Worum es bei den Protesten in Frankreich wirklich ging

Die Bilder der Gewalt überlagerten den Protest von hunderttausenden Franzosen. Sie demonstrierten, weil sie sich das Leben einfach nicht mehr leisten können.

Kundgebung am 18. Oktober 2026, einen Tag nach dem Brand des Rathauses in Limoges. (Foto: PASCAL LACHENAUD / AFP)
Kundgebung am 18. Oktober 2026, einen Tag nach dem Brand des Rathauses in Limoges. (Foto: PASCAL LACHENAUD / AFP)

Hunderttausende Menschen gingen am 17. Oktober in Frankreich auf die Straße. Im Mittelpunkt standen hohe Lebenshaltungskosten, Löhne und Renten, Kraftstoffpreise, öffentliche Dienste sowie die Situation an Schulen und Hochschulen. Am Rande der großen Demonstrationszügen kam es in mehreren Städten zu Ausschreitungen und Plünderungen.

Doch worum ging es jenen, die weitgehend friedlich demonstrierten?

„Massive Menschenmenge, überbordende Wut“

Mediapart überschrieb die Bilanz des Protesttages mit „Massive Menschenmenge, überbordende Wut, überforderte Regierung“. Das Medium erklärte den 17. Oktober als Zusammenlaufen verschiedener Protestbewegungen: Gelbwesten, Schüler, Studenten und Gewerkschaften protestierten gegen die hohen Lebenshaltungskosten und für den Erhalt öffentlicher Leistungen.

Die Schülerproteste hatten sich seit Mitte September ausgeweitet. Nach Darstellung von Mediapart richteten sie sich gegen Probleme an Schulen, das französische Hochschulzulassungssystem Parcoursup und fehlende Studienplätze.

Libération berichtete, dass sich diese Jugendproteste mit dem Aufruf gegen hohe Lebenshaltungskosten verbanden. Am 17. Oktober waren in Paris unter anderem die Parolen „Wir wollen leben, nicht überleben“ und Forderungen nach mehr Geld für Bildung zu hören.

Auch Politis beschrieb den Tag als Zusammentreffen verschiedener Protestgruppen. Ein Geschichtslehrer und früherer Gelbwesten-Aktivist sagte: „Heute kommen die verschiedenen Formen der Wut zusammen.“ Auf Transparenten stand unter anderem: „Die Reichen besteuern.“

„Alles wird teurer, Löhnen und Renten steigen nicht“

CFDT, CGT, FO, UNSA und FSU hatten ihre Forderungen bereits am 5. Oktober formuliert. In ihrem gemeinsamen, bei der CGT veröffentlichten Aufruf hieß es: „Kraftstoff, Lebensmittel, Mieten, Gas, Strom – alles wird teurer, außer Löhnen und Renten.“

Die Gewerkschaften verlangten höhere Löhne und Renten, einen höheren Mindestlohn, höhere Sozialleistungen und mehr Geld für öffentliche Dienste. Sie forderten außerdem höhere Wohnbeihilfen, Familienleistungen und Studentenhilfen. Finanziert werden sollte dies nach ihren Vorstellungen unter anderem durch eine stärkere Belastung großer Vermögen, hoher Erbschaften und Dividenden.

CGT-Generalsekretärin Sophie Binet brachte die Kaufkraftfrage auf ein konkretes Beispiel. Nach einem Bericht von Le Monde sagte sie: „Heute wird es zum Luxus, Tomaten oder Zucchini zu kaufen oder den Tank vollzumachen.“ Millionen Beschäftigte kämen finanziell nicht mehr über die Runden.

Binet forderte zugleich: „Der Mindestlohn muss erhöht und sämtliche Löhne an die Inflation gekoppelt werden.“ Die CGT wandte sich außerdem gegen ein Einfrieren der Renten und verlangte eine stärkere Anpassung von Einkommen und Sozialleistungen an die Preisentwicklung. Ein zentrales Thema war die Mobilität. Außerhalb der Großstädte und im Schichtdienst ist das Auto für viele Beschäftigte kaum zu ersetzen.

Demonstranten schilderten diese Belastungen. Johnny, ein 42-jähriger Lagerarbeiter und Gabelstaplerfahrer bei Rouen, sagte Le Monde, er und seine Frau verdienten zusammen rund 3.000 Euro im Monat und hätten zwei Kinder: „Bei allem, was wir bezahlen, bleibt nicht mehr viel übrig.“ Wegen seines Schichtdienstes sei er auf das Auto angewiesen, weil zu seinen Arbeitszeiten keine öffentlichen Verkehrsmittel führen.

Laura, 43, kommunale Angestellte, sagte am selben Ort: „Alles wird teurer, nur unser Lohn steigt nicht.“ Ihr Einkommen habe früher deutlich über dem Mindestlohn gelegen, inzwischen sei der Abstand fast verschwunden. Eine Studentin in Besançon verwies in Le Monde auf Inflation, eingefrorene Wohnbeihilfen und aus ihrer Sicht unzureichende Studentenförderung.

Die wirtschaftlichen Forderungen lauteten: höhere Löhne und Renten, stärkere Anpassung der Einkommen an die Inflation, Entlastung bei Energie- und Kraftstoffkosten sowie mehr Geld für öffentliche Dienste und soziale Leistungen.

550.000 bis 800.000 Teilnehmer

Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez beteiligten sich landesweit 550.000 Menschen an 110 Demonstrationszügen. Für Paris meldete das Innenministerium rund 110.000 Teilnehmer. Die Organisatoren nannten 800.000 Demonstranten. Diese Spannbreite nennen auch Mediapart und Politis.

In vielen Städten verliefen die Demonstrationszüge zunächst oder vollständig friedlich. In Paris blieb der offizielle Zug zunächst ruhig; parallel bewegten sich kleinere autonome Gruppen durch andere Teile der Innenstadt.

Ausschreitungen und Plünderungen

Am Nachmittag und Abend kam es in Paris, Lyon, Marseille, Bordeaux, Limoges und weiteren Städten zu schweren Ausschreitungen. Geschäfte wurden geplündert, Barrikaden errichtet, Fahrzeuge und Gebäude angezündet und öffentliche Einrichtungen angegriffen.

Mediapart sprach von „beispiellosen Ausschreitungen“. Politis berichtete von Auseinandersetzungen zwischen Polizei und „mehr oder weniger organisierten Gruppen“ sowie von angegriffenen Geschäften.

Innenminister Nuñez sprach von „mehreren Hundert, manchmal mehreren Tausend“ Randalierern je nach Ort und von einer „sehr klaren Initiative der Ultralinken“. Nach Angaben der Regierung kamen Kriminelle und Plünderer hinzu.

Die Behörden meldeten im Laufe des 18. Oktober rund 2.000 Festnahmen und etwa 600 verletzte Einsatzkräfte. Die Zahl der Festnahmen entspricht nicht der Zahl der nachgewiesenen Gewalttäter.

Macron: „Legitime Forderungen“

Am Abend des 18. Oktober verurteilte Emmanuel Macron in einer Fernsehansprache die Ausschreitungen. Zugleich unterschied er zwischen Gewalttätern und Demonstranten. Er sprach von „legitimen Forderungen“ und sagte, diese dürften „niemals“ mit jenen verwechselt werden, „die zerstört, demoliert und geplündert haben“. Macron sagte, „Aufrührer aus ultralinken Kleingruppen, denen sich zahlreiche Kriminelle angeschlossen haben“, hätten sich einer „ungezügelten Gewalt“ hingegeben.

Macron nannte Kaufkraft, Kraftstoffpreise sowie die Anliegen von Schülern und Studenten und kündigte Gespräche mit Gewerkschaften, Jugendorganisationen, Arbeitgebern und Kommunen an. Er kündigte an, sich mit den Themen beschäftigen zu wollen.

Streit über die Verantwortung

Jean-Luc Mélenchon von La France insoumise kritisierte die Polizeiführung. Plünderungen und Verwüstungen wies er zurück. Menschen, die den politischen Kampf seiner Bewegung teilten, hätten bei solchen Taten nichts zu suchen. Marine Le Pen vom Rassemblement National sprach laut Le Monde von „legitimen sozialen Forderungen“, die ihrer Darstellung nach von der extremen Linken für eigene Zwecke benutzt worden seien. RN-Chef Jordan Bardella hatte bereits vor der Demonstration von einem Tag für das „Frankreich des Chaos“ gesprochen.

Trump, Vance und Dmitrijew machen Migration verantwortlich

US-Präsident Donald Trump führte die Gewalt auf Einwanderung zurück. Auf Truth Social schrieb er: „Frankreich brennt! Die Einwanderung von Menschen aus einer völlig anderen Welt, Menschen, die Hass im Herzen tragen, hat dieses einst große Land zerstört.“ Er forderte: „Schließt eure Grenzen und gewinnt die Kontrolle zurück, bevor es zu spät ist!“

US-Vizepräsident J. D. Vance schrieb, westliche Progressive hätten „die Dritte Welt nach Frankreich und in andere Länder importiert“ und Fragen der Assimilation vernachlässigt.

Kirill Dmitrijew, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, schrieb auf X: „Genau. Die linken Globalisten säen Migrationschaos.“ In einem weiteren Beitrag führte er die Gewalt auf hohe europäische Energiekosten und „unkontrollierte Einwanderung“ zurück und sprach von „Ausschreitungen von Linken und Migranten“.

Für die Behauptung, Migranten seien an den Ausschreitungen überproportional beteiligt gewesen, liegt in den veröffentlichten französischen Behördenangaben keine entsprechende Statistik vor. Die französische Regierung machte vor allem organisierte Gruppen der Ultralinken sowie Kriminelle und Plünderer für die Gewalt verantwortlich.

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