Trump erhöht den Druck auf Selenskyj: Meint er es ernst?

Die US-Regierung verschärft die Rhetorik in Richtung Ukraine. Die neuen Attacken dürften allerdings vor allem als Weckruf für die EU gedacht sein.

US-Präsident Donald Trump trifft am 10. Oktober 2026 zu einer Wahlkampfveranstaltung in der F&M Bank Arena in Clarksville, Tennessee, ein. (Foto: Mandel NGAN / AFP)
US-Präsident Donald Trump trifft am 10. Oktober 2026 zu einer Wahlkampfveranstaltung in der F&M Bank Arena in Clarksville, Tennessee, ein. (Foto: Mandel NGAN / AFP)

Donald Trump fordert offen einen Wechsel an der Spitze der Ukraine. „Ich schlage vor, dass sie einen neuen Präsidenten bekommen, der ein Abkommen aushandeln kann“, sagte er laut Associated Press. Über Wolodymyr Selenskyj sagte Trump: „Er hätte das Problem schon oft lösen können, aber er hat es nicht getan.“  Trump fordert zugleich ein Ende der ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien. „Wir haben gesagt: Ihr könnt mit Russland machen, was ihr wollt. Greift nicht die Raffinerien an, denn das ist ein von ihm verursachtes Weltproblem. Und er will der Welt Probleme bereiten.“

Bei fast achtstündigen Gesprächen in Miami brachten Trumps Gesandte Steve Witkoff und Jared Kushner nach Informationen der Financial Times (FT) die Möglichkeit ins Spiel, den Austausch amerikanischer Geheimdienstinformationen einzustellen, falls Kiew die Raffinerieangriffe fortsetzt. Ein beteiligter Ukrainer sagte: „Es war eine klare Forderung des Präsidenten.“ Die Ukraine nutzt amerikanische Geheimdienst-Koordinaten für diese Angriffe.

Doch vorerst sind die Drohungen von Trump reine Rhetorik: Kiew stellte die Attacken nach der amerikanischen Forderung nicht ein, im Gegenteil: „Wir werden die russischen Raffinerien niederbrennen“, sagte ein hochrangiger ukrainischer Beamter der FT. Wenige Stunden später griffen ukrainische Streitkräfte nach russischen Angaben das Ölterminal Jug Rusi in Rostow am Don an. Das ukrainische Verhandlungsteam brach seine Reise vorzeitig ab, statt am Samstag eine zweite Gesprächsrunde zu führen.

Vertrauen zerstört?

Die ukrainische Delegation wurde während der Gespräche in Miami nämlich von Trumps Mitteilung überrascht, er habe sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin auf den Kauf von russischem Diesel verständigt. Ukrainische Beamte hielten die Forderung, ihre Angriffe einzustellen, ohne von Russland einen entsprechenden Schritt zu verlangen, für einseitig. Ein anonymer Beamter sagte der FT, das Vorgehen habe das Vertrauen zwischen beiden Seiten „völlig zerstört“.

Russland setzte seine Angriffe auf die Ukraine ebenfalls fort. Bei einem Gleitbombenangriff auf Saporischschja sollen nach späteren ukrainischen Angaben mindestens 20 Zivilisten ums Leben gekommen sein. Russland griff außerdem Kiew mit Raketen und Drohnen an.

Widerspruch von Selenskyj

Selenskyj erklärte: „Jede zusätzliche Milliarde Dollar, die Russland durch Exporte einnimmt, wird ausschließlich für die Beschaffung und den Import kritischer Komponenten und Ausrüstung zur Waffenherstellung, die Modernisierung der Kampfdrohnen, die Raketenproduktion und die Rekrutierung weiterer Söldner ausgegeben.“

Die „Signale, die Russland durch Trumps Abkommen erhalten hat“, hätten Putin nach Selenskyjs Darstellung gezeigt, dass Moskau „einfach weiter angreifen könne“. Notwendig seien „deutliche Signale“ von amerikanischer Seite gewesen, dass dies nicht möglich sei.

Noch vor einiger Zeit war das anders gewesen. Trump hatte die Ukraine sogar zu stärkeren Angriffen auf russische Raffinerien ermuntert. Er sagte, er wolle, dass Kiew „die Russen den Schmerz spüren lässt“.

Reaktion aus Moskau

Eine spezifische Stellungnahme des Kremls zu Trumps Forderung nach einem neuen ukrainischen Präsidenten war zunächst nicht bekannt. Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow schilderte in vor der Presse den Verlauf des Gesprächs. Laut Uschakow legte Putin „detailliert dar, welche Maßnahmen Russland als Reaktion auf die Terroranschläge des Kiewer Regimes ergriffen hat, das den Konflikt mit allen Mitteln eskalieren und ausweiten will“. Putin habe gesagt, „dass Kiews Versuch, den Vormarsch russischer Truppen entlang der gesamten Kontaktlinie durch Angriffe tief in russisches Territorium zu stoppen, völlig sinnlos sei“. Die russischen Streitkräfte „hätten die volle Initiative und rückten selbstbewusst vor“.

Putin habe klargemacht, dass die russische Position „hinsichtlich der Ziele und des Zwecks der Militäroperation unverändert bleibe, ebenso wie unsere Bereitschaft zu einer politischen und diplomatischen Lösung, die auf einen dauerhaften Frieden abzielt“. Durch die ukrainische Versuche, die Duma-Wahlen zu stören, habe „das Kiewer Regime die Möglichkeit einer sofortigen Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses faktisch zunichtegemacht“. Trump habe Putins Ausführungen „aufmerksam“ zugehört und gesagt, „er werde die entsprechenden Signale an die ukrainische Delegation weiterleiten, die sich derzeit zu Gesprächen mit US-Vertretern in Miami aufhält“.

Was aber steckt wirklich hinter der neuen Verbalattacke Trump gegen Selenskyj?

Schon 2025 nannte Trump Selenskyj einen „Diktator ohne Wahlen“

Trump hatte Selenskyj bereits am 19. Februar 2025 als „Diktator ohne Wahlen“ bezeichnet und erklärt, dieser solle schnell handeln, sonst werde er „kein Land mehr haben“, wie der berichtete.

Neun Tage später kam es im Oval Office zum offenen Streit zwischen Trump, Vizepräsident J.D. Vance und Selenskyj. Wenige Tage danach setzte Washington Militärhilfe und Geheimdienstkooperation vorübergehend aus. Nach einer kurzen Unterbrechung wurde die Zusammenarbeit jedoch bereits am 11. März wieder aufgenommen, nachdem sich die Ukraine bei Gesprächen in Dschidda bereit erklärt hatte, einen amerikanischen Vorschlag für einen 30-tägigen Waffenstillstand anzunehmen, sofern Russland ebenfalls zustimmen würde. Ein umfassender Waffenstillstand kam nicht zustande. Der Krieg ging weiter.

Kräfte an der entscheidenden Front bündeln

Während der Unterbrechung der amerikanischen Geheimdienstkooperation verstärkte Russland seine Offensive im Gebiet Kursk, und die Ukraine zog sich anschließend aus einem großen Teil ihrer dortigen Stellungen zurück. Mit dem Rückzug entfiel zugleich die Bindung ukrainischer Kräfte an die Verteidigung des Brückenkopfes auf russischem Gebiet. Welche Verbände danach wohin verlegt wurden, ist öffentlich nicht vollständig dokumentiert.

Heute liegt ein entscheidender Schwerpunkt im Donbas im Raum Kramatorsk und Slowjansk. Der österreichische Brigadier Philipp Eder sagte dem World News Monitor: „Die Ukrainer versuchen, durch exzellente Aufklärung und Bekämpfung mit Drohnen zu verhindern, dass die Russen schneller vorankommen. Das gelingt ihnen auch sehr gut.“

Für die unmittelbare taktische Aufklärung an der Front stützt sich die Ukraine damit stark auf eigene Drohnen. Angriffe auf weit entfernte russische Raffinerien sind dagegen ohne US-Unterstützung nicht möglich.

Eine Folge der jüngsten Debatten könnte sein, dass die Ukraine gezwungen ist, sich stärker auf die direkte Front zu konzentrieren – ein Ansatz, der aus militärischer Sicht schon wegen der Ökonomie der Kräfte sinnvoll sein dürfte.

Amerikanische Waffen fließen weiter

Auch die amerikanischen Waffenlieferungen wurden nie zurückgefahren. Verändert hat sich allerdings die Finanzierung: Über den Nato-Mechanismus PURL werden amerikanische Waffen und Munition beschafft. Nato-Generalsekretär Mark Rutte erklärte im September, diese Lieferungen liefen „ohne Unterbrechung“. Innerhalb eines Jahres hätten die Verbündeten mehr als zehn Milliarden Dollar für PURL und amerikanische Rüstungsexporte für die Ukraine bereitgestellt; darin enthalten seien 3,5 Milliarden Dollar aus dem europäischen Ukraine Support Loan.

Laut dem Kiel Institut für Weltwirtschaft kauften europäische Geber im ersten Halbjahr 2026 für mindestens drei Milliarden Euro Waffen bei amerikanischen Rüstungsunternehmen. Mehr als 90 Prozent der über PURL bereitgestellten Militärhilfe stammten aus amerikanischen Beständen.

Auch der amerikanische Geheimdienstaustausch läuft derzeit weiter. Die aktuelle Drohung betrifft eine mögliche erneute Einschränkung; zu einer Unterbrechung ist es bislang nicht gekommen.

Die Unterbrechung im März 2025 fiel mit russischen Geländegewinnen in Kursk zusammen, führte aber nicht zu einem dauerhaften Umschwung des gesamten Frontverlaufs. Anders war der politische Effekt in Europa: Rutte führt den starken Anstieg der europäischen Verteidigungsausgaben ausdrücklich auch auf Trumps Druck zurück. Trump habe die Verbündeten „äußerst nachdrücklich“ zu höheren Ausgaben gedrängt.

Europa soll zahlen

Dieser Effekt könnte auch jetzt beabsichtigt sein: Ein erheblicher Teil der ausgewiesenen europäischen „Unterstützung“ und Krediten für die Selenskyj-Regierung besteht nämlich aus zwar beschlossenen, aber noch nicht vollständig ausgezahlten Mitteln. Es ist denkbar, dass Trumps jüngster Druck auch darauf zielt, die Europäer zu schnelleren Zahlungen zu bewegen. Sein mit Russland geschlossener Diesel-Deal könnte allerdings darauf hindeuten, dass die USA und Israel einen neuen Angriff auf den Iran planen und Trump daher vermeiden will, dass die Diesel-Preise durch die Decke gehen. Auch der Iran-Krieg war Gegenstand der Unterredung von Trump und Putin.

Innenpolitisch ist die Lage in Europa angespannt. Mehrere europäische Regierungen müssen weitere Ukraine-Hilfen mit hohen Verteidigungsausgaben und anderen Haushaltsbelastungen vereinbaren. Vor allem Frankreich und Deutschland haben da ein Problem. Die aktuellen Aussagen von Trump könnten als Weckruf für Paris und Berlin interpretiert werden, bei der Finanzierung der Ukraine nicht nachzulassen.

Die EU will den Druck auf Russland jedenfalls hoch halten.

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