Deutschlands Nimbus als „sicherer Hafen“ schwindet

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg am Montag auf rund 3,54 Prozent und erreichte damit erneut den höchsten Stand seit 2011.

Chart mit Hilfe von KI erstellt
(Chart mit Hilfe von KI erstellt)

Kurzfristig dominierten zwar weiterhin Ölpreis und Geldpolitik die Märkte: Laut Wall Street Journal verschärften die hohen Energiepreise die Inflationssorgen, nachdem die EZB erst in der vergangenen Woche die Zinsen angehoben hatte.

Im Bond-Markt rückt allerdings die deutsche Politik stärker in den Blick der Bond-Investoren. Die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen legte am Dienstag auf 3,55 Prozent zu, nach 3,51 Prozent am Montagabend; bei französischen zehnjährigen Papieren wurde ein Anstieg von 4,47 Prozent am Vortag auf nun 4,53 Prozent verzeichnet.

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg am Dienstagmorgen auf 5,03 Prozent. Dies ist der höchste Zinssatz für die zehnjährigen Anleihen seit Juli 2007, als die sogenannte Subprime-Krise rund um faule Hypothekenpapiere ihren Lauf genommen hatte.

Nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt sieht Commerzbank-Analyst Rainer Guntermann zunächst nur begrenzte Auswirkungen auf Bundes- oder Länderanleihen. Die Auswirkungen auf Bunds dürften gering bleiben, schrieb Guntermann. Wenn überhaupt, sei der Effekt eher negativ, weil das schwache Abschneiden der Regierungsparteien die Umsetzung von Reformen erschweren könnte.

Immer noch sicher, aber weniger

Damit entsteht für Bunds ein ungewöhnlicher Gegensatz: Einerseits profitieren sie weiterhin von politischen und fiskalischen Risiken in anderen Teilen des Euroraums, insbesondere in Frankreich, und behalten ihre Rolle als sicherer Hafen. Andererseits könnte eine zunehmende politische Fragmentierung in Deutschland diese Safe-Haven-Prämie langfristig selbst unter Druck setzen. Allianz Research zufolge gehört Deutschland zu den europäischen Ländern, in denen die politische Fragilität seit 2020 besonders stark zugenommen hat. Bislang sei bei Bundesanleihen allerdings noch keine dauerhafte politische Risikoprämie erkennbar.

Die jüngste Marktbewegung zeigt zugleich eine deutliche Verflachung der deutschen Zinskurve. Kurze Laufzeiten gerieten stärker unter Verkaufsdruck als das lange Ende, ein Zeichen dafür, dass Anleger vor allem höhere Leitzinsen beziehungsweise eine länger restriktive EZB-Politik einpreisen.

Die EZB hatte ihre Leitzinsen in der vergangenen Woche um 25 Basispunkte angehoben. In ihrer geldpolitischen Entscheidung erklärte sie, der Konflikt im Nahen Osten erzeuge weiterhin Inflationsdruck. Der Einlagensatz steigt auf 2,50 Prozent.

Auch Italien unter Druck

Auch Italien geriet unter Druck. Die Rendite zehnjähriger BTPs lag bei rund 4,42 Prozent, der Spread gegenüber Bundesanleihen bei knapp 90 Basispunkten.

Frankreich blieb im relativen Vergleich auffälliger. Die Rendite zehnjähriger OATs lag bei rund 4,47 Prozent und damit weiterhin über der italienischen Rendite. Der Abstand zum zehnjährigen Bund betrug rund 94 Basispunkte. Die Financial Times verweist dabei vor allem auf die wachsenden Sorgen über Frankreichs Haushaltslage und steigende Zinskosten.

Die Rendite zehnjähriger Gilts lag bei rund 5,35 Prozent, während die Rendite 30-jähriger Papiere zeitweise bis auf rund 5,95 Prozent stieg und damit den höchsten Stand seit 1998 erreichte.

In den USA überschritt die Rendite zehnjähriger Treasuries kurz die Marke von 5 Prozent. Laut Wall Street Journal wurden zwischenzeitlich gut 5 Prozent erreicht, bevor die Rendite wieder unter diese Marke zurückfiel.

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