Diesel wird knapp: Droht ein Dieselpreis von drei Euro pro Liter?

Wenn die Kriege weitergehen oder gar eskalieren, wird der Diesel-Preis steigen. Kritisch wird es, wenn die USA und China ihre Exporte drosseln.

Diesel, ein kostbares Gut. (Foto: Pixabay)
Diesel, ein kostbares Gut. (Foto: Pixabay)

Diesel kostete in Deutschland am 16. September im Durchschnitt 2,453 Euro je Liter – 10,1 Cent mehr als eine Woche zuvor und ein neuer Höchststand. Auch Super E10 erreichte mit 2,314 Euro einen Rekord, zeigen die Kraftstoffpreisdaten des ADAC. Auch der europäische Großhandelspreis ist stark gestiegen. S&P Global meldete, dass Diesel für Nordwesteuropa am 15. September mit 1.642,25 Dollar je Tonne den höchsten Stand seit Beginn der entsprechenden Platts-Preisreihe erreichte. Eine Versorgungskrise besteht bislang dennoch nicht. Die EU-Kommission erklärte am 8. September, europäische Raffinerien, alternative Importe sowie kommerzielle und staatliche Vorräte reichten aus. Für Herbst und Winter erwartet sie jedoch einen engeren Markt.

Russland und der Golf liefern deutlich weniger

Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur lagen die Nettoexporte von Diesel aus Russland und den Golfstaaten im August zusammen rund 1,6 Millionen Barrel pro Tag unter dem Stand vom Februar. Auf beide Regionen entfielen zuvor fast 45 Prozent des weltweiten seeseitigen Handels mit Diesel. Aus den Golfstaaten kamen im August nur noch rund 390.000 Barrel pro Tag – etwas mehr als ein Viertel des vorherigen Niveaus. In Russland haben ukrainische Angriffe wiederholt Raffinerien beschädigt oder stillgelegt. Russland kann weiter Rohöl exportieren, verarbeitet aber weniger davon zu Diesel und anderen Kraftstoffen.

Mehrere Staaten versuchen zugleich, mehr Kraftstoff im Inland zu halten. Russland hat die Ausfuhr von Diesel und anderen Kraftstoffen eingeschränkt. Kasachstan hat ebenfalls Diesel- und Mineralölexporte begrenzt. Die Regierung begründet dies mit der Sicherung der Versorgung und stabilen Inlandspreisen. Serbien hat ein befristetes Exportverbot für mehrere Mineralölprodukte einschließlich Euro-Diesel verhängt. Die Regelung soll eine Verknappung im Inland verhindern. Deutschland bezieht wegen der EU-Sanktionen kaum noch direkt russischen Diesel. Frühere Abnehmer Russlands, darunter die Türkei, Brasilien und mehrere afrikanische Staaten, müssen Ersatz aber auf denselben Märkten suchen wie Europa.

USA erwägen Exportbeschränkungen

Die USA ersetzen einen Teil der fehlenden russischen und nahöstlichen Lieferungen, haben aber selbst niedrige Lagerbestände. Nach Daten der US-Energiebehörde EIA lagen die Destillatbestände am 11. September bei rund 107,9 Millionen Barrel und damit etwa 13 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Die Raffinerien arbeiten nahe ihrer Kapazitätsgrenze. Trotzdem exportieren die USA nach Angaben der EIA rund 1,67 Millionen Barrel Destillate pro Tag.

In Washington wird deshalb über mögliche Exportbeschränkungen gesprochen. US-Energieminister Chris Wright schloss sie Anfang September nicht aus. Bei CBS sagte Wright, die Regierung prüfe „alle Optionen“, wolle zunächst aber das Angebot erhöhen. Auch Innenminister Doug Burgum hielt ein Exportverbot grundsätzlich für möglich. Burgum sagte, die Regierung würde einen solchen Schritt erwägen, wenn er die Preise für amerikanische Verbraucher senken würde. Der republikanische Mehrheitsführer im Senat, John Thune, erklärte ebenfalls, er sei offen für eine Prüfung. Nach Angaben von OPIS geht es darum, mehr Diesel im Land zu halten. Auch Präsident Donald Trump verwies auf die Folgen der Angriffe auf russische Raffinerien für Kraftstoffpreise und forderte den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf, diese Angriffe einzustellen. Beschlossen ist eine US-Exportbeschränkung bisher nicht.

China und Indien behalten sich Stopp vor

China verhängt derzeit keine neuen Diesel-Exportbeschränkungen. Peking hat die Ausfuhr aber bereits kurzfristig gedrosselt. Nach Angaben von S&P Global setzte China im Frühjahr zeitweise neue Exportgenehmigungen für raffinierte Ölprodukte aus, um mehr Kraftstoff im Inland zu halten. S&P Global berichtete Anfang September, dass Führungskräfte großer chinesischer Raffinerien bei einer weiteren Verschlechterung der Versorgung mit neuen Eingriffen rechnen. Neue Beschränkungen gibt es bislang nicht.

Indien hat Diesel-Exporte bereits über Abgaben gebremst. Die Regierung begründete diese Abgaben ausdrücklich mit der Sicherung der Inlandsversorgung. Zuletzt wurde die Abgabe jedoch gesenkt, was gegen eine weitere Verschärfung spricht. Indien bleibt zugleich ein wichtiger Lieferant für Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika. Wohin die Ladungen gehen, hängt zunehmend auch von Versicherungs- und Transportkosten ab. S&P Global berichtete, dass die zusätzlichen Kriegsrisikoprämien für Fahrten durch die Straße von Hormus zeitweise auf 7,5 bis 10 Prozent des Schiffswerts gestiegen waren. Im August meldete S&P Global, dass mehrere Versicherungsvereine nach einem tödlichen Angriff Teile ihrer Kriegsrisikodeckung für das Rote Meer und den Golf von Aden zurückzogen. Brasilien kann aus Indien über das Kap der Guten Hoffnung beliefert werden, ohne das Rote Meer und den Suezkanal zu passieren. Sind europäische Routen teurer oder riskanter, kann Brasilien für Verkäufer attraktiver werden. Für die Türkei gilt das nicht: Der kurze Weg von Indien in türkische Häfen führt ebenfalls durch Bab al-Mandab, das Rote Meer und den Suezkanal.

Türkei und Deutschland konkurrieren

Die Türkei gehörte zu den größten Käufern russischer Raffinerieprodukte. Nach Daten von S&P Global wurden im Mai 1,385 Millionen Tonnen russischer Diesel und Gasoil für den Mittelmeerraum verladen. Davon waren 1,159 Millionen Tonnen für die Türkei bestimmt. Im Juni ging die Menge deutlich zurück. Fällt in Russland weitere Raffineriekapazität aus, muss die Türkei mehr Diesel aus den USA, Indien, dem Nahen Osten oder Europa kaufen.

Europa ersetzte russischen Diesel vor allem durch Lieferungen aus den USA und dem Nahen Osten. S&P Global bezifferte die Diesellieferungen aus dem Nahen Osten nach Europa 2025 auf durchschnittlich rund 519.000 Barrel pro Tag. Davon kamen rund 311.000 Barrel aus Saudi-Arabien und 110.000 aus Kuwait. Diese Mengen sind inzwischen zurückgegangen. Gleichzeitig kaufen die Türkei, Brasilien und afrikanische Staaten mehr Diesel auf denselben Märkten. Für Deutschland bedeutet das zunächst höhere Preise. Europa bekommt zusätzliche Ladungen, wenn Käufer hier mehr bieten als anderswo.

Drei Euro sind denkbar

Ein bundesweiter Dieselpreis von drei Euro je Liter ist keine Prognose. Vom Rekordwert von 2,453 Euro fehlen knapp 55 Cent. Dafür müssten mehrere Belastungen zusammenkommen: weitere Ausfälle russischer Raffinerien, niedrige Exporte aus den Golfstaaten, Störungen wichtiger Schifffahrtsrouten und zusätzliche Exportbeschränkungen. Besonders kritisch für Europa wäre, wenn China seine Exporte erneut drosselt und zugleich die USA einen Teil ihrer rund 1,7 Millionen Barrel täglichen Destillatexporte im Land halten.

Die EU-Kommission sieht derzeit keine unmittelbare Versorgungskrise. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur sind die beobachteten weltweiten Ölvorräte seit Februar jedoch um rund 507 Millionen Barrel gesunken. Für drei Euro je Liter müsste Diesel nicht weltweit ausgehen. Es würde reichen, wenn mehrere große Exportländer gleichzeitig weniger auf den Weltmarkt geben.

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