Aktivisten besetzen Baustelle von Microsoft-Rechenzentrum in Amsterdam

Umweltorganisationen haben für Freitag und Samstag zu Protesten in mehreren europäischen Ländern aufgerufen. Sie sehen Rechenzentren als Produzenten von „KI-Müll, Überwachung und militärischen Anwendungen“.

Mitglieder der Aktionsgruppe Geef Tegengas protestieren am 6. November 2026 in Sloterdijk, Amsterdam, gegen den Bau eines Microsoft-Rechenzentrums und die Rolle der großen Technologiekonzerne. (Foto: Koen Van WEEL / ANP / AFP)
Mitglieder der Aktionsgruppe Geef Tegengas protestieren am 6. November 2026 in Sloterdijk, Amsterdam, gegen den Bau eines Microsoft-Rechenzentrums und die Rolle der großen Technologiekonzerne. (Foto: Koen Van WEEL / ANP / AFP)

Ein Zusammenschluss von Umwelt-, Bürgerrechts- und lokalen Initiativen unter dem Namen Stop Dirty Data Centres fordert einen Baustopp für neue große Rechenzentren, bis deren Folgen für Energieversorgung, Wasserverbrauch, Umwelt und Bevölkerung geklärt und verbindliche Regeln beschlossen sind. Mehr als 100 Gruppen beteiligen sich an der Kampagne. Über die Zahl der beteiligten Länder gibt es unterschiedliche Angaben: Die Organisatoren nannten gegenüber Reuters 16 Länder, die Associated Press berichtete von Aktionen in 15 Ländern.

Microsoft-Protest in Amsterdam

Mehr als 100 Aktivisten versammelten sich am Freitag in Amsterdam an der Baustelle eines neuen Microsoft-Rechenzentrums im Stadtteil Westpoort. Ein Teil der Demonstranten drang anschließend auf das Gelände ein. Aktivisten kletterten über Bauzäune und auf einen Kran, zündeten Leuchtfackeln, befestigten Ballons an Geräten und besetzten Teile der Baustelle. Am Abend teilte die niederländische Polizei mit, 150 bis 200 Menschen wegen des Verdachts auf Hausfriedensbruch festgenommen zu haben. Bei Auseinandersetzungen wurde nach Polizeiangaben ein Beamter leicht verletzt. AP berichtete zudem von Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei.

Die Besetzung wurde von der niederländischen Gruppe Geef Tegengas organisiert und war nicht Teil der von Stop Dirty Data Centres koordinierten Aktion. Deren Teilnehmer demonstrierten nach Angaben des Guardian vor dem abgesperrten Gelände. Beide Proteste fanden jedoch am selben Ort und zur selben Zeit statt. Stop Dirty Data Centres erklärte, den Einbruch auf die Baustelle weder organisiert noch beworben zu haben.

Ein Teil der Besetzer verband den Protest gegen das Rechenzentrum mit Kritik an Microsoft. Auf Bannern griffen Aktivisten die Geschäfte des Konzerns mit dem israelischen Militär sowie mit der US-Einwanderungsbehörde ICE an. Nathan Timmer von Geef Tegengas sagte laut AP über das geplante Zentrum: „Wir wollen nicht, dass es gebaut wird. Niemand braucht es.“ Es werde seiner Ansicht nach für „KI-Müll“, Überwachung und militärische Anwendungen verwendet.

Microsoft erklärte, der Konzern respektiere das Recht auf friedliche Meinungsäußerung, dulde aber „keine Handlungen, die rechtswidrig sind oder die Sicherheit von Menschen gefährden“. Der Eigentümer der Baustelle, Pure Data Centres, forderte die Besetzer auf, das Gelände sicher zu verlassen und über ihre Bedenken zu sprechen. Das Unternehmen plant nach Reuters Investitionen von mehr als einer Milliarde Dollar in das Projekt.

Demonstration in Berlin

In Berlin versammelte sich am Freitagnachmittag eine deutlich kleinere Gruppe vor zwei Rechenzentrumsstandorten in Mariendorf. Nach Angaben von AP waren es rund ein Dutzend Teilnehmer. Die Demonstranten hielten unter anderem ein Transparent mit der Aufschrift „Rechenzentren? Nein danke!“ hoch. Die beiden Standorte auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerks werden von NTT Data und Virtus betrieben. Teile der Anlagen laufen bereits, andere befinden sich noch im Bau. Nach Recherchen von netzpolitik.org sollen die beiden Campus nach ihrer Fertigstellung zusammen über mehr als 100 Megawatt IT-Leistung verfügen.

„Wir wollen diesen blinden Bau von Rechenzentren in Deutschland stoppen, ohne Rücksicht auf Umweltbedenken“, sagte Protestsprecherin Caro Weber der AP. Gegenüber netzpolitik.org bezeichnete sie die Berliner Aktion als Beginn einer größeren Bewegung. Ein für denselben Nachmittag geplanter Tag der offenen Tür an einem der Standorte sei nach ihren Angaben aus Sicherheitsgründen abgesagt worden.

Protest vor dem Parlament in Warschau

Auch in Warschau wurde am Freitag demonstriert. Rund 100 Menschen versammelten sich nach Angaben der AP vor dem polnischen Parlament. Unter ihnen waren Vertreter von Gemeinden im Raum Warschau, in deren Umgebung neue Rechenzentren entstehen sollen. Auf einem Transparent war zu lesen: „Zwei Rechenzentren, 35 Meter von unseren Häusern entfernt! Premierminister Tusk, hilf!!!“ Ein anderes Schild stellte den Wasserverbrauch der Anlagen in den Mittelpunkt.

Kleinere Proteste wurden am Freitag außerdem aus Bristol in Großbritannien und vom zentralen Platz in Zagreb gemeldet. Der Guardian berichtete darüber hinaus von Aktionen in Berlin und Warschau. netzpolitik.org berichtete von Protesten auch in London und Wien. Belastbare Teilnehmerzahlen oder detaillierte Berichte über den Verlauf dieser Aktionen lagen am Freitagabend zunächst nicht vor.

Weitere Veranstaltungen waren von den Organisatoren für Freitag unter anderem im spanischen Alcalá de Henares, im französischen Vitry-sur-Seine, im britischen Reading und Blackpool sowie vor dem polnischen Parlament angekündigt worden. Für Samstag sind unter anderem Proteste in Dublin, Finnland, Dänemark und Großbritannien vorgesehen. Die Kampagnenseite von Stop Dirty Data Centres führt Demonstrationen, Märsche, Informationsveranstaltungen und Protestspaziergänge in zahlreichen Städten auf. Ob jede dort angekündigte Veranstaltung tatsächlich stattgefunden hat, ließ sich am Freitagabend noch nicht unabhängig bestätigen.

Die Kampagne richtet sich nicht gegen den Weiterbetrieb bestehender Rechenzentren. Sie verlangt ein Moratorium für neue große Anlagen, bis Regierungen Regeln für deren Bau und Betrieb festgelegt haben. Die Initiativen führen vor allem den hohen Strom- und Wasserbedarf, die Konkurrenz um Netzkapazitäten und Flächen sowie mangelnde Beteiligungsmöglichkeiten für Anwohner an. Die Branche hält dagegen, Rechenzentren seien notwendige Infrastruktur für Cloud-Dienste und künstliche Intelligenz. EU-Kommissionsvizepräsidentin Henna Virkkunen sagte Reuters, Europa brauche eigene Rechenkapazitäten für KI. Es müsse aber gewährleistet sein, dass dadurch weder Stromrechnungen stark stiegen noch Stromausfälle verursacht oder Umweltzerstörungen in Kauf genommen würden.

Mit dem Protestwochenende versucht die bislang vor allem lokal organisierte Opposition gegen einzelne Rechenzentren erstmals, europaweit gemeinsam aufzutreten. Der erste Tag zeigte dabei sehr unterschiedliche Dimensionen: ein Dutzend Demonstranten vor einem Berliner Rechenzentrum, rund 100 Menschen vor dem Parlament in Warschau und in Amsterdam eine Baustellenbesetzung, an deren Ende bis zu 200 Menschen von der Polizei festgenommen wurden. Weitere Aktionen sollen am Samstag folgen.

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