Klimawandel bedroht Brutvögel

| 29. September 2020, 9:47
Brutvögel (Nghang Vũ from Pixabay)

RADOLFZELL, 29. September (WNM/Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie/Harald Rösch) – Das Überleben auf einem sich erwärmenden Planeten kann eine Frage des richtigen Timings sein. Doch das eigene Verhalten einfach zu verschieben, um sich an das Tempo des Klimawandels anzupassen, birgt für einige Tiere laut neuen Forschungsergebnissen des Max-Planck-Instituts für Tierverhalten und der Cornell-Universität Gefahren.

Die Forschenden haben jahrzehntelang Daten zu Wetter, Nahrungsverfügbarkeit und Brutverhalten von nordamerikanischen Sumpfschwalben (Tachycineta bicolor) untersucht und herausgefunden, dass Brutzeit und Nahrungsverfügbarkeit für einige Tiere nicht mehr zusammenfallen. Die Studie hat drastische Konsequenzen für Vögel aufgedeckt, die im Gleichschritt mit dem früheren Frühlingsbeginn brüten: Früh schlüpfende Küken sind einem höheren Risiko für schlechte Wetterbedingungen, Futterknappheit und Sterblichkeit ausgesetzt. „Den Bruttermin einfach auf einen früheren Zeitpunkt zu verschieben, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten, ist nicht unbedingt risikofrei. Da früher im Jahr riskantere Bedingungen herrschen, kann es für Tiere unbeabsichtigte Folgen haben, wenn sie auf ungewöhnlich warmes Frühlingswetter reagieren“, sagt Ryan Shipley, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Tierverhalten und Erstautor der Studie.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben in den letzten Jahren untersucht, ob sich Arten an den Klimawandel anpassen und mit ihm Schritt halten können. Insbesondere die zeitliche Abfolge von Ereignissen wie Brüten und Zugverhalten und die Bedeutung der Anpassung dieser Ereignisse an steigende Temperaturen und frühere Frühlingseinbrüche spielt dafür eine wichtige Rolle.

Den Resultaten zufolge haben die Sumpfschwalben die Brutzeit alle zehn Jahre um drei Tage früher begonnen. Die Forschenden haben auch festgestellt, dass die Vögel bei früherer Brutzeit häufiger ungünstigen Wetterereignissen ausgesetzt sind, da diese früher im Jahr öfter auftreten. Dies hat wiederum zur Folge, dass den Vögeln weniger Insekten als Nahrung zur Verfügung stehen. „Für Vögel, die sich von Fluginsekten ernähren, wird an einem Tag geschlemmt, am nächsten gehungert. Vogeleltern vertrauen also in einem ungewöhnlich warmen Frühling darauf, dass die Bedingungen für eine frühere Eiablage auf ähnlich gute Bedingungen für die Aufzucht der Jungtiere in der Zukunft hindeuten“, erklärt Shipley.

Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kalkulation aufgeht, ist früh im Jahr geringer als später. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Tiere, die auf Nahrung angewiesen sind, deren Häufigkeit sich wetterbedingt schnell ändern kann, durch den Klimawandel ganz besonders gefährdet sein könnten“, sagt Shipley. Die Studie könnte auch Hinweise darauf liefern, warum die Zahl der Fluginsekten-fressenden Vögel wie Schwalben, Mauersegler, Fliegenschnäpper und Ziegenmelker in weiten Teilen Nordamerikas und Europas schneller zurückgeht als die Zahl anderer Vogelgruppen. Die Ergebnisse decken eine bisher unbekannte Bedrohung für Fluginsekten-fressende Vögel auf. „Der weit verbreitete Rückgang der Insektenpopulationen könnte diese Arten besonders hart treffen. Aber es gibt darüber hinaus noch eine Veränderung, die gar keine Veränderung des Insektenreichtums erfordert - nur eine Änderung der Verfügbarkeit über eine kurze Zeit.“

Die Forscher haben eine Population von Sumpfschwalben in Ithaca, New York, über 30 Jahre hinweg untersucht. Studien dieser Länge sind in der Ornithologie selten. Dadurch konnten die Forschenden Langzeitdaten zur Fortpflanzung der Vögel während der letzten 30, zum täglichen Insektenaufkommen während der letzten 25 und zum Wetter während der letzten 100 Jahre analysieren. „Langzeitstudien wie diese sind unerlässlich, um zu verstehen, wie und warum Arten von Klimaveränderungen betroffen sind. Sie können auch wertvolle Erkenntnisse darüber liefern, wie Organismen funktionieren, in komplexen ökologischen Netzwerken interagieren und sich entwickeln“, sagt Maren Vitousek, Professorin an der Cornell University, die das Langzeit-Versuchsgelände der Sumpfschwalbe in Ithaka betreibt.