Flut in Nepal: War Bruch eines Gletschers die Ursache?

Die Sturzflut in Nepal könnte durch einen abbrechenden Gletscher ausgelöst worden sein. Die Entwicklung von Wetter und Klima bedroht weltweit die Bergregionen.

Bildschirmaufnahmen von Überwachungskameras, die auf chinesischen Social-Media-Plattformen veröffentlicht wurden, zeigen angeblich eine Sturzflut, die am 26. August 2026 den Hafen von Gyirong in der Autonomen Region Tibet heimsuchte. (Foto: UNBEKANNT / AFP)

Ein Gletscherabbruch könnte die Ursache der Katastrophe in Nepal gewesen sein: Schmelzender Schnee hat offenbar einen steilen Gletscher in fünf Kilometern Höhe geschwächt, worauf dieser etwa einen Kilometer tief in das darunterliegende Tal stürzte. Dort verwandelte sich ein Fluss in eine reißende Sturzflut. Das berichten der New Scientist, Reuters und die NewYork Times. Videos zeigen das Ereignis.

Satellitenbilder und seismische Messungen liefern neue Hinweise auf die Ursache der verheerenden Sturzflut in Nepal: Offenbar brach in rund 5.200 Metern Höhe ein Teil eines Gletschers ab und stürzte mehr als einen Kilometer ins Tal.

Erste Berichte deuteten zunächst darauf hin, dass ein Erdbeben in der Region eine Lawine ausgelöst und die Überschwemmungen verursacht haben könnte. Prakash Pokharel, Geologe bei der Behörde, erklärte jedoch laut Reuters, es sei noch unklar, ob dies die Katastrophe ausgelöst habe. „Die Sturzfluten wurden durch eine Eis- und Felslawine auf nepalesischer Seite verursacht“, sagte Pokharel, der die Bilder von Planet Labs ausgewertet hat.

Schlammstrom statt Erdbeben

Kristen Cook von der Universität Grenoble Alpes in Frankreich widersprach laut New Scientist der Erdbeben-These: „Ich habe die Daten mehrerer Stationen in der Region ausgewertet, darunter auch eine Station des nepalesischen nationalen seismischen Netzwerks in der Nähe von Kathmandu, und das Ereignis ist in den Aufzeichnungen deutlich erkennbar.“ Die Aufzeichnung beginne mit einem starken Signal, das typischerweise eher mit Massenbewegungen als mit Erdbeben in Verbindung gebracht wird, so Cook. „Dann sehen wir ein langes seismisches Signal, typisch für einen großen Schlammstrom, das stundenlang anhält.“

Dieses Standbild aus einem UGC-Video, das von der nepalesischen Polizei zur Verfügung gestellt wurde, zeigt die Fluten, die nach Sturzfluten im Distrikt Rasuwa am 26. August 2026 durch den Fluss Bhote Koshi strömen. (Foto: UGC / Nepalesische Polizei / AFP)

Der US Geological Survey beschrieb das seismische Ereignis zunächst als Erdbeben, gibt aber nun an, dass weitere Analysen einen Erdrutsch ergeben haben.

Die Behörden beider Seiten befürchten, dass die tatsächliche Zahl der Opfer weit höher liegt als die bisher geborgenen knapp 160 Toten. Mehr als 300 Reisende werden vermisst, teilte die nepalesische Regierung mit. Der chinesische Präsident Xi Jinping ordnete umfassende Anstrengungen zur Suche und Rettung der Vermissten an.

Gletscherzunge eingestürzt

Satellitenbilder der Region von Planet Labs, die Reuters einsehen konnte, zeigen einen einst üppig grünen Berghang, der nun unter braunem Geröll und Sediment begraben ist. „Es ist bestätigt, dass ein erheblicher Teil der Gletscherzunge einstürzte und so das Ereignis auslöste – vermutlich unter Mitnahme einer beträchtlichen Menge Gestein und Sediment“, sagte Vikram Gupta, Ingenieurgeologe und Dozent an der Sikkim-Universität in Indien.

Der Geowissenschaftler Dan Shugar, außerordentlicher Professor an der Universität Calgary, sagte, die Bilder deuteten darauf hin, dass in den 24 Stunden vor dem Unglück große Schneemengen geschmolzen seien.

„Einige der Gletscher im Tal waren gestern noch schneebedeckt, heute sind sie größtenteils blankes Eis. Mit anderen Worten (und ich habe noch keine Daten von Wetterstationen gesehen): Es war wahrscheinlich warm“, sagte er.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Nepals schneebedeckte Berge haben laut Angaben der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2023 in nur gut 30 Jahren aufgrund der globalen Erwärmung fast ein Drittel ihres Eises verloren. Die Organisation fügte im selben Jahr hinzu, dass die Gletscher in Nepal, eingezwängt zwischen zwei großen CO₂-Emittenten – Indien und China –, im letzten Jahrzehnt 65 Prozent schneller schmolzen als im vorherigen.

Diese Kombination aus Satellitenbildern, erstellt am 26. August 2026 und veröffentlicht von Planet Labs, zeigt eine Luftaufnahme des Trishuli-Flusses vor dem schweren Hochwasser am 23. August 2026 (oben) und nach dem Hochwasser am 26. August 2026 (unten) in Chappthoke, Nepal. (Foto: Planet Labs PBC / AFP)

„Auf den Satellitenbildern von Planet Labs von heute Morgen ist zu sehen, dass der untere Teil eines Gletschers in etwa 5.200 Metern Höhe abgebrochen und rund 1.200 Meter tiefer ins Tal gestürzt ist“, sagte Shugar.

Er sagte, auch Bauarbeiten könnten ein Faktor sein, und „ob der Klimawandel eine Rolle gespielt hat, werden wir in naher Zukunft zweifellos untersuchen“.

Erdbeben: Fehlinterpretation der Daten?

Dave Petley, Autor des Erdrutsch-Blogs bei EOS, einer Nachrichtenzeitschrift der American Geophysical Union, ist ein weltweit führender Experte für die Erforschung und das Management von Erdrutschen. Auf EOS schreibt er, die erste Annahme, es könne ein Erdbeben gegeben haben, sei „wahrscheinlich eine Fehlinterpretation der Daten“: „Das seismische Signal stammt mit ziemlicher Sicherheit von einer Fels- und Eislawine und einem Schlammstrom, nicht von einem tektonischen Ereignis.“

Erklärung für Wassermengen?

Petley nennt Gründe, wie ein Gletscherzusammenbruch so schnell zu flüssigem Wasser führen konnte: „Ein faszinierender Aspekt dabei ist die Quelle der enormen Wassermenge. Es könnte sich um eine Kombination aus Eis handeln, das durch die beim anfänglichen Einsturz freigesetzte Energie in Wasser umgewandelt wurde, aus in den mitgerissenen Sedimenten gebundenem Wasser und aus Flusswasser.“ Dies sei jedoch reine Spekulation. Es gäbe keine Beweise dafür, dass es sich um eine Gletschersee-Ausbruchsflut handelte.

Um dieses Ereignis zu verstehen, müsse es von einem internationalen Team untersucht werden.

Berggemeinschaften weltweit, von den Alpen über die Anden bis zum Himalaya, sind nach Ansicht von UN-Experten durch die zunehmende Intensität und Häufigkeit von Naturgefahren bedroht. Ihr Leben, ihre Lebensweise, ihre Kultur und ihr Erbe seien in Gefahr.

Ähnliche Ereignisse in Europa

In Blatten in der Schweiz stürzten am 28. Mai 2025 am Birch-/Kleinen-Nesthorn-Komplex enorme Mengen Fels und Eis auf den Gletscher und anschließend ins Lötschental. Die Masse aus Eis, Schlamm und Gestein verschüttete große Teile des zuvor evakuierten Dorfs Blatten.

Auch aus früheren Jahrhunderten sind verheerende Ereignisse im Zusammenhang mit Gletschern in den Alpen bekannt.

Am Giétro-Gletscher in der Schweiz hatte Gletschereis 1818 im Val de Bagnes einen See aufgestaut. Als der Eisdamm brach, wurden ungefähr 20 Millionen Kubikmeter Wasser schlagartig freigesetzt. Die Flut raste durchs Tal; 44 Menschen starben.

Am Tête-Rousse-Gletscher in Frankreich brach 1892 im Mont-Blanc-Massiv ein Wasserreservoir innerhalb des Gletschers auf. Rund 200.000 Kubikmeter Wasser und Eis wurden freigesetzt. Eine Flut aus Wasser, Schlamm und Geröll verwüstete Saint-Gervais–Le Fayet; 175 Menschen kamen ums Leben.

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