Merz geht auf Distanz zu Trump – aber nur scheinbar

Friedrich Merz deutet eine Veränderung der transatlantischen Beziehung an. Dies gilt jedoch nicht für den militärischen Bereich.

Transatlantisch Wirren. (Illustration mit Hilfe von KI erstellt)
Transatlantisch Wirren. (Illustration mit Hilfe von KI erstellt)

Bundeskanzler Friedrich Merz sieht das Verhältnis zu den USA unter Präsident Donald Trump grundlegend verändert. Die Zeit der „unbedingten transatlantischen Freundschaft“ sei „wahrscheinlich für längere Zeit vorbei“, sagte Merz am Donnerstag bei einem CDU-Wahlkampfauftritt mit dem Berliner Spitzenkandidaten Stefan Evers im Konrad-Adenauer-Haus. „Wir sehen auf der anderen Seite des Atlantiks eine Veränderung der politischen Haltung“, sagte Merz. Auch die amerikanische „Einschätzung des transatlantischen Bündnisses“ habe sich verändert. Deutschland und Europa müssten darauf reagieren. Merz sagte, es sei überfällig, „dass wir jetzt mehr Verantwortung für uns selbst übernehmen“.

Dabei stellte der Kanzler die neue Lage in einen größeren Zusammenhang. Deutschland habe sich lange auf eine internationale Arbeitsteilung verlassen: „Billige Produkte kommen aus China, Öl und Gas aus Russland, die Sicherheit aus den USA.“ Diese Zeit sei vorbei. „Die Zeitenwende ist nun Realität geworden“, sagte Merz.

Distanz in der Sprache, engere Zusammenarbeit beim Militär

So deutlich Merz auf der politischen und kommunikativen Ebene Distanz zu Washington markiert, so wenig ist von einem Rückzug in der praktischen Sicherheitspolitik zu sehen. Im Gegenteil: Nur zwei Tage vor dem Berliner Auftritt vereinbarten Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein US-Amtskollege Pete Hegseth in Washington eine engere Zusammenarbeit bei Rüstungsprojekten. Beide unterzeichneten eine Absichtserklärung, die gemeinsame Entwicklung und Produktion, Lizenzfertigung sowie zusätzliche Wartungs- und Instandhaltungskapazitäten ermöglichen soll.

Pistorius beschrieb das Gespräch mit Hegseth als „sehr, sehr freundlich“ und von Anerkennung und dem Willen zur Zusammenarbeit geprägt. Mit Blick auf die Einschätzung Russlands sagte er, man habe dieselbe Position. Kritik an Deutschland habe er bei dem Treffen nicht gehört, vielmehr „viel Anerkennung“ für die Rolle, die Deutschland inzwischen in Europa übernehme.

Auch Hegseth schlug einen positiven Ton an. Deutschland nähere sich beim Verteidigungshaushalt dem neuen NATO-Ziel und „geht dabei mit gutem Beispiel voran“, sagte er. Die geplante engere Zusammenarbeit bei Entwicklung, Produktion und Wartung sei „genau das, was verbündete Länder tun sollten“.

Die Kooperation ist konkret. In Weeze werden bereits Teile für den amerikanischen F-35-Kampfjet gebaut, in Schrobenhausen soll Munition für das Patriot-Luftabwehrsystem produziert werden. Deutschland will zudem Tomahawk-Marschflugkörper aus den USA kaufen. Bei der F-35 ist die Beschaffung bereits weit fortgeschritten.

Pistorius nahm am Freitag in Texas den ersten Jet in Empfang. Das Rüstungsunternehmen Lockheed Martin erklärte am Freitag nach der Übergabe am Firmensitz in Fort Worth, dies sei ein „Meilenstein für Deutschland“ wie auch für die Nato insgesamt. Pistorius sprach demnach von einer „neuen Ära für die Luftwaffe“. „Der neue Kampfjet F-35A ist das weltweit modernste Kampfflugzeug“, sagte Pistorius laut der Erklärung weiter. Es zeichne sich unter anderem durch seine Tarnkappen-Fähigkeiten und seine außerordentlich leistungsfähige Sensortechnologie aus.

Lockheed Martin und BlackRock

Zu den wichtigsten Unternehmen dieser Zusammenarbeit gehört der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin, Hersteller der F-35. Zu den großen institutionellen Anteilseignern von Lockheed Martin zählt wiederum BlackRock. Nach den jüngsten verfügbaren Angaben zum 30. Juni 2026 werden BlackRock 18.877.978 Lockheed-Martin-Aktien zugerechnet. Das entspricht rund 8,18 Prozent der ausstehenden Aktien.

Dabei handelt es sich überwiegend um Aktien, die BlackRock über Fonds, ETFs und andere Mandate für Anleger verwaltet und nicht um einen entsprechenden Unternehmensanteil, den BlackRock wirtschaftlich vollständig für eigene Rechnung hält. BlackRock selbst beschreibt sein Geschäftsmodell als Vermögensverwaltung für institutionelle und private Kunden; Ende Juni verwaltete der Konzern insgesamt 15,3 Billionen Dollar.

Für Merz gibt es hier eine frühere berufliche Verbindung: Von 2016 bis 2020 war er Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen BlackRock-Tochter. Der Deutsche Bundestag dokumentierte seinerzeit auch Termine, die Merz in dieser Funktion gemeinsam mit BlackRock-Chef Larry Fink mit Mitgliedern der Bundesregierung wahrnahm. Einen Beleg für einen Zusammenhang zwischen dieser früheren Tätigkeit, den heutigen BlackRock-Beteiligungen an Lockheed Martin und der aktuellen Sicherheitspolitik der Bundesregierung gibt es nicht.

Das Verhältnis zu Trump war bereits abgekühlt

Die Äußerungen von Merz fallen in eine Phase, in der auch das persönliche Verhältnis zum US-Präsidenten belastet ist. Nachdem die AfD Anfang September die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewonnen hatte, gratulierte Trump öffentlich. Auf Truth Social schrieb er, die „populistische Partei in Deutschland“ habe eine „wirklich große Nacht“ gehabt, und beendete seinen Beitrag mit „MGGA!!!“ – offenbar in Anlehnung an „Make Germany Great Again“.

Kurz darauf verschob Merz ein bereits geplantes Telefonat mit Trump. Die Bundesregierung nannte keinen offiziellen Grund. Regierungssprecher Stefan Kornelius verwies allerdings auf die grundsätzliche Haltung des Kanzlers, wonach ausländische Einmischungen oder Kommentare zu deutschen Wahlen für ihn nicht infrage kämen. Reuters berichtete damals, Hintergrund der Verschiebung dürfte Trumps Gratulation an die AfD gewesen sein. Die Bundesregierung selbst bestätigte diesen Zusammenhang nicht.

Am Donnerstagabend – nach Merz’ Berliner Aussagen – telefonierten Merz und Trump bereits wieder miteinander. Nach Angaben der Bundesregierung ging es unter anderem um den Ukraine-Krieg und die Lage im Nahen Osten. Merz betonte dabei ausdrücklich die besondere Verbundenheit zwischen Deutschen und Amerikanern.

Internationale Aufmerksamkeit

Die Aussage des Kanzlers fand international Beachtung. Reuters und Bloomberg berichten prominent darüber. Reuters stellt die Äußerungen vor allem in den Zusammenhang der zuletzt verschlechterten Beziehungen zur Trump-Regierung. Bloomberg zieht den Interpretationsrahmen etwas weiter und titelte, die Freundschaft, wie man sie bisher kannte, sei vorerst vorbei.

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