In Deutschland wird über Kosten, Arbeitsplätze und mögliche Werksschließungen diskutiert. In China, wo VW jahrzehntelang der führende ausländische Autobauer war, richten Kommentatoren den Blick auf ein anderes Problem: Der deutsche Konzern habe mit chinesischen Wettbewerbern bei Elektroautos, Software und Entwicklungsgeschwindigkeit nicht Schritt gehalten.
„Die wahre existenzielle Bedrohung ist der Aufstieg weltweit wettbewerbsfähiger chinesischer Technologie“, schreibt der Ökonom Li Wei bei Caixin Global. Chinesische Autohersteller, insbesondere im Bereich der New Energy Vehicles, bauten inzwischen „bessere Autos zu niedrigeren Kosten“.
Die Zahlen verdeutlichen die Verschiebung. 2014 erwirtschaftete Volkswagen in China laut Li einen Gewinn von 5,2 Milliarden Dollar, damals etwa die Hälfte des weltweiten Gesamtgewinns. Bis 2025 sank dieser Betrag auf 960 Millionen Dollar. Gleichzeitig steigerten chinesische Marken ihren Anteil am Heimatmarkt von 41 auf 67 Prozent.
Die chinesische Wirtschaftszeitung 21st Century Business Herald beschreibt Volkswagens Lage als die größte Restrukturierungskrise des Konzerns seit Jahrzehnten. Als zentrale Probleme nennt sie den Einbruch des Verbrennergeschäfts von VW und die Schwierigkeiten beim Übergang zum Elektroauto.
Wer kann Technologie?
Die Zeitung berichtet auch über Kritik innerhalb von Volkswagen in China an einem Entwicklungssystem, das weiterhin stark von Deutschland aus gesteuert werde. Ein von der Zeitung zitierter VW-Mitarbeiter sagte, deutsche Ingenieure hätten geglaubt zu wissen, was chinesische Kunden wollten, während Vorschläge aus China nur schwer Eingang in die globalen Entwicklungsprozesse des Konzerns gefunden hätten.
Volkswagen hat begonnen, dieses Modell zu verändern. Mehr Entwicklungsarbeit wird nach China verlagert, unter anderem im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem chinesischen Elektroautohersteller XPeng. In China entwickelte Technologie und Fahrzeuge könnten künftig auch den umgekehrten Weg nach Europa nehmen.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies hat vorgeschlagen, in China entwickelte Volkswagen-Modelle in deutschen Werken zu produzieren, um deren Auslastung zu erhöhen und Arbeitsplätze zu sichern, berichtet Caixin.
Die Idee hat in China Aufmerksamkeit erregt. Der 21st Century Business Herald vergleicht die Situation mit dem Eintritt japanischer Autohersteller in den US-Markt vor vier Jahrzehnten. Die Zeitung berichtet zudem, dass chinesische Hersteller wie BYD Interesse an Volkswagen-Produktionskapazitäten in Europa gezeigt hätten.
Weniger Modelle
Gleichzeitig bereitet sich Volkswagen darauf vor, kleiner zu werden. Der Konzern will seine weltweiten Produktionskapazitäten um eine Million Fahrzeuge von zehn auf neun Millionen reduzieren und könnte seine Modellpalette um bis zu die Hälfte verkleinern, berichtet Caixin. 2025 verkaufte Volkswagen in China 2,69 Millionen Fahrzeuge, nach 4,23 Millionen im Jahr 2019.
Für chinesische Beobachter geht die Restrukturierung von Volkswagen damit mit einer Umkehr der Rollen einher. VW gehörte in den 1980er- und 1990er-Jahren zu den Unternehmen, die moderne Automobiltechnologie und Fertigungswissen nach China brachten. Heute wendet sich Volkswagen an chinesische Partner, um Zugang zu Technologien zu erhalten, die der Konzern für den Wettbewerb im Elektroautozeitalter benötigt.
Wie Li Wei bei Caixin schreibt, ist der Niedergang Volkswagens in seinem einstigen Gewinnzentrum zu einem erheblichen Teil darauf zurückzuführen, dass der Konzern den Übergang zum Elektroauto nicht gemeistert habe. Die entscheidende Frage sei nun, ob Volkswagen diesen Wandel noch vollziehen könne.
VW beschließt Abbau von 50.000 Arbeitsplätzen
Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG hat einer umfassenden Umstrukturierung zugestimmt, die den Abbau von 50.000 zusätzlichen Stellen, eine deutlich reduzierte Modellpalette und eine Verkleinerung der Produktionsfläche vorsieht. Damit erhält Vorstandsvorsitzender Oliver Blume sein bisher klarstes Mandat, Europas größten Automobilhersteller neu auszurichten.
Der am Donnerstag vorgestellte Plan verdoppelt die seit Ende 2024 markenübergreifend vereinbarten Stellenstreichungen im Volkswagen-Konzern und ebnet gleichzeitig den Weg für eine Reduzierung der Fahrzeugpalette um bis zu 50 Prozent bis 2035. Die 50.000 neuen Stellenstreichungen entsprechen etwa acht Prozent der weltweiten VW-Belegschaft zum Jahresende .
„Angesichts des zunehmenden globalen Wettbewerbs, der sich verändernden Nachfrage und des technologischen Wandels in der Automobilindustrie ist eine konsequente Anpassung der Belegschaftskapazität an die wirtschaftliche Realität unerlässlich“, erklärte das Unternehmen in einer Stellungnahme. Der Vorstand hat in einer Sitzung in Wolfsburg den umfassenden Restrukturierungsplan, den sogenannten Zukunftsplan, genehmigt.
Betriebsrat bremst
Der Betriebsrat von VW, der die Beschäftigten des Unternehmens vertritt, versuchte, die potenziellen Stellenstreichungen zu reduzieren. Die Zahl von 50.000 Stellenstreichungen sei eine Planungsannahme, die sich aus dem Ziel von Volkswagen leite, bis 2030 eine Marge von neun Prozent zu erreichen, und keine feste Zielvorgabe. Ein Sprecher der Arbeitnehmervertretung erklärte zudem, dass betriebsbedingte Kündigungen bei Volkswagen gemäß den bestehenden Vereinbarungen bis Ende 2030 ausgeschlossen seien.
Diese Unterscheidung spiegelt den breiteren Kompromiss wider, der dem einstimmigen Beschluss des Vorstands am Donnerstag zugrunde lag. Dieser kam einen Tag früher als ursprünglich erwartet zustande, nach wochenlangen, zunehmend schärferen Auseinandersetzungen. Die Arbeitnehmervertreter hatten zwar akzeptiert, dass Volkswagen weitere Kostensenkungen benötige. Sie lehnten jedoch Werksschließungen, Maßnahmen zur Schwächung der Mitbestimmung – des deutschen Systems der Arbeitnehmervertretung bei Unternehmensentscheidungen – und Pläne zur Ausgliederung von Teilen des VW-Kerngeschäfts ab.
