Knapp 800.000 Menschen haben nach Angaben der Gewerkschaft CGT am Samstag in Frankreich demonstriert. Das Innenministerium zählte 410.000 Teilnehmer bei den sozialen Protesten. Allein in Paris sprach die Polizei von 110.000 Menschen, die CGT von 250.000. Trotz eines massiven Polizeiaufgebots, umfangreicher Kontrollen sowie Demonstrations- und Versammlungsverboten in zahlreichen Städten ließen sich Hunderttausende nicht davon abhalten, auf die Straße zu gehen, wie Le Monde berichtete.
Verbote hielten viele nicht vom Demonstrieren ab
Für den Protesttag hatte die Regierung rund 70.000 Polizisten und Gendarmen mobilisiert. In zahlreichen Städten bestanden Verbotszonen oder vollständige Versammlungsverbote.
In Rennes hatte die Präfektur Versammlungen untersagt, darunter auch einen geplanten Protest der Gewerkschaft Solidaires. Trotzdem zählte die Präfektur am Nachmittag 11.500 Demonstranten. Der Zug erreichte schließlich die Place de la République, wie Le Monde berichtete.
In Nantes begann der Demonstrationszug zunächst außerhalb der gesperrten Innenstadt auf der Île de Nantes. Die Teilnehmer wichen später auf eine andere Route aus und gelangten schließlich doch in den für Versammlungen gesperrten Bereich des Zentrums, berichtete ebenfalls Le Monde.
Auch im Osten Frankreichs hielten Verbote die Proteste nicht vollständig auf. In Metz sagte die 28-jährige Schulassistentin Amandine gegenüber L’Est Républicain: „Trotz des Verbots werden sie uns nicht unsichtbar machen.“
In Saint-Avold war eine Demonstration untersagt worden. Die Teilnehmer wichen ins benachbarte Longeville-lès-Saint-Avold aus. „Unsere Demonstration in Saint-Avold wurde verboten, aber nicht in Longeville-lès-Saint-Avold, wo wir uns genau befinden“, sagte der örtliche Aktivist Juan Estevez gegenüber L’Est Républicain. Als Gründe für den Protest nannte er „die hohen Lebenshaltungskosten, den Kaufkraftverlust und den exorbitanten Benzinpreis“.
1.500 Euro Lohn – bis zu 400 Euro allein fürs Benzin
Was die Menschen auf die Straße brachte, beschrieben viele Demonstranten sehr konkret.
Thibault arbeitet in der Roboterwartung bei Amazon im Département Essonne. Er verdient nach eigenen Angaben 1.500 Euro im Monat. „Das reicht nicht“, sagte er am Samstag dem Dauphiné Libéré. Er habe bereits einen Dispokredit von 500 Euro aufnehmen müssen.
Besonders belasteten ihn die Kosten des Arbeitswegs. Vier bis fünf Tankfüllungen benötige er jeden Monat: „Im Durchschnitt sind das 350 bis 400 Euro im Monat.“ Danach kämen Miete und Nebenkosten. „Und meine 1.500 Euro sind aufgebraucht.“ Thibault sagte dem Dauphiné Libéré: „Ich weiß nicht, wohin das führen soll.“
In derselben Reportage traf die Zeitung Fanny, 22, und Annabelle, 24. Die beiden studieren Innenarchitektur und berichteten von Schwierigkeiten, Praktika und berufliche Perspektiven zu finden. Unter jungen Menschen herrsche eine „extrem angstauslösende Stimmung“. „Wir haben keinen Freund, der nicht gestresst ist oder schon einmal eine depressive Phase hatte“, sagten sie dem Dauphiné Libéré.
„Wir haben eine kleine Rente, und es ist schwierig“
In Castres gingen rund 300 Menschen auf die Straße. Dort standen nach einem Bericht von La Dépêche du Midi vor allem Kaufkraft, hohe Preise und Schwierigkeiten des täglichen Lebens im Mittelpunkt.
Lynette war mit ihrem Mann aus Aiguefonde gekommen. „Wir haben eine kleine Rente, und es ist schwierig“, sagte sie der Dépêche du Midi. Das Paar demonstriere auch wegen seiner Kinder und Enkel.
Eine Vertreterin der CGT-Rentner im Tarn nannte als zentrale Probleme „die hohen Lebenshaltungskosten, den Benzinpreis“. Hinzu kämen Forderungen nach mehr Personal in öffentlichen Einrichtungen und höheren Löhnen, berichtete La Dépêche du Midi.
900 Euro Rente im Monat
Auch im Département Lot berichteten Teilnehmer von sehr knappen Einkommen. Christiane sagte, sie sei „gegen das teure Leben, zur Unterstützung der Jugend und für Renten und Löhne“ auf die Straße gegangen.
Besonders die Situation junger Menschen empöre sie. „Wenn ich Studenten sehe, die nicht genug zu essen haben, finde ich das empörend“, sagte sie La Dépêche du Midi.
Neben ihr demonstrierte Bernard, ein ehemaliger Sattler. Er erhält nach Angaben der Zeitung 900 Euro Rente im Monat. „Wir leben in einem Land, das seine Bürger zermürbt“, sagte er der Dépêche du Midi.
„35 Jahre gearbeitet und nur 2.200 Euro netto“
Auch im Osten Frankreichs beschrieben Menschen bereits vor dem Protesttag ihre finanzielle Lage.
Vincent, 55 Jahre alt und aus Montusclat in der Haute-Loire, sagte in L’Est Républicain: „Ich gehe für die Kaufkraft und den Lohn auf die Straße.“ Er arbeite seit 35 Jahren und verdiene „nur 2.200 Euro netto“.
Cécile, 48 Jahre alt und aus Straßburg, erklärte gegenüber den Dernières Nouvelles d’Alsace, sie gehe auf die Straße, um „eine bessere und gerechtere Verteilung der Lasten“ zu verlangen. Für öffentliche Dienste fehle Geld: „Es gibt keine Mittel mehr für Bildung, Gesundheit, Verkehr, Justiz.“
„Wir rechnen auf zehn Euro genau“
In der Haute-Loire schilderte Azelma Sigaux am Freitag vor der Demonstration die finanzielle Lage ihrer Familie. Sie lebt mit ihrem Partner und ihrem kleinen Sohn in Langeac.
„Wir rechnen auf zehn Euro genau“, sagte sie dem Parisien. Anders als bei früheren Protesten, bei denen sie nach eigener Darstellung vor allem „für die anderen“ auf die Straße gegangen sei, betreffe sie der Protest gegen die hohen Lebenshaltungskosten inzwischen unmittelbar selbst.
„Es ist eine Katastrophe, wir sind alle wütend“
Auch im Westen Frankreichs gingen Tausende Menschen auf die Straße. In Angers berichtete Ouest-France von knapp 2.000 Demonstranten. Die Zeitung zitierte einen Teilnehmer bereits in der Überschrift mit den Worten: „Es ist eine Katastrophe, wir sind alle wütend.“
Auch in Saint-Nazaire waren mehr als 1.000 Menschen unterwegs. Dort war das Stadtzentrum für Demonstrationen gesperrt. Die Teilnehmer wichen zunächst nach Trignac aus und zogen später dennoch wieder in Richtung Innenstadt. Die Lokalzeitung Saint-Nazaire Infos schrieb, die Demonstranten hätten beschlossen, „dem Demonstrationsverbot im Stadtzentrum zu trotzen“.
Studenten lassen Mahlzeiten aus
Auch Studenten berichteten von Geldproblemen. Auf La Réunion sagte Noah, der Nachhilfeunterricht gibt, er kenne junge Menschen, „die nur 100 Euro im Monat haben und bei einzelnen Mahlzeiten aufs Essen verzichten“. Er war nach Saint-Denis gekommen, um Studenten zu unterstützen und gegen die hohen Lebenshaltungskosten zu protestieren, berichtete Le Monde.
In Lille sagte der 23-jährige Student Nathan gegenüber Le Monde, seine eigene Familie sei finanziell vergleichsweise gut gestellt. „Aber um mich herum habe ich viele Freunde, die sich abmühen.“
Zusammenstöße erst gegen Ende vieler Demonstrationen
Ganz ohne Gewalt verlief der Protesttag nicht. In Paris setzte die Polizei an der Porte de Vincennes Wasserwerfer und Tränengas ein, nachdem nach Behördenangaben Gegenstände auf Einsatzkräfte geworfen worden waren. Auch aus Marseille, Grenoble, Nantes, Straßburg, Lille, Rennes und Lyon wurden einzelne Zusammenstöße oder Polizeieinsätze gemeldet, berichtete Le Monde.
In Toulouse wurde ein Demonstrant schwer an der Hand verletzt. Die Präfektur bestätigte die Verletzung, konnte deren Ursache zunächst aber nicht nennen, berichtete Le Parisien.
Größere Plünderungswellen oder flächendeckende Verwüstungen wurden bis zum Abend jedoch nicht gemeldet. Ein großer Teil der Demonstrationen verlief ohne größere Zwischenfälle.
