Wenn man sich mit der aktuellen Diskussion der Europäischen Union über die Gestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen zu China beschäftigt, wird schnell deutlich, dass wesentliche Grundsätze moderner chinesischer Politik, die in einer jahrtausendalten kulturellen Tradition wurzeln, nur unzureichend begriffen worden sind. Augenfällig wurde das auch am Verhalten der beiden deutschen Außenminister Annalena Baerbock und Johannes Wadephul, die in völliger Unkenntnis von Geschichte, Gesellschaft und kulturellen Codes agierten.
China ist das einzige antike Reich, das nach zwei Jahrtausenden noch immer existiert; die jahrtausendalten kulturellen Wurzeln, die Geschichte, Philosophie und die Religion bilden den Glutkern des gegenwärtigen wirtschaftlichen Aufschwungs. Kern dieses Denkansatzes ist die Dialektik, die sich erhalten hat und gedanklicher Motor der modernen Entwicklung seit dem Tod Mao Tse Tungs ist. Dieses dialektische Denken, gespeist aus Konfuzianismus und Daoismus, ist so beweglich, dass Gegensätze nicht als Hemmnis, sondern als Motor begriffen werden, wenn man sie dynamisch ausbalanciert.
„Lernen ohne Nachdenken ist vergeudete Mühe; Nachdenken ohne Lernen ist gefährlich.“
(Konfuzius, Gespräche 2.15)
Yin (Schattenseite) und Yang (Sonnenseite eines Berges) sind in der chinesischen Philosophie, speziell im Daoismus, zwei gegensätzliche, aber untrennbar miteinander verbundene Grundkräfte, die sich beispielhaft im Zusammendenken von staatlicher Lenkung (Yin) und kapitalistischer Marktdynamik (Yang) widerspiegeln: Der Staat greift ein, wo der Markt versagt, der Markt agiert, wo der Staat zu unflexibel ist.
Reformen werden nicht radikal, sondern schrittweise umgesetzt: „Den Fluss überqueren, indem man nach den Steinen tastet.“ Dabei geht es darum, das Bestehende zu sichern, während Neues behutsam integriert wird, ein eigentlich konservativer gedanklicher Ansatz, auch wenn der erst Jahrhunderte später Raum griff.
„Was du selbst nicht willst, das tu auch anderen nicht an.“
(Konfuzius, Gespräche 15.24)
Dabei steuert der Konfuzianismus das moralische und strukturelle Fundament bei: Wirtschaftliche Großprojekte, wie die Neue Seidenstraße, werden von der Bevölkerung mitgetragen, weil das Wohl der Gemeinschaft traditionell über dem des Einzelnen steht. Dabei unterscheiden sich Zeithorizonte wesentlich von dem der westlichen Wirtschaftswelt: Der kapitalgetriebene Markt hat die nächsten Quartalsberichte im Fokus, während der chinesische Staat und die Unternehmen in Dekaden denken.
Bildung und harte Arbeit, die ursprünglich im kaiserlichen Prüfungssystem verankert waren, funktionieren als kulturelle DNA noch immer, sichern China eine intellektuelle Elite; eine Million gut ausgebildete Ingenieure sorgen schon mengenmäßig für einen ungeheuren Konkurrenzkampf, der einen Innovationsdruck hervorbringt.
Eine der wesentlichen Triebkräfte, die hier beispielhaft beleuchtet werden, ist das sogenannte Guanxi, das in der chinesischen Kultur ein enges Netzwerk persönlicher Beziehungen beschreibt, die auf gegenseitigem Vertrauen, Loyalität und lebenslangen Verpflichtungen beruhen. Im Gegensatz zu westlichen Beziehungsnetzwerken ist es durch quasi familiäre Geflechte grundiert. Darauf basieren auch die Geschäfte, die auf langfristige Allianzen gerichtet sind und die im Gegensatz zu den bürokratischen Strukturen Europas bzw. Deutschlands schnelle Entscheidungen hervorbringen.
Schließlich kommt strategische Flexibilität zum Tragen, die Krisen als Chance begreift (im Chinesischen besteht das Wort für Krise aus den Zeichen für „Gefahr“ und „Chance“), während in Europa bzw. Deutschland Krisen medial zu Katastrophen stilisiert werden.
In der chinesischen Kultur wird das Buch Die Kunst des Krieges des ersten Strategen General Sunzi (544 v. Chr. bis 496 v. Chr.) weitergedacht. China versucht, direkte Konfrontationen im weltweiten Handelsgefüge, aber auch im geopolitischen Kontext zu vermeiden. Stattdessen sichert es sich strategische Nischen wie etwa Seltene Erden oder Batterietechnologien auf wirtschaftlichem Gebiet bzw. Beteiligungen an Infrastrukturprojekten, die es – wie amerikanische Militärbasen – über die ganze Welt verteilt.
Wenn internationaler Druck entsteht, passt sich China an, indem es den Fokus auf den Binnenmarkt verlegt bzw. wirksame Gegenmaßnahmen verhängt – zum Beispiel die Drohung mit symmetrischen Zöllen, die aufgrund der wirtschaftlichen Macht Chinas und der damit verbundenen Abhängigkeiten die Konkurrenten zumeist zum Einlenken bewegen.
Aus dem Zusammenwirken dieser Faktoren kann China Tradition und High-Tech bzw. Hyperkapitalismus und Sozialismus mehr oder weniger mühelos vereinbaren.
„Denn in hundert Schlachten hundert Siege zu erringen, ist nicht der Inbegriff des Könnens. Der Inbegriff des Könnens ist, den Feind ohne Gefecht zu unterwerfen.“
(Sunzi, Die Kunst des Krieges)
Beispielhaft ist der Umgang mit dem Guanxi, das traditionelle Beziehungsnetzwerke mit modernster Technologie verschmilzt. Das einfachste Beispiel ist die Super-App Tencent WeChat, die Berufliches (Verträge, Verhandlungen) und Privates (Pflege persönlicher Kontakte) im selben digitalen Raum stattfinden lässt, was chinesische kulturelle Verhältnisse widerspiegelt, die berufliches und privates Leben viel weniger trennen, als das in westlichen Gesellschaften üblich ist.
Durch die politischen Hintergründe ist die Schnittstelle zur Politik – Kommunistische Partei bzw. lokale Regierung – von überlebenswichtiger Bedeutung. Gründer und Topmanager müssen intensive Netzwerke zu staatlichen Akteuren pflegen, um Freiraum für Innovationen zu erhalten. Das beschreibt mindestens eine der Systemgrenzen: Wenn der Staat seine Interessen (politische bzw. wirtschaftliche Stabilität) gefährdet sieht, werden Börsengänge gestoppt, CEOs abgelöst u. Ä. Andererseits verhindert es auch die Übermacht von Tech-Konzernen, wie in den USA.
Innerhalb der chinesischen Tech-Konzerne gibt es Alumni-Netzwerke, die auf gemeinsamem Studium in Eliteuniversitäten beruhen, sich Ressourcen sichern und gemeinsam Projekte vorantreiben. Die kollektiven Strukturen ermöglichen auch Arbeitszeitmodelle, die eher dem Manchesterkapitalismus entsprechen, aber auf dem Gedanken beruhen, das gemeinsame Team nicht im Stich zu lassen. Gruppenzwang spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle, der Verlust des individuellen Spielraums wird eingepreist.
„Wer kraft seiner Tugend regiert, gleicht dem Polarstern: Er bleibt an seinem Platz, und alle Sterne wenden sich ihm zu.“
(Konfuzius, Gespräche 2.1)
Die historischen Wurzeln des Guanxi (wörtlich übersetzt: „Schranke/Pass“ und „Verbindung“, also der „Zugang zu Beziehungen“) reichen Jahrtausende zurück und basieren auf einer Mischung aus philosophischen Überlegungen, dem Überlebenskampf in agrarischen Strukturen und einer historisch gewachsenen Skepsis gegenüber abstrakten Gesetzen.
Der Konfuzianismus betrachtete den Menschen nicht als autonomes Individuum, sondern als Wesen, das vor allem durch seine sozialen Beziehungen definiert wird. Im Mittelpunkt stehen dabei durch Machtgefälle strukturierte familiäre Beziehungen, die emotional und moralisch als Bindungsmittel funktionieren. Konfuzius begriff die Familie als Mikrokosmos des Staates.
Das hing auch mit der über zwei Jahrtausende vorherrschenden agrarischen Gesellschaft zusammen, in deren System der Einzelne ohne Hilfe nicht überleben konnte. Das hat sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingegraben. Wenn außerhalb dieses Netzwerkes durch Dürren bzw. Konflikte Hilfe notwendig war, wurde das familiäre Modell auf Nachbarn, Dorfgemeinschaften und Händler ausgeweitet.
Ein anderes wesentliches Moment ist die Währung der sozialen Schuld.
Bereits in der alten chinesischen Philosophie verankert sind die Konzepte von Renqing (menschliche Empathie/Gefälligkeit) und Bao (Reziprozität/Vergeltung). Wer im historischen China eine Gefälligkeit annahm, ging eine moralische Schuld ein, die oft erst Jahre später beglichen werden musste. Ein funktionierendes Guanxi beruhte auf dem Prinzip, dass diese „Schuldenkette“ niemals vollständig ausgeglichen sein durfte. Das permanente Hin- und Herwechseln von Gefallen dynamisierte das Netzwerk und band Menschen über Generationen aneinander.
Hinzu kamen die schwach ausgeprägte Rechtsstaatlichkeit und die kaiserliche Bürokratie, die in Abwesenheit eines verlässlichen, unabhängigen Rechtssystems für die einfache Bevölkerung die Netzwerke lebensnotwendig machte. Besonders im kaiserlichen China schützte das Gesetz primär die Macht der Dynastie, nicht die Rechte des Einzelnen. Da Richter und kaiserliche Beamte entweder weit weg oder häufig korrupt waren, verließ man sich lieber auf ein Netzwerk aus Menschen, deren familiären Hintergrund oder deren Bürgen man persönlich kannte.
Als Ende des 19., zu Beginn des 20. Jahrhunderts (während des Zusammenbruchs der Qing-Dynastie und der Republikzeit) der Staat kollabierte und das Chaos regierte, waren persönliche Netzwerke die einzige Überlebensgarantie.
Auch während der Planwirtschaft unter Mao Zedong blieb Guanxi essenziell: Da Konsumgüter und Lebensmittel streng rationiert waren, halfen oft nur „Beziehungen“ zum lokalen Verwalter, um knappe Waren zu organisieren. Als China sich ab 1978 unter Deng Xiaoping wirtschaftlich öffnete, wurde dieses historisch erprobte Überlebensnetzwerk nahtlos auf den modernen Kapitalismus übertragen.
Obwohl Guanxi oft mit Beziehungen bzw. Networking gleichgesetzt wird, gibt es wesentliche Unterschiede zwischen der westlichen Auffassung von Netzwerken und dem Guanxi. Guanxi ist ein tief verwurzeltes, moralisch-philosophisches Verpflichtungssystem, das das gesamte Leben durchzieht, berufliche und private Sphäre verschmilzt, während das westliche Networking auf zweckorientierten Nutzen ausgerichtet ist. Der ist zumeist kurz- bzw. mittelfristig ausgerichtet, während das Guanxi langfristig und lebensübergreifend gedacht ist: „Einen Brunnen graben, bevor man Durst hat.“
Im chinesischen Kontext erzeugt ein Gefallen eine bindende, oft lebenslange moralische Schuld, dessen Nichterwiderung zum totalen Gesichtsverlust führt, während im westlichen Gebrauch ein Gefallen nicht zwangsläufig erwidert werden muss. Schließlich wiegt das persönliche Vertrauen in China schwerer als vertragliche Vereinbarungen, die eher das Beiwerk für Abschlüsse bilden.
„Wenn der Handwerker sein Werk gut verrichten will, muss er zuerst sein Werkzeug schärfen.“
(Konfuzius, Gespräche 15.10)
Ein komplexes Beispiel für das Scheitern eines westlichen Großkonzerns ist der Rückzug von Uber aus dem chinesischen Markt im Jahr 2016.
Obwohl Uber mit Milliardenbudgets und der weltweit besten Technologie antrat, unterlag das Unternehmen dem heimischen Konkurrenten DiDi Chuxing, weil es Uber nicht gelang, ein Verhältnis zur lokalen Beziehungskultur zu finden, obwohl es mit seiner im Westen erfolgreichen aggressiven Strategie antrat. Während DiDi Chuxing Netzwerke zu Stadtverwaltungen und Taxiverbänden aufbaute, trat Uber als disruptiver Aggressor auf. Bar der Verankerung in politischen Netzwerken hatte es Regulierungen nichts entgegenzusetzen, auch weil Didi Chuxing durch sein Guanxi mit der politischen Klasse als Garant für Ordnung galt. Hinzu kam, dass sich DiDi Chuxing strategische Investitionen der mächtigsten chinesischen Tech-Riesen Tencent und Alibaba sicherte. Durch die Partnerschaft mit Tencent wurde DiDi in WeChat integriert, konnten WeChat-Nutzer ein DiDi-Taxi rufen und bezahlen, ohne die App zu verlassen. Uber war technologisch isoliert, weil es keinen Zugang zum wichtigsten digitalen Beziehungsnetzwerk der chinesischen Verbraucher hatte.
Als Uber-Gründer Travis Kalanick versuchte, mit Milliarden Dollar die Fahrten zu subventionieren, wurde dies als arroganter Angriff auf das „Gesicht“ der heimischen Industrie gewertet. Daraufhin wurde der Konkurrent auf „chinesische“ Art, also mit beiderseitiger Gesichtswahrung, ruhiggestellt: Uber verkaufte sein China-Geschäft an DiDi Chuxing. Im Gegenzug erhielt Uber eine Beteiligung von knapp 18 % an DiDi, und DiDi investierte eine Milliarde Dollar in Uber. Uber konnte den Rückzug gesichtswahrend als „strategische Partnerschaft“ verkaufen.
Ganz anders operierte Apple, das in Gestalt von Tim Cook begriffen hatte, dass es um das Prinzip des gegenseitigen Nutzens ging und mit den Staatszielen übereinstimmen musste. Deshalb verlegte Apple nicht nur seine kostensparende Lieferkette nach China, sondern rüstete das Land auch zu einer Tech-Supermacht, indem es tausende US-Ingenieure nach China sendete, um lokale Zulieferer (wie Foxconn oder Luxshare) zu schulen und sie technologisch auf das höchste Niveau zu hieven. Sie investierten jährlich 55 Milliarden US-Dollar, eine Win-Win-Situation, die dem chinesischen Denken entspricht: Apple sichert Chinas Aufstieg, China sichert Apples Produktion.
Mit den kulturellen Gesetzen des chinesischen Marktes vertraut, installierte Apple ein hochkarätiges Team von Spitzenmanagern vor Ort, die pragmatisch mit lokalen Beamten in den Provinzen verhandeln konnten, um Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen.
Als Apple 2013 wegen seiner Garantiebestimmungen unter massiven Beschuss der Staatsmedien geriet, reagierte Tim Cook „chinesisch“: Er veröffentlichte einen in der Landessprache verfassten, aufrichtigen Entschuldigungsbrief, der das „Gesicht“ der chinesischen Verbraucher und Behörden wiederherstellte und das gegenseitige Vertrauen vertiefte.
In renommierten Business Schools des Westens werden Managern schon seit längerer Zeit die kulturellen Spezifika der chinesischen Gesellschaft vermittelt; Schulungen verdeutlichen deren Wichtigkeit im Zusammenhang mit dem Aufbau wirtschaftlicher Beziehungen. Schon im Sommer 2012 erschien in der MIT Sloan Management Review der Artikel „Building Effective Business Relationships in China“, dessen Unterzeile annonciert: „But non-Chinese executives still must work hard at building trust in relationships with their Chinese business partners.“ Der Text beschreibt in The Myths of Guanxi auch die kulturelle Differenz als Basiswissen für gute Geschäfte.
Es ist wohlfeil, der politischen Elite Europas den Hinweis zu geben, dass die Kosten für die eine oder andere Schulung Lehrgeld in Milliarden sparen. Dass diese Praxis für die chinesische Gesellschaft abseits der Wirtschaft einen hohen Preis verursacht, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Oder: „Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man nicht weiß – das ist wahres Wissen.“ (Konfuzius, Gespräche 2.17)
