Waffen in Wald bei Berlin: Waren es die Russen?

In einem Wald bei Berlin werden Waffen gefunden. Von Hamburg bis New York und London wird gerätselt. Wer steckt dahinter?

In einem Wald bei Berlin wurde vor einem Jahr ein Lager mit Schusswaffen entdeckt. Die Behörden wollten den Tätern eine Falle stellen. Sie rührten das Lager nicht an und überwachten es. Offenbar nicht besonders diskret – denn laut Tagesschau sei es „inzwischen sehr wahrscheinlich, dass die Täter von dem auffälligen Polizeieinsatz rund um das Lager im vergangenen Jahr etwas mitbekommen haben“.

Wer waren die Täter? Dazu äußern sich die Behörden vage. Erstaunlicherweise entsteht eine scheinbar schlüssige Indizienkette. Doch worauf gründet sich diese?

Bericht in der Tagesschau

Die Tagesschau zitiert den Inlandsgeheimdienst. Der kann naturgemäß seine geheimen Informationen nicht offenlegen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) soll der Recherche von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung zufolge „Hinweise“ haben, dass es sich um ein „geheimes“ Depot russischer „Geheimdienste“ handelt – „ein sogenannter toter Briefkasten mit potenziell tödlichem Inhalt“. „Eingeweihte“ seien überzeugt, dass die Waffen wohl für „Agenten“ hinterlegt wurden, die im Bundesgebiet im Auftrag Moskaus sogenannte „kinetische Operationen“ begehen sollten. Der Begriff bezeichne „physische Attacken wie zum Beispiel Anschläge“.

New York Times greift auf

In der New York Times liest sich das dann so: „Die deutschen Sicherheitsbehörden ermitteln wegen eines geplanten politisch motivierten Anschlags, der möglicherweise von einer ausländischen Macht gesteuert wird.“ Innenminister Alexander Dobrindt habe sich zwar gehütet, eine „bestimmte Nation zu beschuldigen“. Doch falle die Nachricht in eine Zeit „wachsender Besorgnis“ vor destabilisierenden „hybriden“ Anschlägen, „für die europäische Regierungen Russland öffentlich und intern verantwortlich machen“.

Die Behörden gaben keine Details zu dem „mutmaßlichen Komplott“ bekannt. Die zuständige Bundesanwaltschaft ermittele jedoch gegen einen Mann wegen möglicher Tätigkeit als ausländischer Agent und der Vorbereitung einer schweren Straftat, die den Staat gefährdet.

Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London, bringt in der Times das Dilemma auf den Punkt: „Einerseits muss man deutlich machen, dass dies Konsequenzen hat, damit Putin es nicht als Zeichen von Schwäche deutet“, sagte Neumann „mit Blick auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin“. Andererseits wolle „man keinen direkten Konflikt mit Russland riskieren“.

Guardian erläutert

Deutschland strebe die Auslieferung eines Verdächtigen aus Rumänien an, schreibt der Guardian. Deutsche Medien berichteten, „dass der Fund mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung“ stehe. Der Fund habe im Mittelpunkt verdeckter Ermittlungen der Staatssicherheit und der Spionageabwehr gestanden. Laut „unabhängigen Berichten“ des „Spiegel“ und eines Rechercheteams der „Süddeutschen Zeitung“ habe der Verdacht bestanden, „dass der russische Geheimdienst Attentate auf deutschem Boden plante“

Der Guardian berichtet, dass die deutschen Behörden die Waffen unbrauchbar gemacht und sie vor Ort gelassen hätten, „in der Hoffnung, im Zuge einer monatelangen elektronischen Überwachung Hinweise zu erhalten“.

Da jedoch niemand versucht habe, „die Waffen abzuholen, gingen die Ermittler davon aus, dass der oder die Agenten von der Entdeckung des Waffenlagers erfahren hatten und die Aktion nun beendet war“.

Sinan Selen, der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, warnt laut Guardian „seit Monaten vor aggressiveren Taktiken russischer Geheimdienste, darunter auch vor geplanten gezielten Anschlägen auf deutschem Boden“.

Geheimdienste halten geheim

Ein Sprecher des Bundesamts für Verfassungsschutz sagte laut der britischen Zeitung: „Grundsätzlich äußern wir uns nicht zu Angelegenheiten, die konkrete nachrichtendienstliche Aktivitäten betreffen.“

Fazit: Reminiszenzen an den Kalten Krieg

Das Vorgehen der deutschen Behörden nach dem Fund eines verdächtigen Lagers war nicht nachhaltig. Kein unmittelbar Tatverdächtiger wurde gefasst. Handfeste Belege, dass das Lager von Russland angelegt wurde, wurden der Öffentlichkeit nicht vorgelegt.

Wie kommt es dann zu dieser scheinbar so eindeutigen Zuschreibung?

Eine Ursache könnte in den Erfahrungen des Kalten Kriegs liegen. Einzelheiten darüber, wie geheime Lagerbestände an Kleinwaffen und Kommunikationsausrüstung in ganz Europa versteckt wurden, werden 2014 in einem erstmals veröffentlichten Geheimdienstarchiv des KGB enthüllt. Neunzehn Kisten mit Aufzeichnungen des KGB-Archivars Wassili Mitrochin wurden damals laut der National Post im Churchill Archives Centre in Cambridge der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mitrochins Notizen enthalten detaillierte Beschreibungen von Waffendepots, die außerhalb europäischer Großstädte versteckt waren und von Agenten im Ausland genutzt werden sollten, falls die Spannungen zu einem Konflikt eskalieren sollten.

Aktuell ist der Kalte Krieg allerdings längst in einen heißen Krieg mutiert, wie die jüngsten Angriffe der russischen Armee in der Ukraine zeigen. Ob das Vergraben von Waffen in einem Berliner Wald zum Repertoire der modernen hybriden Kriegsführung Moskaus gehört, kann anhand der präsentierten Fakten nicht beurteilt werden.

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