Wettbewerber letztendlich verhungern lässt und die Preise wieder steigen.