Extreme Hitze bringt Tunesiens Strom- und Wasserversorgung an ihre Grenzen
Temperaturen von fast 50 Grad, Stromausfälle und zeitweise unterbrochene Wasserversorgung: Tunesien leidet unter einer extremen Hitzewelle.
In der zentral gelegenen Stadt Kairouan wurden am 27. August 49,8 Grad Celsius gemessen. Damit näherte sich die Temperatur dem tunesischen Landesrekord von 50,3 Grad aus dem Jahr 2021. Mehrere tunesische Städte gehörten an diesem Tag zu den heißesten Messstationen weltweit.
Die extreme Hitze lässt gleichzeitig den Stromverbrauch stark steigen. Klimaanlagen und Ventilatoren laufen vielerorts auf Hochtouren. Der staatliche Energieversorger STEG reagierte mit zeitweisen, rotierenden Abschaltungen in verschiedenen Regionen des Landes. Nach Angaben des Unternehmens sollen diese Maßnahmen verhindern, dass das Stromnetz durch die außergewöhnlich hohe Nachfrage überlastet wird. Ende August kündigte STEG weitere mögliche Abschaltungen abhängig vom Verhältnis zwischen Stromproduktion und Verbrauch an.
Stromausfälle treffen auch die Wasserversorgung
Besonders problematisch ist, dass Strom- und Wasserversorgung teilweise voneinander abhängig sind. Pumpstationen benötigen Elektrizität, um Trinkwasser durch das Leitungsnetz zu transportieren. Fällt der Strom aus, können deshalb auch Wasserpumpen stillstehen.
Am 24. August führte ein Stromausfall beispielsweise zum Stillstand der wichtigen Pumpstation Kerker. In der Folge wurde die Trinkwasserversorgung in Teilen der Gouvernements Mahdia und Sfax beeinträchtigt.
Wasserknappheit und Dürren
Tunesien leidet bereits seit Jahren unter Wasserknappheit und wiederkehrenden Dürren. Nach Angaben der Weltbank lag die verfügbare Wassermenge 2021 bei lediglich 395 Kubikmetern pro Einwohner und damit deutlich unter der Schwelle von 500 Kubikmetern, die als absolute Wasserknappheit gilt. Gleichzeitig verliert das Leitungsnetz erhebliche Mengen Wasser.
Auch Mineralwasser ist inzwischen vielerorts knapp. In Geschäften bleiben Regale teilweise leer, während die Nachfrage wegen der Hitze und der unzuverlässigen Leitungswasserversorgung steigt. Gleichzeitig beeinträchtigen Stromausfälle die Produktion der Abfüllbetriebe. Berichten zufolge kam es angesichts knapper Lieferungen vereinzelt zu Streitigkeiten und überhöhten Verkaufspreisen.
Krankenhäuser unter Druck
Besonders ernst sind die Folgen für das Gesundheitssystem. Notaufnahmen melden eine starke Belastung durch Patienten mit hitzebedingten Beschwerden. Das tunesische Gesundheitsministerium registrierte zwischen dem 1. Juli und dem 29. August insgesamt 633 Fälle, die wegen der Auswirkungen der Hitze medizinisch behandelt werden mussten. Eine Organisation junger tunesischer Ärzte forderte angesichts der Situation sogar die Ausrufung eines Gesundheitsnotstands.
Für die Bevölkerung können längere Stromausfälle während einer solchen Hitzewelle gravierende Folgen haben. Klimaanlagen und Ventilatoren funktionieren nicht mehr, Lebensmittel können ohne Kühlung verderben und medizinische Geräte in Privathaushalten – etwa Sauerstoffkonzentratoren – sind teilweise unmittelbar von einer stabilen Stromversorgung abhängig.
Präsident spricht von Sabotage
Mittlerweile hat die Versorgungskrise auch eine politische Dimension angenommen. Präsident Kais Saied erklärte laut Al Jazeera, Untersuchungen hätten ergeben, dass zumindest einige Strom- und Wasserausfälle keine gewöhnlichen technischen Störungen seien. Er sprach von gezielt geplanten Sabotageakten, die Spannungen in der Bevölkerung schüren sollten. Konkrete Verantwortliche nannte er nicht.
Unabhängig von diesen bislang nicht belegten Sabotagevorwürfen gibt es dokumentierte technische Ursachen für die Versorgungsprobleme. Der Energieversorger verweist auf die enorme Belastung des Stromnetzes durch die Hitze, während Tunesiens Wasserprobleme bereits seit Jahren bestehen.
Die aktuelle Situation macht damit deutlich, wie schnell sich mehrere Krisen gegenseitig verstärken können: Extreme Temperaturen erhöhen den Strom- und Wasserverbrauch, Stromausfälle können wiederum Pumpstationen lahmlegen – und die ohnehin knappen Wasserressourcen des Landes geraten noch stärker unter Druck.
Solange die außergewöhnlich hohen Temperaturen anhalten, dürfte deshalb auch die Belastung für Tunesiens Energie- und Wasserversorgung hoch bleiben.
