Bundeskanzler Friedrich Merz sieht Russland als Feind der EU und will sich dieser Situation stellen. Er erklärte, Präsident Wladimir Putin wolle nicht nur die Ukraine besiegen, sondern auch die Demokratie in Europa untergraben. „Meine größte Sorge gilt dem unterschätzten Einfluss Russlands auf unsere Gesellschaften“, sagte Merz am Montag in einem Interview mit Bloomberg. „Russland ist dabei, die gesamte politische Ordnung unseres europäischen Kontinents zu destabilisieren.“
Daher will Merz das Vakuum füllen, das sich aus seiner Sicht durch eine Annäherung zwischen Putin und Donald Trump ergibt. Die US-Regierung wiederum will, dass die Europäer mehr Verantwortung in der Ukraine übernehmen – wenn der Krieg fortgesetzt werden soll. Die Ukraine setzt bei ihrem Vorhaben, weit hinter der Front Ziele in Russland mit eigenen Langstreckenwaffen anzugreifen, auf die Hilfe Europas. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Marschflugkörper FP-5 Flamingo, der bereits mehrfach gegen russische Rüstungs- und Industrieanlagen eingesetzt wurde.
Der Ausbau gewinnt an Bedeutung, weil Teile der ukrainischen Kriegsführung weiter von amerikanischer Technologie abhängen. Einschränkungen beim militärischen Satellitendienst StarShield beeinträchtigten zuletzt ukrainische Drohnenoperationen. Nach Angaben der Associated Press verhandelte Kiew deshalb mit SpaceX und der US-Regierung über Änderungen der Beschränkungen.
„Die Ukraine hat ihren im eigenen Land entwickelten Marschflugkörper FP-5 Flamingo bereits eingesetzt. Er soll eine Reichweite von 3000 Kilometern haben und einen Gefechtskopf von mehr als einer Tonne tragen“, sagte eine Quelle, die mit der Situation vertraut ist, dem World News Monitor.
Fire Point gibt für die FP-5 eine Reichweite von bis zu 3000 Kilometern und einen Gefechtskopf von rund 1150 Kilogramm an. Auch das International Institute for Strategic Studies führt diese Daten an, weist aber darauf hin, dass wesentliche technische Angaben vom Hersteller stammen.
„Der Flugkörper wird häufig als ukrainische Antwort auf den deutschen Taurus beschrieben, allerdings mit einer deutlich größeren angegebenen Reichweite“, sagte die Quelle.
Der Vergleich hat Grenzen. Der deutsch-schwedische Taurus KEPD 350 hat laut Hersteller MBDA eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern und wurde für hochpräzise Angriffe auf stark geschützte Ziele entwickelt. Sein Navigationssystem verbindet Trägheitsnavigation, GPS, Gelände- und bildbasierte Navigation.
Flamingo ist anders ausgelegt: größere Reichweite, schwererer Gefechtskopf, einfachere Produktion. Bei Präzision und störfester Navigation ist die öffentlich bekannte Technik weniger aufwendig als beim Taurus.
„Ein wesentlicher Vorteil ist, dass Flamingo während des Fluges keine kontinuierliche Starlink-Verbindung benötigt“, sagte die Quelle. „Dadurch kann die Ukraine Langstreckenangriffe durchführen, ohne unmittelbar von amerikanischer Satellitenkommunikation abhängig zu sein.“
Nach Recherchen von Ukrainska Pravda arbeitet die FP-5 mit Trägheitsnavigation und GPS; gegen Störungen wird demnach eine CRPA-Antenne eingesetzt. Eine permanente Starlink- oder Starshield-Verbindung ist für den Flug nicht nötig.
Völlig unabhängig von westlicher Satellitentechnik ist Flamingo dennoch nicht. Satellitennavigation bleibt Teil des Systems.
Führungssystem aus Frankreich
Ein wichtiger Teil der Technik kommt aus Frankreich. Der Rüstungskonzern Safran bestätigte Le Monde, dass Flamingo mit einem Führungssystem des Unternehmens arbeitet.
Damit ist die FP-5 zwar ein in der Ukraine integrierter und produzierter Flugkörper, greift bei zentraler Technik aber auf europäisches Know-how zurück.
Deutschland finanziert
Deutschland spielt dabei eine wachsende Rolle. Das Bundesverteidigungsministerium bestätigte im Januar, dass Berlin weitreichende, in der Ukraine produzierte Systeme mit „dreistelligen Millionenbeträgen“ finanziert. Anfang Oktober kündigte die Bundesregierung weitere Militärhilfe an, aus der unter anderem die Produktion ukrainischer Abstandswaffen finanziert werden soll.
Welche Systeme konkret profitieren, wird nicht veröffentlicht. Eine bestimmte Zahl deutscher finanzierter Flamingos lässt sich deshalb nicht nennen. Fest steht aber: Deutschland unterstützt ukrainische Langstreckenfähigkeiten mit erheblichen Summen.
Auch industriell wird die Zusammenarbeit enger. Im April vereinbarten Diehl Defence und Fire Point eine Technologiepartnerschaft. Im Juni bestätigte Diehl-Chef Helmut Rauch laut Financial Times Gespräche über eine mögliche gemeinsame Produktion der FP-5 in Deutschland.
Fire-Point-Chefin Iryna Terekh sagte Euronews, dass Gespräche mit mehreren deutschen Unternehmen und der Bundesregierung liefen. Ukrainische Kriegserfahrung und deutsche Industriekompetenz sollen zusammengeführt werden.
Ob deutsche Technik bereits in den heute eingesetzten Flamingos steckt, ist nicht bekannt. Einen öffentlichen Beleg für eine Beteiligung von Taurus-Entwicklern gibt es ebenfalls nicht.
Britisch-emiratische Partner
Auch die Vorgeschichte des FP-5-Programms reicht über die Ukraine hinaus. Das IISS weist darauf hin, dass das britisch-emiratische Unternehmen Milanion schon vor der öffentlichen Vorstellung durch Fire Point einen nahezu identischen FP-5-Entwurf unter derselben Bezeichnung vermarktete.
Wie weit Milanion technisch beteiligt war, ist unklar. Ukrainska Pravda berichtete später, die Präsentation über Milanion habe unter anderem geholfen, den internationalen Ankauf gebrauchter AI-25TL-Triebwerke weniger eindeutig mit der Ukraine in Verbindung zu bringen.
Quereinsteiger bauen Rüstungsunternehmen auf
Auch die Geschichte von Fire Point ist ungewöhnlich. Die öffentlich bekannten Führungspersonen kamen nicht aus der klassischen Raketenindustrie: Yehor Skalyha aus der Filmproduktion, Denys Shtilerman aus dem IT- und Unternehmensbereich und Iryna Terekh aus der Architektur.
Das technische Wissen kam jedoch aus einem weit größeren Netzwerk. Nach Recherchen von Ukrainska Pravda beschäftigte Fire Point Anfang 2026 bereits rund 3700 Menschen, darunter viele Mitarbeiter aus ukrainischen Industrieunternehmen. Hinzu kommen staatliche und private Zulieferer sowie vorhandenes ukrainisches und sowjetisches Raketen- und Luftfahrt-Know-how.
Fire Point griff bei Flamingo zudem auf bestehende Technik zurück, darunter gebrauchte AI-25TL-Turbojets und Elemente älterer sowjetischer Konzepte. Das verkürzte die Entwicklungszeit, setzte aber auch technische Grenzen.
Rund 100 Flugkörper im Monat
Die Produktion wurde seit 2025 deutlich erhöht. Ende Juli sagte Terekh dem Guardian, Fire Point produziere inzwischen rund 100 Flamingos im Monat. Nach ihren Angaben beschäftigte das Unternehmen etwa 6000 Menschen und arbeitete an 83 Produktionsstandorten in der Ukraine sowie einem weiteren Standort in Dänemark.
Die Zahlen sind nicht unabhängig auditiert. Auch die Größe des ukrainischen Bestands ist unbekannt. Die öffentlich dokumentierten Starts liegen deutlich unter der theoretischen Produktion.
Präsident Wolodymyr Selenskyj machte allerdings deutlich, dass Flamingo häufiger eingesetzt werden soll. Im August sagte er, die Flugkörper sollten keine „seltene Spezies“ bleiben, sondern in großer Zahl kommen und in Russland „überwintern“.
„Die größten Unsicherheiten bleiben die Produktionskapazität, die Treffergenauigkeit und die Fähigkeit des Flugkörpers, die russische Luftabwehr zu durchdringen“, sagte die Quelle dem World News Monitor.
Treffer tief in Russland
Die bisherigen Einsätze zeigen Wirkung und Grenzen. Im September traf eine FP-5 das Spezialchemiewerk Volgogradpromproekt in Wolgograd. Satellitenbilder zeigten einen erheblich beschädigten Teil der Hauptwerkhalle. Fire Point bestätigte den Einsatz der Ukrainska Pravda.
Eine weitere Flamingo verfehlte nach derselben Auswertung das eigentliche Zielgebäude. Der Angriff zeigt damit zugleich die Wirkung eines direkten Treffers und die weiterhin begrenzte Präzision.
Am 20. September bestätigte Selenskyj einen weiteren größeren Angriff, bei dem neben Flamingo auch andere ukrainische Langstreckenwaffen eingesetzt wurden. Welche Schäden dabei konkret auf FP-5 zurückgingen, ist nicht bekannt.
Andere Stärken als Taurus
Flamingo und Taurus sind nur begrenzt vergleichbar. Fire Point gibt den Gefechtskopf der FP-5 mit rund 1150 Kilogramm an. Taurus trägt laut MBDA rund 480 Kilogramm.
Taurus ist für hochpräzise Angriffe auf stark gehärtete Ziele entwickelt worden. Flamingo setzt stärker auf Reichweite, Sprengwirkung und Stückzahl. Für große stationäre Ziele wie Industrieanlagen, Rüstungswerke oder Lagerkomplexe kann das auch bei geringerer Präzision ausreichen.
„Wenn es der Ukraine gelingt, die Produktion vor dem Winter deutlich zu steigern, könnte Flamingo zu einer wichtigen strategischen Waffe gegen russische militärische Infrastruktur weit hinter der Front werden“, sagte die Quelle.
Die Produktion ist nach Angaben von Fire Point inzwischen bereits stark gestiegen. Entscheidend ist nun, ob die gemeldete Rate gehalten werden kann und wie viele Flugkörper tatsächlich einsatzbereit sind.
Weniger abhängig von Washington
„Für die Ukraine geht es dabei um mehr als nur um einen neuen Flugkörper“, sagte die Quelle. „Es geht darum, die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu verringern und die Fähigkeit zu stärken, sich nach eigenen Bedingungen zu verteidigen.“
Flamingo macht die Ukraine nicht unabhängig von westlicher Technik. Aber die Abhängigkeit verlagert sich – weg von den USA, stärker nach Europa.
Frankreich liefert Führungstechnik. Deutschland finanziert ukrainische Langstreckenwaffen und baut über Diehl die industrielle Zusammenarbeit aus. Eine Produktion in Deutschland wird verhandelt. Großbritannien und die Vereinigten Arabischen Emirate tauchen über Milanion in der Vorgeschichte des FP-5 auf. Die Ukraine selbst übernimmt Entwicklung, Integration, Produktion und Kampferprobung.
Das Flamingo-Programm soll zeigen, wie die ukrainischen Streitkräfte und Europa eigene Langstreckenfähigkeiten entwickeln und einen Teil der bisherigen Abhängigkeit von amerikanischen Systemen verringern.
Mehr Schaden für weniger Geld
Auch beim Preis unterscheidet sich Flamingo deutlich von westlichen Marschflugkörpern. Fire Point beziffert die Kosten einer FP-5 auf rund 600.000 Euro. Für einen neu beschafften Taurus werden reine Stückkosten von etwa 1,75 bis 2 Millionen Euro geschätzt; inklusive weiterer Beschaffungskosten kann die Summe deutlich höher liegen. Ein Tomahawk Block V kostet nach Angaben der US-Marine rund 3,64 Millionen Dollar pro Stück. Flamingo wäre damit trotz größerer angegebener Reichweite erheblich günstiger als beide Systeme.
