Brigadier Eder: „Die russischen Streitkräfte sind in der Ukraine völlig ausgelastet“

Philipp Eder, Brigadier des österreichischen Bundesheeres, erklärt im Interview mit World News Monitor, warum die russischen Streitkräfte im Donbass kaum vorankommen - und warum Russland aktuell die Nato nicht angreifen dürfte.

Der russische Präsident Wladimir Putin leitet am 18. September 2026 eine Sitzung der militärisch-industriellen Kommission in Moskau. (Foto: Vyacheslav PROKOFYEV / POOL / AFP)
Der russische Präsident Wladimir Putin leitet am 18. September 2026 eine Sitzung der militärisch-industriellen Kommission in Moskau. (Foto: Vyacheslav PROKOFYEV / POOL / AFP)

Philipp Eder, Brigadier des österreichischen Bundesheeres und Militärkommandant von Kärnten, kommt über seine Informationskanäle im Interview mit World News Monitor zu einer realistischen Einschätzung der militärischen Lage im Ukraine-Krieg. Als Offizier der Armee eines neutralen Landes hat Eder eine unabhängige Perspektive. Eine Bedrohung für das Nato-Gebiet sieht er aktuell nicht. Dazu fehle den russischen Streitkräften an den Mitteln. Die russischen Kräfte seien beim nun schon sehr lange dauernden Versuch, den Donbass zu erobern, vollständig gebunden.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

In der Ukraine geht es am Boden nach wie vor um den Donbass. Das ist weiterhin das Ziel Nummer eins der Russen. Die Ukrainer haben dort über viele Jahre einen Festungsring um die beiden Städte Kramatorsk und Slowjansk aufgebaut. Seit Jahresbeginn bewegen sich die Russen sehr langsam, aber schrittweise auf diese beiden Städte zu – unter hohen Verlusten.

Die Ukrainer versuchen, durch exzellente Aufklärung und Bekämpfung mit Drohnen zu verhindern, dass die Russen schneller vorankommen. Das gelingt ihnen auch sehr gut. Die Russen versuchen jetzt allerdings, diesen Festungsring zu umfassen, an den beiden Großstädten vorbeizustoßen und einen Brückenkopf zu gewinnen.

Die Ukrainer haben das erkannt und eine Gegenoffensive gestartet. Wir reden dabei allerdings von kleinsten taktischen Erfolgen. Immerhin haben sie es geschafft, die russische Umfassung im Norden vorerst zu stoppen und selbst wieder Gelände zu gewinnen. Summa summarum heißt das: Wenn die Russen tatsächlich ihr Ziel erreichen wollen, den Donbass vollständig einzunehmen, werden sie noch sehr, sehr, sehr, sehr lange brauchen.

Haben Sie eine Erklärung, warum das so lange dauert?

In diesem Zusammenhang gibt es jetzt, nach der Duma-Wahl, Gerüchte, dass die Russen eine Mobilmachung anordnen könnten. Den Russen fehlen die Soldaten, um schneller vorstoßen zu können. Es hieß immer, dass eine solche Mobilmachung gegebenenfalls erst nach der Duma-Wahl erfolgen würde.

Jetzt werden wir sehen, was sie machen. Sie brauchen erstens mehr Personal. Zweitens haben sie aufgrund der Überwachung durch Drohnen große Schwierigkeiten, am Boden mit Panzern oder auch zu Fuß voranzukommen.

Derzeit gibt es zwischen den Ukrainern und den Russen eine bis zu 40 Kilometer tiefe Zone, die als Kill-Zone oder Gray-Zone bezeichnet wird. Dort kommt kaum jemand durch. Die Russen suchen nach Möglichkeiten, diese Zone zu überwinden. Bislang haben sie aber noch keine gefunden.

Aber was würde eine Mobilmachung bringen? Die Drohnen bleiben ja ein Problem, auch wenn man mehr Leute hineinschickt.

Wie man seit Beginn des Krieges sieht, wirken sich die menschlichen Verluste auf russischer Seite offenbar nicht auf die Zustimmung der Bevölkerung zu diesem Krieg aus.

Das Ziel der Ukrainer ist ja, möglichst viele russische Soldaten zu töten oder zu verwunden, damit endlich auch die Mütter aufstehen und sagen: „Wir wollen unsere Söhne nicht mehr in diesen Krieg schicken“ – so wie beim Krieg in Afghanistan.

Und wie ist die Lage bei den Ukrainern? Sie haben letztlich ja auch wahnsinnige Verluste.

Die Ukrainer haben personell ein ähnliches Problem, mit dem Unterschied, dass sie niemanden mehr für eine Mobilmachung haben. Sie versuchen deshalb, Maßnahmen zu setzen, um die doch relativ hohen Desertionsraten zu senken. Das gelingt ihnen allerdings nur sehr begrenzt.

Was ihnen in den vergangenen ein, zwei Jahren gelungen ist: Sie können durch den massiven Einsatz von Drohnen und unbemannten Gefechtsfahrzeugen am Boden fehlende Soldaten kompensieren.

Sie brauchen für die Verteidigung desselben Raumes wesentlich weniger Soldaten als früher, weil sie das Gebiet besser überwachen und die Versorgung anders organisieren können. Dafür setzen sie in großem Umfang unbemannte, ferngesteuerte Fahrzeuge ein. Diese können sich auch in der Greyzonebewegen, ohne dass dabei Soldaten gefährdet werden.

Letztlich ist die Lage also festgefahren, wenn ich Sie richtig verstehe?

Im Wesentlichen ist die Front schon seit sehr langer Zeit ziemlich stabil. Ein wenig beeinflusst werden könnte das im Herbst, weil die Drohnen bei schlechtem Wetter weniger sehen. Gleichzeitig schränkt der Schlamm die Bewegungsmöglichkeiten ein.

Wenn der Herbst trocken genug bleibt, sodass sich kein Schlamm bildet, und zuvor schlechtes Wetter herrscht, wären vielleicht wieder mehr Bewegungen möglich. Das ist das Einzige, was die Lage im Herbst noch verändern könnte.

Ansonsten warten alle wieder auf das Frühjahr. Die Russen werden eine mögliche Mobilmachung vielleicht auch nutzen, um mehr Soldaten auszubilden und im Frühjahr wieder offensiv zu werden.

Angenommen, die Russen schaffen eine Mobilmachung und schicken mehr Leute hinein: Würde das ihren Vormarsch beschleunigen oder einfach nur das Sterben? Wären tatsächlich größere Geländegewinne möglich?

Wahrscheinlich wären etwas größere, aber immer noch bescheidene Geländegewinne möglich – weiterhin unter hohem Einsatz von Menschenleben.

Was derzeit geschieht, eigentlich schon seit Jahren, ist für den russischen Präsidenten und sein Umfeld nicht befriedigend. Ich weiß nicht, wie viele Fristen schon verstrichen sind, bis zu denen ihm die Einnahme des Donbass zugesichert worden war. Es passiert einfach nicht. Die Frage ist, wie lange er das noch so weiterlaufen lässt.

Auf der anderen Seite besteht die große Angst, dass zu hohe Verluste die Stimmung in der Bevölkerung kippen lassen könnten. Die Russen müssen also abwägen: Sie wollen Risiken eingehen, gleichzeitig aber die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung aufrechterhalten.

Wer wird denn für das langsame Vorankommen verantwortlich gemacht? Die Generäle, Putin oder jemand anderes?

Auf Putins Ebene zählt in erster Linie Loyalität. In anderen Armeen wären die Verantwortlichen wahrscheinlich längst in den Ruhestand geschickt worden. Hier ist es offensichtlich wichtiger, dass die militärische Führung loyal ist und keine Gefahr für das System darstellt, als dass man personelle Veränderungen vornimmt.

In den unteren Rängen gibt man hingegen der militärischen Führung die Schuld daran, dass Putin nicht ernsthaft und ehrlich gesagt wird, wie die Lage tatsächlich ist. Die unteren Kommandeure meinen, dass der Präsident belogen wird.

Und wie ist es in der Ukraine? Dort gibt es ja auch ständig Wechsel in der militärischen Führung: Erst geht der eine, dann der nächste.

Dort hat man jetzt ebenfalls einen Austausch vorgenommen und einen jüngeren Truppenführer eingesetzt, der sehr anerkannt ist. Die Ukrainer betonen jetzt wieder sehr stark, dass sie endgültig von den alten sowjetischen Doktrinen wegkommen wollen: von der Befehlstaktik, bei der alles zentral von oben angeordnet wird. Das hören wir allerdings schon lange, weshalb mir diese Darstellung ein bisschen einseitig vorkommt.

Sie sagen das eigentlich seit fünf Jahren. Dieser junge Neue soll nun auch ein Symbol für den Wechsel zu einer westlichen Führungskultur sein, zum sogenannten Führen durch Auftrag, zur Auftragstaktik.

Seinem Vorgänger wurde vorgeworfen, zu wenig Rücksicht auf Menschenleben genommen und Soldaten bei der Verteidigung mehr oder weniger verheizt zu haben.

Das ist allerdings eine extrem schwierigeDiskussion. Wir kennen sie aus allen Kriegen: Diejenigen, die vorne an der Front sind, glauben immer, die Lage vor Ort besser zu kennen. Die übergeordneten Führungsebenen müssen aber das große Lagebild im Blick behalten. Manchmal muss man dann auch Opfer in Kauf nehmen. Das ist ein Problem, das es in jedem Krieg gibt.

Brigadier Philipp Eder. (Foto: WNM)
Brigadier Philipp Eder. (Foto: WNM)

Kiew und Moskau stehen jetzt stärker unter Beschuss. Kann das die Kriegslage beeinflussen, oder ist die Wirkung eher psychologisch?

Ein Einfluss dürfte sich dort zeigen, wo die Ukrainer die russische Treibstoffversorgung massiv angreifen, etwa durch Attacken auf Raffinerien. Das macht nicht nur die Zivilbevölkerung unzufrieden. Auch den russischen Streitkräften steht dadurch immer weniger Diesel zur Verfügung.

Sie sind, genau wie die ukrainischen Streitkräfte, stark auf Generatoren angewiesen, um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Das beste Mittel gegen Drohnen ist die sogenannte elektronische Kriegführung, also das Stören der Signale an die Drohnen. Diese Wirksysteme werden alle mit Strom aus Dieselgeneratoren betrieben. Wenn kein Diesel vorhanden ist, können auch die Wirksysteme nicht betrieben werden.

Die kleinen Erfolge, die die Ukrainer derzeit erzielen und die zuletzt etwas bedeutender geworden sind, hängen angeblich auch damit zusammen, dass die russischen Streitkräfte bereits an der Front Probleme mit der Dieselversorgung haben.

Diese Drohnenangriffe auf die russische Ölindustrie haben also einen doppelten Effekt: einen militärischen und einen auf die Zivilbevölkerung.

Umgekehrt greifen die Russen massiv die ukrainische Mineralölindustrie an. Das betrifft ebenfalls die Treibstoffversorgung der Streitkräfte. Außerdem attackieren sie die Waffenproduktion, die in der Ukraine mittlerweile auf Hochtouren läuft. Die Ukraine produziert inzwischen selbst sehr viel, und die Russen versuchen, diese Produktionsstätten zu treffen.

Wie in den vergangenen Wintern greifen sie natürlich auch die Energieversorgung der Zivilbevölkerung an. Das lässt sich allerdings nicht immer sauber trennen. Wenn in einer Stadt auch Drohnen produziert werden und es den Russen gelingt, dort die Energieversorgung lahmzulegen, trifft das sowohl die Produktion als auch die Zivilbevölkerung.

Aber wenn man auf die vergangenen Jahre blickt und bis zum deutschen Blitzkrieg gegen England zurückgeht: Diese Form der strategischen Luftkriegführung hat noch nie einen Krieg zum Kippen gebracht. Sie ist unangenehm, aber meistens tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Oft steigt dadurch sogar die Resilienz der Bevölkerung.

Ich glaube, die Ukrainer – auch die Bevölkerung – tun alles, damit die Russen auf keinen Fall erfolgreich sind. Sie sehen ja, was sich in den besetzten Gebieten abspielt.

Was bedeutet das für die militärische Entwicklung? Eine Prognose ist natürlich schwierig. Sie sagen, der Winter könnte eher zum „Vorteil“ der Angreifer werden. Normalerweise ist es doch umgekehrt: Die Angreifer tun sich schwer, durch den Schlamm voranzukommen.

Im Winter, wenn der Boden gefroren ist, sieht es wieder anders aus. Gefrorener Boden begünstigt die Beweglichkeit. Umgekehrt gibt es im Winter aber auch weniger Nebel und Regen.

Die kilometerweit in die Tiefe reichende Überwachung dieser grauen Zone durch Drohnen führt dazu, dass kaum Bewegungen möglich sind – und wenn, dann nur in ganz kleinen Gruppen. Etwas militärisch wirklich Nennenswertes lässt sich so nicht erreichen.

Wie schätzen Sie die russischen Angriffe auf Odessa und die Schwarzmeerküste ein? Sind sie erfolgreich?

Das tut den Ukrainern wirklich weh. Sie haben einen sehr hohen Finanzbedarf. Jeder Angriff auf Exportgüter wie Weizen und andere Waren, die über Odessa verschifft werden, trifft sie deshalb sehr stark.

Umgekehrt macht die Ukraine dasselbe: Die Russen können ihre Ölexporte nicht mehr so durchführen wie zuvor. Aber für die Ukrainer sind diese Angriffe sehr unangenehm, das muss man klar sagen.

Sie hatten gehofft und versuchen weiterhin, die Ausfälle über die Donau zu kompensieren. Die Donau führt aufgrund der sommerlichen Trockenheit aber zu wenig Wasser. Das hilft den Ukrainern derzeit also auch nicht.

Hinzu kommt, dass sie gegen die russischen Raketenangriffe inzwischen weitgehend machtlos sind, weil ihnen Geld und Abwehrraketen fehlen. Sie wissen, dass geschossen wird, und können nichts dagegen tun. Das ist natürlich kein angenehmes Gefühl.

Kann das kriegsentscheidend sein? Wenn die Ukrainer verkünden, sie könnten Patriot-Systeme selbst bauen, dauert es doch Jahre, bis sie dazu in der Lage sind.

Ja, das dauert sehr lange. Außerdem hat Trump inzwischen offensichtlich einen Rückzieher gemacht. Das ist also noch nicht in trockenen Tüchern.

Damit kommt der nächste Komplex ins Spiel: Die europäischen NATO-Staaten versuchen, ihre Rüstungsindustrie auszubauen, um auch den Ukrainern helfen zu können. In diesem Zusammenhang sind auch die Anschläge auf den Chef von Rheinmetall und Ähnliches zu sehen.

Die hybride Kriegführung der Russen gegen Europa hängt damit zusammen, dass sich die Unterstützung der Ukraine vollständig von den Amerikanern zu den Europäern verlagert hat. Die Amerikaner lassen sich von den Europäern gut bezahlen. Von sich aus liefern sie, was Rüstungsgüter betrifft, inzwischen gar nichts mehr.

Deshalb versucht man auf europäischer Seite, mehr in Gang zu bringen. Der russische Außenminister sagt ja auch, dass Russland bereits begonnen habe, in Europa entsprechend tätig zu werden, um die Waffenunterstützung für die Ukraine zu behindern.

Die Russen greifen außerdem vermehrt Lokomotiven in der Ukraine mit Drohnen an. In den vergangenen zwei Wochen war das besonders auffällig. Die Zerstörung von Lokomotiven geht aber schon länger so.

Aber liefern die Europäer tatsächlich? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, haben sie selbst doch auch nicht mehr viel Material.

Ein großes Problem für die Ukrainer waren lange Zeit Artilleriemunition. Dieses Problem haben sie inzwischen aus zwei Gründen nicht mehr: Erstens brauchen sie weniger Artillerie, weil sie einen Teil davon durch Kampfdrohnen ersetzen können. Zweitens produzieren die Europäer mittlerweile tatsächlich mehr und können auch mehr liefern. Da ist für die Ukraine etwas Positives passiert.

Wirklich schwach aufgestellt sind die Europäer bei Luftabwehrraketen und Systemen wie Patriot. Davon gibt es in Europa selbst zu wenige. Auch die europäische Waffen- und Munitionsproduktion ist noch nicht richtig in Gang gekommen.

Wie lange wird es dauern, die europäische Waffenproduktion aufzubauen? Reden wir da eher von Jahren?

Ja, wir reden von Jahren. Vor allem wollen die europäischen Rüstungsbetriebe eine Garantie, dass Europa nach dem Ende des Krieges nicht sofort wieder zur Friedensdividende zurückkehrt.

Die Unternehmen sagen: Wenn wir jetzt unsere Produktionskapazitäten hochfahren, muss das nachhaltig sein. Dafür fehlt in Europa zum Teil das politische Commitment.

Heute gibt es auch einen Bericht der Europäischen Rüstungsagentur in den Medien, wonach die Europäer viel zu langsam nachrüsten. Das liegt unter anderem daran, dass die Rüstungsindustrie von politischen Entscheidungen abhängig ist, die so nicht getroffen werden.

Aber Panzer braucht doch ohnehin niemand mehr?

Das Problem mit Panzern und Drohnen wird man lösen, indem man bessere Maßnahmen gegen Drohnen entwickelt. Dann wird man auch wieder geschützte Fahrzeuge brauchen, um Soldaten in Position zu bringen, damit sie Gelände in Besitz nehmen können.

Ich würde den Panzer also nicht abschreiben. In der derzeitigen Lage ist sein Einsatz allerdings sehr unwirtschaftlich.

Man sieht in den Berichten, dass sowohl die Russen als auch die Ukrainer versuchen, durch bessere Maßnahmen gegen Drohnen die Beweglichkeit ihrer Panzer zurückzugewinnen. Das muss man tun, sonst bleibt die Lage so, wie sie ist.

Wenn ich diesen Krieg gewinnen will, muss ich Gelände einnehmen. Und das kann ich in größerem Umfang nur mit geschützten Fahrzeugen. Derzeit haben wir kleine Trupps, die infiltrieren, kleine Ortschaften besetzen und dann Verstärkung nachziehen lassen.

Strategisch verändert sich dadurch wenig, weil alles langsam, mühsam und kleinteilig ist. Wir reden von wenigen Kilometern, die in monatelangen Schlachten gewonnen werden. So kann man diesen Krieg nicht gewinnen.

Aber wer kann ihn dann beenden? Die Ukrainer können wahrscheinlich auch nichts von dem zurückgewinnen, was sie verloren haben, oder?

Das hängt sehr stark von der Unterstützung der Europäer ab. Wenn die Zeit genutzt wird, um die Waffen- und Munitionsproduktion in Europa zu verbessern – und das dauert, wie gesagt, Jahre –, und ein Teil davon der Ukraine zur Verfügung gestellt wird, kann man ihr helfen, wieder beweglicher zu werden und auch Gebiete zurückzuerobern.

Dabei stehen die Ukrainer allerdings vor demselben Problem wie die Russen.

Das wollte ich gerade sagen.

Das ist derzeit die Realität: Beide Seiten führen einen Abnutzungskrieg gegeneinander, den keine von ihnen gewinnen kann. Beide setzen auf das Prinzip Hoffnung.

Die Russen hoffen darauf, dass die Europäer irgendwann nicht mehr genug Unterstützung zusammenbringen. Ohne die Europäer würden die Ukrainer militärisch immer weiter ausgedünnt und ausgehungert.

Die Ukrainer hoffen umgekehrt, dass die russischen Verluste so hoch und die Erfolge so gering werden, dass Putin entweder stirbt oder gestürzt wird oder dass aus der Bevölkerung der Wunsch nach Veränderung kommt. 

Wenn man die Duma-Wahl genauer betrachtet, haben, glaube ich, etwa 30 Prozent für Putin gestimmt, wenn man die Wahlbeteiligung hinzunimmt.

Absolut. Aber solange es keine richtige Opposition gibt: Wer soll da etwas unternehmen? Putin ist es gelungen, seine gesamte Opposition loszuwerden.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass jemand versucht, dieses Patt durch eine verrückte Aktion aufzubrechen – in Kaliningrad oder irgendwo anders? Glauben Sie, dass da etwas passieren könnte?

Aus operativer Sicht tut man sich mit solchen Überlegungen sehr schwer. Die russischen Streitkräfte sind in der Ukraine völlig ausgelastet.

Man muss sich fragen: Mit welchem Ziel würde ich so etwas machen? Was will ich erreichen? Und wie lange könnte ich das anschließend aufrechterhalten? Als militärischer Analyst muss ich sagen: Dafür fehlen einfach die Kräfte.

Aber im Krieg passiert leider nicht immer alles rational. Ich frage mich nur: Cui bono? Was soll dabei herauskommen? Man befreit die russische Minderheit im Baltikum – gut. Und was macht man danach? Man müsste das Gebiet auch noch gegen die NATO verteidigen. Das würde kein vernünftiger General und kein vernünftiger Präsident vorschlagen.

Das russische Narrativ lautet ja: Wir kämpfen nicht gegen die Ukraine, sondern gegen Europa. Möglicherweise versucht man, die Europäer zu Gegenmaßnahmen zu provozieren, um dieses Narrativ aufrechterhalten zu können. Aber damit bin ich jetzt wirklich im Bereich der Spekulation.

Gibt es zwischen der NATO und den Russen Kommunikation auf militärischer Ebene? Auch in früheren Kriegen hat man doch trotz allem über bestimmte Dinge miteinander gesprochen.

Ganz bestimmt, vor allem zwischen den Amerikanern und den Russen. Auch zwischen den Ukrainern und den Russen gibt es offenbar Gesprächskanäle, sonst wäre ja kein Gefangenenaustausch möglich.

Solange der russische Präsident aber keinerlei Interesse an einer Waffenruhe, einem Waffenstillstand oder Verhandlungen zeigt, kann man auf militärischer Ebene noch so viel miteinander reden. Das hilft dann nichts.

Aber man kann zumindest das Schlimmste verhindern.

Ja. Sehr interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Besuch des amerikanischen CIA-Chefs in Moskau. Das ist nicht alltäglich, obwohl beide Seiten so tun, als wäre das so. Der Besuch war jedenfalls bemerkenswert.

Da stellt sich die Frage: Was war sein Ziel? Wirklich bekannt gegeben hat man uns das nicht.

Und was wissen Sie über das, was nicht bekannt gegeben wurde?

Da wissen wir gar nichts. Der letzte Besuch fand kurz vor dem großen russischen Angriff auf die Ukraine statt. Damals hat man noch versucht, die Russen davon abzuhalten.

Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass der jetzige Besuch mit den Gerüchten zusammenhängt, Russland könnte etwas in Richtung Moldau oder anderswo planen. Möglicherweise wollte man den Russen eine klare Grenze aufzeigen.

Die Botschaft könnte gewesen sein: „Unser Präsident ist in den meisten Fällen sehr zurückhaltend. Aber wir haben eine rote Linie, und diese rote Linie ist Europa.“

Das könnte ich mir vorstellen. Aber auch das ist spekulativ.

Ich verstehe es nicht. Wie oft hieß es schon: Jetzt fällt Kramatorsk, jetzt fällt Bachmut und so weiter. Ich weiß nicht einmal, ob Pokrowsk inzwischen vollständig gefallen ist. Und dann wird Liman wieder zurückerobert. Das ist doch schon „erschreckend“, oder?

Die Geduld des russischen Präsidenten ist fast bewundernswert.

Aber gerade weil das alles so lange dauert: Warum sollte er in Moldau etwas machen? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.

Andererseits hat auch der Angriff auf die Ukraine keinen Sinn ergeben.

Hier könnte es sein, dass er sich das einfacher vorgestellt hat.

Das war sicher so. Trotzdem muss man feststellen: Derzeit passiert in Europa sehr viel, und man fragt sich: Warum? Manche russischen Drohnen werden durch die elektronische Kriegführung der Ukrainer gestört. Dann fliegen sie nicht dorthin, wo sie hinfliegen sollen, sondern landen zum Teil auf NATO-Gebiet.

Auf unserer Seite, im Westen, wird inzwischen jedes kleine Feuer, jede Drohne und jede fehlgeleitete Waffe als Kriegsangriff bezeichnet. Ich glaube, da schießt man über das Ziel hinaus. Das stimmt so nicht. Die Russen sind darüber durchaus glücklich, weil die Angst vor ihnen wächst. Aber bei Leipzig fragt man sich: Was war das wirklich? Wer steckt dahinter? Es gibt Berichte, wonach Hinweise auf Russland vorliegen. Das wird schon stimmen, wenn die Bundesregierung es sagt. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die Gegenmaßnahmen in Deutschland sehr harmlos sind.

Glauben Sie das wirklich? Man wirft doch nicht eine kaputte Drohne auf einen Flughafen, die ein Busfahrer mit dem Fuß wegschiebt. Bei aller Schwäche der Russen beim Vormarsch in der Ukraine: So unfähig sind sie, glaube ich, dann doch nicht.

Jedenfalls gibt es einen wichtigen Gesichtspunkt: Es nützt ihnen auf jeden Fall, weil es die Angst erhöht. Anderseits schaden sich die Russen damit auch: Wären die Russen nicht in die Ukraine einmarschiert, hätte Europa nicht so aufgerüstet. Und jeder dieser scheinbaren oder angeblichen russischen Angriffe führt dazu, dass Europa seine Nachrüstungsbestrebungen fortsetzt.

Ich denke, so wirklich bedroht fühlten sich viele in der europäischen Politik und die Bevölkerung eigentlich nicht. Sobald aber auf europäischem Boden etwas passiert, und seien es nur Kleinigkeiten, schürt das ein Gefühl der Unsicherheit.

Umgekehrt nutzen die Russen die Aufrüstung in Europa für sich. Die russische Armee, die Streitkräfte und die Kriegstreiber können dann sagen: „Wir müssen jetzt ebenfalls noch mehr aufrüsten. Wir können unser altes Arsenal verpulvern, und ein neues aufbauen.“ Die Umstellung auf Kriegswirtschaft liegt natürlich auch im Interesse bestimmter Kreise in Russland.

Sicher, ja. Und genau das kann dann zu einer Spirale führen, bei der man nicht weiß, wohin sie führt.

Das Gespräch führte Michael Maier.

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