Hormus-Krise: Shanghai-Staaten suchen alternative Transportrouten

Die Staaten der Shanghai Kooperation (SCO) überlegen, welche Konsequenzen sie langfristig aus der Sperre der Straße von Hormus ziehen müssen.

Der Krieg zwischen den USA und Israel gegen den Iran sowie die Blockade der Straße von Hormus haben die Energiesicherheit beim Treffen der Staats- und Regierungschefs der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) in Kirgisistan in den Fokus gerückt. Dabei wurde die Anfälligkeit der Ölversorgung und der Handelsrouten zwischen dem Golf und Asien deutlich.

Die Lage ist besonders brisant, da die Straße Hormus nach eine der wichtigsten Energie-Routen der Welt ist – mit besonderer Bedeutung für die SCO-Mitglieder.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) passierten im Jahr 2025 durchschnittlich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Erdölprodukte pro Tag die Straße von Hormus. Dies entspricht etwa einem Viertel des weltweiten Seehandels mit Öl. Rund 80 Prozent dieser Lieferungen waren für Asien bestimmt. China und Indien nahmen zusammen 44 Prozent des Rohöls ab, das durch die Straße von Hormus transportiert wurde.

Diese Abhängigkeit verleiht der Krise besondere Bedeutung für die SCO-Mitglieder – die neben China, Indien und Iran auch die großen Energieproduzenten Russland und Kasachstan sind.

EAI: Hormus faktisch blockiert

Das East Asia Institute (EAI), ein in Seoul ansässiges außenpolitisches Forschungsinstitut, erklärte in einer am 23. August veröffentlichten Analyse, dass die Straße von Hormus seit Beginn der US-amerikanisch-israelischen Luftangriffe gegen den Iran am 28. Februar einer „faktischen Blockade“ unterliegt.

Vor dem Konflikt, so das EAI, wurde etwa ein Fünftel der weltweiten Rohölversorgung durch diese Wasserstraße transportiert. Das Institut rechnet mit anhaltender Instabilität in der Region um Hormus und prognostiziert einen Brent-Rohölpreis von etwa 88 bis 95 US-Dollar pro Barrel, da sich Phasen von Verhandlungen und erneuten Spannungen abwechseln.

Die Lage hat sich seit dem Auslaufen des Islamabad-Memorandums am 17. August, der im Juni vereinbarten Waffenruhe, verkompliziert. Laut EAI hat der Iran daraufhin eine offensivere Haltung eingenommen und setzt zunehmend sein eigenes System für Schiffe durch, die die Straße von Hormus passieren.

In einer Folgeanalyse vom 26. August erklärte die EAI, dass sich das einseitige Transitsystem des Irans trotz fehlender anerkannter Rechtsgrundlage zur „de facto Standardroute“ entwickle. Das Institut führte die Sperrung von 45 Schiffen durch den Iran als Beleg dafür an, dass Teheran versuche, das System in der Praxis durchzusetzen.

China ist besonders gefährdet

Laut EAI kauft China mehr als 80 Prozent der iranischen Rohölexporte. Damit ist Peking sowohl für Irans Fähigkeit, weiterhin Öl zu verkaufen, als auch für Washingtons Bemühungen, den wirtschaftlichen Druck auf Teheran zu erhöhen, von zentraler Bedeutung.

Das Institut argumentiert, dass diese Abhängigkeit auch die Durchsetzungsmöglichkeiten der USA bei Sanktionen einschränkt, ohne eine umfassendere Konfrontation mit China zu riskieren. EAI geht davon aus, dass die US-Sanktionen selektiv und schrittweise angewendet werden, und merkt an, dass Washington im Rahmen seiner jüngsten Maßnahmen gegen den Iran bisher direkte Sanktionen gegen große chinesische Banken vermieden hat.

Die Störungen beeinträchtigen dennoch bereits den chinesischen Handel. Unter Berufung auf maritime Daten und regionale Berichte erklärte EAI, dass Chinas Importe von iranischem Rohöl seit Kriegsbeginn um 48 Prozent zurückgegangen seien, während große chinesische Staatsreedereien ihre Routen durch Hormus und Bab al-Mandab eingestellt hätten.

Energiesicherheit im Fokus

Die Hormus-Krise trifft die SCO-Mitglieder zu einem Zeitpunkt, an dem sie ihre Zusammenarbeit im Bereich Energiesicherheit ausbauen wollen.

Bei einem Treffen der SCO-Energieminister am 19. Juni in Bischkek erörterten die Vertreter die von der Organisation als Volatilität bezeichneten internationalen Energiemärkte.

Laut dem offiziellen Bericht des SCO-Sekretariats legten die Minister neben Energieeffizienz und Energiewende besonderen Wert auf die „Gewährleistung der Energiesicherheit“ und den „Schutz der Energieinfrastruktur“.

Die Minister vereinbarten außerdem, die Konsultationen zur Gründung eines SCO-Energiekonsortiums fortzusetzen, das einen zusätzlichen Kooperationsmechanismus zwischen den wichtigsten Energieerzeugern und -verbrauchern der Organisation bieten könnte.

Das Treffen befasste sich mit der Umsetzung der SCO-Strategie zur Entwicklung der Energiekooperation bis 2030 und dem dazugehörigen Fahrplan. Die Minister billigten zudem Entwürfe für Erklärungen zur Zusammenarbeit in den Bereichen Energieeffizienz und Energiesysteme, die auf dem Gipfeltreffen in Bischkek verabschiedet werden sollen.

Kirgisistan, das den SCO-Vorsitz innehat, hat eine verstärkte regionale Energiekooperation als eine der Prioritäten der Organisation genannt. Auf dem Ministertreffen im Juni erklärte der kirgisische Energieminister Altynbek Rysbekow laut der staatlichen kirgisischen Nachrichtenagentur Kabar, die Energiekooperation innerhalb der Organisation habe sich über die traditionellen regionalen Sicherheitsbelange hinaus auf eine nachhaltige und grüne Entwicklung ausgeweitet.

Suche nach alternativen Routen

Der Iran-Konflikt verstärkt zudem die Bedeutung eines weiteren Themas auf der Agenda von Bischkek: den Waren- und Energietransport durch Eurasien.

Al Jazeera berichtete vom Gipfeltreffen, dass die Mitglieder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) neue Handels- und Transportkorridore erörtern werden.

Zu den diskutierten Projekten gehört der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor, ein rund 7.200 Kilometer langes Netzwerk, das Russland über den Iran und Häfen am Golf mit Indien verbindet. Die Gespräche zwischen Russland und Indien werden voraussichtlich auch die Nördliche Seeroute durch die Arktis umfassen.

Die Bedeutung dieser Verbindung sollte jedoch nicht überschätzt werden. Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass die SCO eine gemeinsame Strategie speziell zur Ersetzung der Straße von Hormuz verabschiedet hat oder dass die diskutierten Korridore die enormen Ölmengen, die durch die Straße transportiert werden, ersetzen könnten.

Physischen Grenzen erheblich

Die Internationale Energieagentur schätzt, dass nur etwa 3,5 bis 5,5 Millionen Barrel Pipelinekapazität pro Tag zur Verfügung stehen, um Rohöl aus dem Golf von Hormuz umzuleiten. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 passierten täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und Erdölprodukte die Straße von Hormus.

Die US-Energieinformationsbehörde (EIA) schätzt ähnlich, dass saudische und emiratische Pipelines Hormuz nur für einen Teil der normalen Transportmengen umgehen könnten.

Russland, Iran und Kasachstan sind bedeutende Produzenten; China und Indien gehören zu den größten Energieverbrauchern der Welt.

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