US-Vizepräsident JD Vance hat beim republikanischen Midterm-Parteitag in Dallas Familie, amerikanische Arbeitsplätze, Wohneigentum, Einwanderung und öffentliche Sicherheit zu den zentralen Themen seiner Rede gemacht. Zugleich rief er Republikaner dazu auf, trotz Meinungsverschiedenheiten innerhalb der konservativen Bewegung geschlossen in die Kongresswahlen im November zu gehen. Die Washington Post wertete seinen Auftritt darüber hinaus als weiteres Zeichen dafür, dass Vance innerhalb der Partei als wahrscheinlichster politischer Nachfolger Donald Trumps gilt.
Das „Geburtsrecht“ amerikanischer Kinder
Vance stellte die Geburt seines vierten Kindes in den Mittelpunkt seiner Rede. Seine Frau Usha habe im Juli den gemeinsamen Sohn Alec zur Welt gebracht, sagte er. Das habe ihn darüber nachdenken lassen, was das „Geburtsrecht“ des jüngsten amerikanischen Staatsbürgers sei.
Jedes amerikanische Kind werde als Erbe des Landes geboren, sagte Vance. Es habe das Recht, „die Segnungen des großartigsten Landes der Erde zu erben“ – nicht wegen seiner Eltern, seines Aussehens oder seiner Herkunft, sondern „weil sie Amerikaner sind und dies unser Land ist“. Dieses „Geburtsrecht“, sagte Vance, sei das, worum es bei der Wahl im November gehe.
Daraus entwickelte Vance eine Reihe konkreter Forderungen. Sein Sohn solle Zugang zu sauberem Wasser und „echtem Essen“ haben. Er wolle ein Land, sagte Vance, in dem man „keinen Doktortitel in Chemie braucht, um die Zutatenliste im Supermarkt zu verstehen“. Ärzte sollten Eltern und dem hippokratischen Eid verantwortlich sein und nicht „einem Haufen linksradikaler Bürokraten“.
Schule, Familie und Geschlechterpolitik
Auch bei Schulen beschrieb Vance konkret, was er erwartet. Sein Sohn solle auf eine Schule gehen, die ihm „Lesen, Schreiben und Rechnen“ beibringe und ihn lehre, „sein Land und seine Mitbürger zu lieben“, sagte Vance.
Für Mädchen forderte er einen Sport, in dem kein Politiker ihnen sage, sie müssten „ihre Trophäe, ihr Stipendium oder ihre Umkleidekabine einem Mann überlassen“.
Besonders scharf wurde Vance beim Thema Familie. Er verwies auf einen demokratischen Kandidaten in Michigan, der die Kernfamilie mit den Worten „F— the nuclear family“ angegriffen habe. Einen Namen nannte Vance an dieser Stelle nicht. Anschließend sagte er an die Adresse von politischen Gegnern, die nach seiner Darstellung die traditionelle Familie abschaffen wollten: „Haltet euch verdammt noch mal von unseren Kindern fern.“
„Amerikanische Arbeitnehmer einstellen“
Ein zweiter Schwerpunkt war Arbeit. Söhne und Töchter sollten eine faire Chance auf „einen guten Job“ bekommen, sagte Vance. Egal ob sie in der Technologiebranche oder in der Industrie arbeiteten: Amerikanische Unternehmen sollten „amerikanische Arbeitnehmer einstellen“, auf amerikanische Beschäftigte setzen und die nächste Generation amerikanischer Produkte „mit amerikanischen Händen“ herstellen.
Vance verband dieses Ziel mit Wohneigentum und Familie. Seine Kinder sollten sich später ein Haus leisten können, in dem sie ihre eigenen Kinder großziehen könnten. Sie sollten sparen und Eigentum erwerben können, „ohne von Wall-Street-Tycoons überboten zu werden“, sagte er.
Diese Vorstellungen fasste Vance wieder unter dem Begriff des amerikanischen „Geburtsrechts“ zusammen. Es gehe um Familie, Arbeit, Eigentum und die Möglichkeit, das Erarbeitete zu behalten.
Harte Linie bei der Einwanderung
Später verband Vance die Entwicklung der Wohn- und Arbeitsmärkte ausdrücklich mit illegaler Einwanderung. Während der Biden-Jahre hätten junge Amerikaner nach Abschluss ihrer Ausbildung nicht mehr nur mit anderen Amerikanern konkurriert, sondern mit, so Vance, „25 Millionen neuen illegalen Einwanderern“ – um Arbeitsplätze wie um Wohnungen.
Die Zahl von 25 Millionen ist dabei eine Behauptung Vances in seiner Rede; das Rede-Transkript belegt, dass er sie genannt hat, nicht dass die Zahl sachlich richtig ist.
Vance verschärfte seine Sprache anschließend weiter. Die Vereinigten Staaten seien zu einem Land geworden, in dem sich normale Menschen vieles nicht mehr leisten könnten. Dann sagte er: „Unser Land wurde uns gestohlen und anschließend Fremden übergeben.“ Als Beispiel verwies er auf einen Betrugsfall, bei dem zwei Frauen Medicaid nach seiner Darstellung um 46 Millionen Dollar betrogen hätten.
Während des Auftritts wurde Vance von einem Demonstranten unterbrochen, der nach Vances Darstellung eine mexikanische Flagge schwenkte. Vance antwortete: „Mein Freund, wenn du Mexiko so sehr liebst, dann geh verdammt noch mal rüber. Ich bezahle dir das Flugticket.“
Sicherheit und Religion
Auch öffentliche Sicherheit nahm Vance in seine Vorstellung vom amerikanischen „Geburtsrecht“ auf. Kinder sollten auf ihren Straßen und in ihren Schulen sicher sein und in Vierteln leben, „in denen das Gesetz die Unschuldigen schützt und gewalttätige Kriminelle ins Gefängnis steckt, wo sie hingehören“, sagte er. Außerdem sollten Menschen nach ihrem eigenen Gewissen ihren Glauben ausüben können.
Vance sagte zudem, Kinder sollten in einem Land aufwachsen, das über betende Menschen nicht die Augen verdrehe.
Appell an unzufriedene Konservative
Vance wandte sich später ausdrücklich an Menschen, die zwar Teile der republikanischen Politik unterstützten, mit anderen Entscheidungen der Regierung aber unzufrieden seien. Als Beispiel führte er seinen ermordeten Freund Charlie Kirk an.
Kirk habe nicht immer mit der Regierung übereingestimmt, sagte Vance. „Charlie hasste Krieg. Ob in Europa oder Afrika, im Nahen Osten – es war ihm egal. Er hasste Krieg. Das war seine Ansicht.“ Vance sagte, politische Meinungsverschiedenheiten müssten nicht dazu führen, die gemeinsame Bewegung aufzugeben.
Vance selbst nannte in dieser Passage Iran nicht. Die Washington Post ordnete seine Äußerungen jedoch ausdrücklich vor dem Hintergrund ein, dass Kirk den Krieg gegen Iran abgelehnt hatte und dieser Streit die konservative Bewegung gespalten hat.
Vance verlangte auch nicht, dass Republikaner jede Entscheidung der Regierung unterstützen. „Ich verlange von niemandem, bei jeder einzelnen politischen Entscheidung der Regierung zuzustimmen“, sagte er. Entscheidend sei für ihn der grundsätzliche Gegensatz zu den Demokraten.
Sein Appell lautete: „Übergebt das Land nicht einem Haufen Verrückter, nur weil ihr bei der einen oder anderen politischen Frage anderer Meinung seid.“
„Die Demokraten sind die Partei des Hasses“
Gegen Ende seiner Rede griff Vance die Demokraten grundsätzlich an. Sie seien nicht mehr die Partei Franklin D. Roosevelts oder John F. Kennedys und „nicht einmal mehr die Partei Bill Clintons“, sagte er.
Dann folgte einer der schärfsten Sätze der Rede: „Die Demokraten sind die Partei des Hasses.“ Sie seien eine Partei, „die Amerika und die Menschen verachtet, die es aufgebaut haben“, sagte Vance.
Zuvor hatte er den Gegensatz für die Midterms ähnlich zugespitzt: Es gehe um die „Partei des gesunden Menschenverstands“ gegen die „Partei der Verrückten“.
Die „48“-Rufe und die Frage nach 2028
Die Washington Post sah in dem Auftritt zugleich eine mögliche Vorstufe zu einer Präsidentschaftskandidatur Vances im Jahr 2028. Als Vance auf die Bühne kam, riefen Delegierte seinen Vornamen. Während der Rede skandierte das Publikum schließlich „48“ – eine Anspielung darauf, dass Vance bei einem Wahlsieg 2028 der 48. Präsident der Vereinigten Staaten wäre. Vance habe am Rednerpult gelächelt und die Rufe auf sich wirken lassen, berichtete die Zeitung.
Trump selbst verstärkte diesen Eindruck. Nach Vances Auftritt sagte der Präsident über seinen Vize: „What a job he did“ – „Was für eine Leistung er gezeigt hat.“ Die Washington Post bezeichnete dies als jüngstes Zeichen dafür, dass Trump Vance als möglichen politischen Erben behandelt, auch wenn Trump bislang keine ausdrückliche Unterstützung für eine Kandidatur 2028 ausgesprochen hat.
Die Zeitung hatte zudem bereits im Vormonat berichtet, Trump habe Spendern privat gesagt, er wolle Vance 2028 gewählt sehen.
Entschieden ist die Nachfolge dennoch nicht. Außenminister Marco Rubio sagte laut Washington Post, er habe derzeit keine Pläne für eine Präsidentschaftskandidatur, schloss eine spätere Bewerbung aber nicht aus. Senator Ted Cruz stellte zugleich öffentlich infrage, dass sich die Republikanische Partei bereits auf Vance als künftigen Parteiführer festgelegt habe.
Auch die Midterms könnten Vances Ausgangslage für 2028 beeinflussen. Die Washington Post zitierte dazu Vernon Jones, einen früheren demokratischen Abgeordneten aus Georgia, der später zu den Republikanern wechselte. Jones stellte die Frage, ob die republikanische Basis Vance im Fall einer Wahlniederlage als Teil der amtierenden Regierung mitverantwortlich machen und anschließend „neues Blut“ verlangen könnte. Das war Jones‘ Einschätzung – nicht die Feststellung der Zeitung oder eine offizielle Position der Republikanischen Partei.
Vances politisches Angebot
Aus der Rede ergibt sich ein klar umrissenes politisches Angebot: Vance verbindet die traditionelle Familie mit einer Wirtschaftspolitik, die amerikanische Arbeitnehmer und Produktion bevorzugen soll. Dazu kommen Wohneigentum, eine restriktive Einwanderungspolitik, eine harte Linie gegen Kriminalität, Religionsfreiheit und konservative Positionen in der Geschlechterpolitik.
Vance fasst diese Punkte unter dem Begriff eines gemeinsamen amerikanischen „Geburtsrechts“ zusammen. Die Aufgabe der Regierung bestehe nach seiner Darstellung darin, dieses Erbe amerikanischen Bürgern und ihren Kindern zu sichern. Politisch verlangt er dafür von den unterschiedlichen Strömungen der republikanischen Bewegung, interne Konflikte zurückzustellen und bei den Midterms gemeinsam gegen die Demokraten anzutreten.
Die Washington Post sieht darin zugleich den Versuch eines Politikers, der sich bereits für die Zeit nach Trump positioniert: Vances Rede könne die Wahrnehmung innerhalb der Partei weiter stärken, dass er Trumps wahrscheinlichster Nachfolger sei.
