Transparenz in der Lieferkette für deutsche Verbraucher weniger wichtig

| 2. Juni 2020, 8:38
IBM FoodTrust (Foto: IBM)

BERLIN, 2. Juni (WNM) - Das IT- und Beratungsunternehmen IBM hat mit „Food Trust“ gemeinsam mit Nahrungsmittelkonzernen wie Carrefour, Nestlé, Unilever oder Dole ein kooperatives Netzwerk von Landwirten, Verarbeitungsunternehmen, Großhändlern, Distributoren, Herstellern, Einzelhändlern und anderen Beteiligten geschaffen, das die Transparenz und Nachhaltigkeit in der gesamten Lebensmittellieferkette verbessern soll. 

Die auf der Blockchain-Technologie basierte Lösung verbindet die Teilnehmer über eine autorisierte, unveränderliche und gemeinsame Dokumentation der Herkunft von Lebensmitteln, Transaktionsdaten und Verarbeitungsdetails. Die Blockchain-Technologie wird überall dort eingesetzt, wo Transparenz und Vertrauen benötigt werden. Weder können Daten in der Blockchain verändert oder gelöscht werden, noch gibt es eine zentrale Stelle, die Zugriff auf die Daten hat. 

Bei IBM befassen sich weltweit rund 1600 Mitarbeiter mit Blockchain-Themen, die Lösungen auf globalen Plattformen bauen, die anschließend in lokalen Märkten eingesetzt werden können. Aber auch direkt aus Deutschland, Österreich und der Schweiz heraus werden Blockchain-Projekte für bestimmte Branchen oder Kunden umgesetzt und später internationalisiert. 

„200 Unternehmen sind bereits Teil des ‚Food Trust‘-Netzwerks und mehrere hundert Landwirte und Plantagenbesitzer sind über das Ökosystem von Walmart, Dole oder Carrefour auf die Plattform gekommen“, sagt Christian Schultze-Wolters, Leiter des Geschäftsbereich Blockchain Solutions bei IBM für die Region Deutschland, Österreich und Schweiz, im Interview mit dem World News Monitor. 

Deutsche Nahrungsmittelkonzerne sind noch nicht Teil des „Food Trust“. „Die deutschen Verbraucher legen im internationalen Vergleich weniger Wert auf die Qualität von Lebensmitteln. Sie geben auch weniger Geld für Lebensmittel aus als Spanier oder Franzosen. Somit ist die Transparenz der Lieferkette wohl auch etwas weniger wichtig“, meint Schultze-Wolters. „Hier gibt es eine gewisse Sogwirkung, getrieben durch den globalen Wettbewerb, aber teilweise auch durch die Politik. Die Skepsis im Markt scheint sich aber nach und nach aufzuweichen.“

Das sei auch der Grund, warum sich Nestlé oder Carrefour andere Zielmärkte als Deutschland für den Start ausgesucht hätten. In Frankreich können die Konsumenten heute beispielsweise schon den QR-Code des Kartoffelpürees „Mousline“ von Maggi abfotografieren, um alles über die Herkunft des Produktes heraus zu finden. 

Bis tatsächlich die Lieferkette einer relevanten Anzahl an Lebensmitteln auf Knopfdruck im Laden verfügbar sein wird, werde es jedoch noch einige Zeit dauern: „Das ist ein langfristiges, komplexes Projekt, man braucht einen langen Atem“, sagt Schultze-Wolters. „Carrefour hat heute zehn Produkte aus dem eigenen Portfolio in der Blockchain abgebildet, bis Ende 2022 sollen alle 400 Eigenmarken-Produkte verfügbar sein.“

Dass sich Transparenz in der Lieferkette für die Unternehmen auch wirtschaftlich lohnt, zeige sich laut Schultze-Wolters in den Analysen bei Carrefour: „Konsumenten, die den QR-Code scannen, bleiben bis zu zwei Minuten auf der Webseite mit den Produktinformationen. Im Zeitverlauf haben sich die Verkaufszahlen für Produkte, für die eine transparente Lieferkette einsehbar ist, teilweise erheblich erhöht, im Beispiel des genannten Kartoffelpürees sogar verdoppelt.“

Ein positiver Effekt des Einsatzes der Blockchain-Technologie in Lieferketten ist, dass die daraus entstehenden Lösungen überall dort eingesetzt werden können, wo die Nachhaltigkeit und Transparenz in globalen und komplexen Lieferketten erhöht werden soll. 

Mit „TradeLens“ hat IBM gemeinsam mit der weltweit größten Containerschiffsreederei Møller-Mærsk eine Plattform entwickelt, die alle Teilnehmer in der globalen Lieferkette – von Händlern und Frachtführer, über Inlandstransport, Häfen und Terminals bis hin zu Seeschifffahrt oder Zollbehörden – zusammenbringt.  

„Weltweit nutzen bereits 170 Unternehmen die Lösung, darüber hinaus sind rund 600 Terminalbetreiber und Häfen über das ‚Ökosystem‘ mit in die Plattform gekommen“, sagt Schultze-Wolters. „Ab diesem Sommer werden 60 Prozent der weltweiten Seefracht-Containerkapazität auf der Plattform vertreten sein. Fünf der sechs weltweit größten Reedereien sind bereits mit dabei.“ Aus Deutschland sind die Logistikunternehmen Hapag-Lloyd sowie Hamburger Hafen und Logistik ein Teil dieses Ökosystems.

Mit einer Industrieinitiative für den verantwortungsbewussten Einkauf von strategischen Mineralien (Responsible Sourcing Blockchain Network) erhalten Unternehmen wie Ford, Huayou Cobalt, LG Chem oder Glencore einen besseren Einblick in die Herkunft von Kobalt, das in Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge verwendet wird. Aus Deutschland ist der Automobilhersteller Volkswagen ein Teil dieser Initiative. Auch die 3TG-Konfliktmineralien Zinn, Tantal, Wolfram und Gold können so in der Zukunft nachverfolgt werden.

Aber auch die Blockchain-Technologie kann nicht vollständig verhindern, dass gegen Standards und Auflagen in der Lieferkette verstoßen wird. „Die Gesamtheit des Systems biete jedoch nie dagewesene Vorteile“, sagt Schultze-Wolters. „Durch die ‚private‘ Blockchain, die auf der Hyperledger-Fabric-Technologie der Linux Foundation basiert, haben alle Teilnehmer die volle Transparenz. Jeder weiß, wer auf der Plattform ist und wer was hochgeladen hat. Wenn jemand falsche Daten auf die Blockchain bringt, dann weiß man recht schnell, dass es falsch ist und wer es falsch eingestellt hat. Das ist die Aufgabe des Ökosystems“. 

Entscheidend sei dabei auch, möglichst frühzeitig Zertifizierungsunternehmen mit einzubeziehen. So ist für die Industrieinitiative für den verantwortungsbewussten Einkauf von strategischen Mineralien die Firma RCS Global Group ein Teil der Initiative und validiert das Netzwerk auf die Einhaltung der Standards für verantwortungsbewusste Beschaffung fortlaufend. „Das braucht es, um die Echtheit aller Zertifikate sicher zu stellen und um die Qualität der Daten, die über die Blockchain abgebildet werden, transparent zu machen“, sagt Schultze-Wolters.