Die vom Iran unterstützten Huthis haben am Donnerstag nach mehrtägigen schweren Kämpfen die strategisch wichtige jemenitische Hafenstadt Mokha am Roten Meer eingenommen. Damit rücken sie einer möglichen Kontrolle der Meerenge Bab el-Mandeb näher – einer zentralen Route für internationalen Handel und Energieexporte.
Der Zeitpunkt ist brisant. Nach der Krise an der Straße von Hormus könnte mit Bab el-Mandeb ein zweiter wichtiger Seehandelsweg unter Druck geraten. Für die USA unter Trump, Saudi-Arabien und ihre Verbündeten wäre das ein erheblicher strategischer Rückschlag.
Dabei geht es nicht nur um Öl. Bab el-Mandeb verbindet den Indischen Ozean über das Rote Meer mit dem Suezkanal und damit mit Europa. Gleichzeitig verlaufen auf dem Meeresboden wichtige Datenverbindungen zwischen Europa und Asien.
Mokha fällt an die Huthis
Ein entscheidender Faktor bei der Einnahme Mokhas war nach Angaben von Al Jazeera der Rückzug der von Saudi-Arabien unterstützten Nationalen Widerstandskräfte. Unklar blieb, ob militärische Überforderung oder operative Gründe ausschlaggebend waren.
Nach UN-Angaben verschärfen die Kämpfe zugleich die humanitäre Lage. Hunderte Frauen und Kinder flohen aus Mokha nach Lahij und Aden. In Taiz und al-Hodeida wurden innerhalb von zwei Wochen mehr als 20.000 Menschen vertrieben.
Der Vorsitzende des jemenitischen Präsidialrats, Rashad al-Alimi, forderte eine stärkere internationale Partnerschaft zum Schutz von Bab el-Mandeb und warnte davor, dass sich dort die Hormus-Krise wiederholen könnte, wie die Saudi Gazette berichtet.
Al-Alimi beschuldigte den Iran, die Huthi-Offensive zur geopolitischen Erpressung und zur Verlagerung der Konfliktkosten auf Nachbarstaaten zu nutzen. Betroffen seien insbesondere die Treibstoff- und Lebensmittelversorgung. Das jemenitische Außenministerium wandte sich wegen der Risiken für Schifffahrt und Handel an den UN-Sicherheitsrat.
Die Huthis widersprechen dieser Darstellung. Huthi-Sprecher Mohammed Abdel Salam erklärte laut Reuters, Handel und Schifffahrt im Roten Meer und in Bab el-Mandeb seien weiterhin sicher. Die militärischen Operationen hätten begrenzte Ziele und seien defensiv.
Für Saudi-Arabien und seine jemenitischen Verbündeten gilt der Verlust Mokhas als schwerer Rückschlag. Jemen-Experte Farea Al-Muslimi von Chatham House sagte der New York Times, die Entwicklung bringe die USA, Saudi-Arabien und ihre Verbündeten in eine schwierige Lage.
Laut der New York Times fordern die Huthis zunehmend internationale Anerkennung als legitime Regierung Jemens und damit Zugang zu staatlicher Macht und Ressourcen. Die Einnahme Mokhas stärkt zugleich Irans Einfluss in unmittelbarer Nähe einer der wichtigsten globalen Wasserstraßen.
UN-Sondergesandter Hans Grundberg forderte die Huthis auf, ihre Angriffe im Jemen, auf Saudi-Arabien sowie gegen Handelsschiffe einzustellen. Nach Angaben der Vereinten Nationen will er Gespräche mit der Regierung und den Huthis fortsetzen und Auswege aus der Eskalation finden.
Das Nadelöhr zwischen Asien und Europa
Bab el-Mandeb liegt zwischen Jemen auf der arabischen Seite und Dschibuti und Eritrea auf der afrikanischen Seite. Die Meerenge ist das südliche Tor zum Roten Meer. Ein Schiff, das von Asien oder dem Persischen Golf über den Suezkanal nach Europa fährt, muss normalerweise Bab el-Mandeb passieren.
Laut einer Analyse des Council on Foreign Relations gehen etwa 15 bis 17 Prozent des weltweiten Seehandels durch den weiteren Korridor des Roten Meeres.
Die strategische Route verläuft dabei vom Indischen Ozean über Bab el-Mandeb und das Rote Meer zum Suezkanal und von dort weiter ins Mittelmeer und nach Europa.
Damit ist die Meerenge ein Engpass, an dem ein vergleichsweise kleiner regionaler Akteur Großmächten und der Weltwirtschaft erhebliche Kosten auferlegen kann.
Europas Umweg wird teuer
Die Huthi-Kampagne seit Ende 2023 hat bereits gezeigt, dass ein Akteur die Meerenge nicht vollständig schließen muss, um erhebliche wirtschaftliche Folgen auszulösen. Raketen- und Drohnenangriffe oder schon eine hinreichend glaubwürdige Androhung von Angriffen können Versicherer dazu bringen, ihre Prämien zu erhöhen, und Reedereien dazu veranlassen, ihre Schiffe um das südliche Afrika herumzuleiten.
Damit werden Transporte deutlich teurer. Die Umfahrung des Kaps der Guten Hoffnung kann eine Reise zwischen dem Arabischen Meer und Europa um ungefähr 15 Tage verlängern.
Bab el-Mandeb verbindet zugleich den Persischen Golf mit dem Mittelmeer. Fracht aus dem Persischen Golf auf dem Weg nach Europa passiert in normalen Zeiten die Straße von Hormus, Bab el-Mandeb und den Suezkanal.
Geraten mehrere dieser Engpässe gleichzeitig unter Druck, bleibt als wichtigste Alternative die erheblich längere Route um das Kap der Guten Hoffnung.
Die EIA-Analyse benennt ausdrücklich den Suezkanal, die SUMED-Pipeline und Bab el-Mandeb als strategische Routen, die die Energieversorgung aus dem Persischen Golf mit Europa verbinden.
Teherans zweiter Hebel
Damit erhält die Entwicklung in Mokha eine Bedeutung, die weit über den Krieg im Jemen hinausgeht.
Der Iran verfügt an der Straße von Hormus über unmittelbaren geopolitischen Einfluss. Zugleich unterstützt Teheran die Huthis im Jemen. Sollten diese ihre Position am Bab el-Mandeb weiter ausbauen, könnte Iran damit auch auf die Sicherheitslage an einer zweiten entscheidenden maritimen Route Einfluss nehmen.
Die Kontrolle über Gebiete entlang der Meerenge verschafft bewaffneten Gruppen die Möglichkeit, gleichzeitig saudische, ägyptische, europäische, chinesische und indische Interessen unter Druck zu setzen.
Auch Pakistan beobachtet die Eskalation mit Sorge. Islamabad warnte im UN-Sicherheitsrat vor weitreichenden regionalen Folgen. Pakistan versucht, zwischen dem Iran und den USA zu vermitteln, und hat im August einen gegenseitigen Verteidigungspakt mit der Türkei und Saudi-Arabien geschlossen.
Vorerst beschränkt sich Islamabad auf mahnende Worte, fordert alle Seiten zur Deeskalation auf und unterstützt einen inklusiven, von Jemeniten getragenen politischen Prozess unter Führung der Vereinten Nationen. Ob die neue Militärallianz Saudi-Arabien und damit indirekt auch den USA im Fall einer weiteren Eskalation militärisch zu Hilfe kommen wird, ist noch nicht abzusehen.
Die Notwendigkeit könnte allerdings bald entstehen.
Großmächte auf engstem Raum
Die strategische Bedeutung der Meerenge erklärt auch die außergewöhnliche militärische Präsenz rund um Bab el-Mandeb.
Die Geografie Dschibutis macht den kleinen Staat zu einem wichtigen Standort für ausländische Streitkräfte. Die Vereinigten Staaten betreiben dort Camp Lemonnier, während China Dschibuti für seinen ersten militärischen Unterstützungsstützpunkt im Ausland auswählte. Frankreich, Japan und andere Länder unterhalten ebenfalls militärische Einrichtungen oder Einsätze in der Region.
Kaum irgendwo sonst liegen militärische Einrichtungen konkurrierender Großmächte so nah an einer für den Welthandel entscheidenden Wasserstraße.
Unter Wasser laufen die Datenadern
Der vielleicht weniger bekannte, aber strategisch wichtige Aspekt der Meerenge ist ihre Bedeutung für die globale digitale Kommunikation.
Eine dichte Ansammlung von Untersee-Telekommunikationskabeln, die Europa, Asien und Afrika miteinander verbinden, folgt der Route durch das Rote Meer und konzentriert sich um Bab el-Mandeb.
Das Center for Strategic and International Studies schätzt, dass etwa 17 Prozent des weltweiten Internetverkehrs über Kabel unter der Meerenge verlaufen und dass mehr als 90 Prozent der Kommunikation zwischen Europa und Asien dem breiteren Ägypten-/Rotes-Meer-Kabelkorridor folgen.
Eine schwere Krise am Bab el-Mandeb könnte deshalb nicht nur Container- und Tankschiffe treffen, sondern auch Telekommunikation, Cloud-Dienste und die internationale Finanzkommunikation beeinträchtigen.
Die Einnahme Mokhas ist damit weit mehr als ein lokaler militärischer Erfolg der Huthis. Sie verschiebt die Kräfteverhältnisse an einer Wasserstraße, die für den Handel zwischen Asien und Europa, für die Energieversorgung, die militärische Strategie der Großmächte und die digitale Kommunikation von zentraler Bedeutung ist.
