Letzter Epischelfeis-See Kanadas dauerhaft verschwunden

Das Süßwasser-Ökosystem wurde nach dem Zerbrechen des Milne-Schelfeises 2020 innerhalb weniger Monate durch ein marines System ersetz

Das Milne Shelf Ice (Foto: European Union, Copernicus Sentinel-1 imagery)

Der letzte Epischelfeis-See der kanadischen Arktis ist dauerhaft verschwunden. Das bestätigt eine neue Studie über den Milne-Fjord im Norden der Ellesmere-Insel.

Epischelfeis-Seen entstehen, wenn ein Schelfeis wie ein Damm wirkt und Süßwasser zurückhält. Im Milne-Fjord schwamm dadurch eine dauerhafte Süßwasserschicht direkt über dem mit dem Arktischen Ozean verbundenen Salzwasser. In den beiden Wasserschichten lebten unterschiedliche Organismengemeinschaften.

Im Juli 2020 brach das Milne-Schelfeis auseinander und verlor rund 45 Prozent seiner Fläche. Messdaten zeigen laut den Forschern, dass unmittelbar danach Süßwasser aus dem Fjord austrat. Bis zum Herbst war der größte Teil der Schicht verschwunden. Bei Messungen im Juli 2022 hatte Brackwasser das frühere Süßwasser vollständig ersetzt. Auch die jährlichen Untersuchungen danach ergaben keine Hinweise auf eine Erholung.

Für die Untersuchung werteten Wissenschaftler der Universitäten British Columbia, Alberta und Laval sowie der Carleton University rund zehn Jahre an Messdaten, Satellitenaufnahmen und Feldbeobachtungen aus. Instrumente, die während der Corona-Pandemie im Fjord verblieben waren, zeichneten auch die Veränderungen unmittelbar nach dem Eisbruch auf.

„Diese Systeme brauchten Tausende Jahre, um sich zu bilden, und gingen innerhalb von Monaten verloren“, erklärte Studienautor Jérémie Bonneau laut der University of British Columbia. Auf menschlichen Zeitskalen werde das System nicht zurückkehren. Voraussetzung dafür wäre eine Wiederherstellung des Schelfeises, die die Forscher unter den derzeitigen klimatischen Bedingungen nicht erwarten.

Besondere Bedeutung hat der Befund wegen der Lage des Milne-Fjords. Er gehört zur sogenannten „Last Ice Area“ nördlich von Kanada und Grönland. Dort wird erwartet, dass ganzjähriges arktisches Meereis länger erhalten bleibt als in anderen Teilen der Nordpolarregion. Das Gebiet gilt deshalb als mögliches Rückzugsgebiet für vom Eis abhängige Arten.

Auch andere aktuelle Messungen weisen auf Veränderungen in der Arktis hin. Eine Ende August veröffentlichte Untersuchung von 156 Permafrost-Messstationen ergab, dass die im Sommer auftauende Bodenschicht an 55 Prozent der untersuchten arktischen Standorte zwischen 2000 und 2024 signifikant dicker wurde.

Nach Angaben des US-amerikanischen National Snow and Ice Data Center lag die arktische Meereisausdehnung im August 2026 im Mittel bei 5,56 Millionen Quadratkilometern. Das war der siebtniedrigste Augustwert seit Beginn der Satellitenmessungen. Besonders große eisfreie Flächen registrierten die Forscher in der Beaufort-, Tschuktschen- und Ostsibirischen See.

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