Selten hat die Vergabe eines Friedensnobelpreises für so viel Aufregung gesorgt. Die Auszeichnung der früheren Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag hat zu wütenden Protesten der israelischen und der amerikanischen Regierung geführt. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht der Vorwurf des Völkermords, den die Preisträgerin Navi Pillay als Vorsitzende einer UN-Untersuchungskommission gegen Israel wegen dessen Vorgehens im Gazastreifen erhoben hatte. Auch wenn das Nobelkomitee seine Entscheidung nicht als unmittelbare politische Stellungnahme verstanden wissen will, ist das Signal an die USA und Israel angesichts der militärischen Konflikte mit Iran sowie des Vorgehens gegenüber den Palästinensern und im Libanon und in Syrien kaum zu übersehen. Viele Israelis sehen allerdings, gerade im Umfeld des 7. Oktober, einen Anstieg des Antisemitismus und damit eine Gefahr für die Juden in aller Welt. Auch der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, warnt.
Die israelische Regierung sieht die Entscheidung aus Oslo jedoch als reine Kampfansage und hält dagegen.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die Vergabe des Friedensnobelpreises an Navi Pillay mit persönlichen Angriffen auf die Juristin beantwortet. Das Nobelkomitee habe seinen „moralischen Kompass verloren“, erklärte sein Büro am Freitag. Pillay habe ihre Karriere darauf aufgebaut, Anschuldigungen gegen den jüdischen Staat zu erfinden und zu verbreiten. In der von der Times of Israel dokumentierten Erklärung wirft Netanjahu dem Komitee vor, die Dämonisierung von Juden zu belohnen.
Die 85-jährige südafrikanische Juristin und frühere UN-Menschenrechtskommissarin erhält den Friedensnobelpreis 2026 für ihren Einsatz für Frieden und Völkerrecht. Das Nobelkomitee würdigte bei der Bekanntgabe am 9. Oktober insbesondere ihren Beitrag zur strafrechtlichen Verfolgung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Die Entscheidung solle die Bedeutung einer internationalen Rechtsordnung unterstreichen – gerade angesichts von Sanktionen gegen Richter und Angriffen auf deren Institutionen. „Frieden braucht Gerechtigkeit“, heißt es in der Begründung.
Jørgen Watne Frydnes, Vorsitzender des Norwegischen Nobelkomitees in Oslo, stellte zugleich klar, dass die Ehrung keine Bestätigung des Völkermordbefunds der von Pillay geleiteten UN-Untersuchungskommission bedeute. Das Komitee vertraue auf ihre Professionalität und Integrität, sei aber selbst kein Gericht. Die rechtliche Entscheidung liege beim Internationalen Gerichtshof, sagte er laut der Times of Israel.
Ruanda und Israel
Der Friedensnobelpreis wurde der Südafrikanerin Navi Pillay verliehen, der Richterin, die den Vorsitz des Völkermordtribunals in Ruanda innehatte und im vergangenen Jahr einer UN-Kommission vorsaß, die Israel des Völkermords im Gazastreifen beschuldigte. Pillay, die derzeit als Richterin am Internationalen Gerichtshof in einem Fall tätig ist, in dem auch Myanmar des Völkermords beschuldigt wird, habe „maßgeblich dazu beigetragen, dass Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord verfolgt werden“, sagte Frydnes.
Israels Außenministerium bemüht „Goebbels“
Das israelische Außenministerium warf Pillay vor, Israel aus politischen Motiven zu dämonisieren. Bei einem Preis für Lügen, Hass und Blutlügen wäre sie eine führende Anwärterin, hieß es in der von Ynet wiedergegebenen Stellungnahme. Die Auszeichnung werde instrumentalisiert, um israelfeindlichen Hass und Vorurteile zu legitimieren. Das Ministerium schloss mit einem Verweis auf den nationalsozialistischen Propagandaminister: „Joseph Goebbels applaudiert gewiss aus der Hölle.“
Haaretz erläutert Gaza-Untersuchung
Die israelische Zeitung Haaretz berichtet über die Würdigung Pillays durch das Nobelkomitee und erläutert die Ergebnisse ihrer Gaza-Untersuchung. Die von ihr geleitete Kommission kam 2025 zu dem Schluss, Israel habe im Gazastreifen Völkermord begangen. Sie warf Netanjahu, Staatspräsident Isaac Herzog und dem früheren Verteidigungsminister Joav Gallant zudem vor, zur Begehung von Völkermord aufgestachelt zu haben. Israel wies den Bericht als skandalös zurück.
Haaretz gibt Pillays Begründung wieder: Die Kommission habe eine Absicht festgestellt, die palästinensische Bevölkerung in Gaza durch Handlungen zu zerstören, die den Kriterien der Völkermordkonvention entsprächen. Die Untersuchungsergebnisse könnten in Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof und dem Internationalen Gerichtshof herangezogen werden. Zugleich schildert die Zeitung die Einschätzung des Nobelkomitees: Pillay habe Staaten und politische Führungen zur Verantwortung gezogen, Opfern von Gewalt Hoffnung gegeben und in ihrer Laufbahn einen festen moralischen Kompass bewiesen.
Die Times of Israel erwartet, dass die Auszeichnung als öffentlichkeitswirksame Zurechtweisung Netanjahus und Trumps verstanden wird. Ihr Bericht enthält die Würdigung durch das Nobelkomitee und die Angriffe der israelischen Regierung. Er behandelt außerdem frühere Stellungnahmen Pillays gegen Israels Politik und Vorwürfe der Voreingenommenheit. Zugleich hält das Medium fest, dass Pillay Antisemitismusvorwürfe wiederholt zurückgewiesen hat.
Trump reitet Attacke gegen Pillay
Der amerikanische Präsident Donald Trump reagierte auf Truth Social, indem er eine Erklärung der amerikanischen Kanzlei Schoen Law Firm weiterverbreitete. Darin wird Pillay als „unverhohlene Hasserin Amerikas und Israels“ bezeichnet. Das Nobelkomitee habe sich irreparabel blamiert und den Preis entwertet. Die Kanzlei wirft Pillay vor, Terroristen gefeiert, die Hamas belohnt und eine vorgetäuschte Untersuchung gegen Israel geführt zu haben. Die New York Post dokumentiert den von Trump verbreiteten Text.
Die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press weist in ihrer Berichterstattung darauf hin, dass die Kommission unter Pillays Leitung auch der Hamas Kriegsverbrechen und Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht bei ihrem Angriff vom 7. Oktober 2023 vorgeworfen hat.
Im Streit um den Internationalen Strafgerichtshof verhängte Washington am selben Tag Sanktionen gegen die Institution. Außenminister Marco Rubio drohte: „Entweder beendet der IStGH seine Drohungen, oder wir beenden den IStGH.“ Deutschland und sieben weitere verbündete Staaten protestierten gegen die Maßnahmen.
US-Medien schildern Pillays juristische Arbeit
Die Washington Post stellt Pillay als führende Menschenrechtsjuristin vor und beschreibt ihre Arbeit für internationale Justiz und Rechenschaftspflicht. Das Wall Street Journal hebt bereits in seiner Überschrift ihre Arbeit als Anwältin Nelson Mandelas und ihre spätere Tätigkeit als UN-Menschenrechtschefin hervor. Der Bericht schildert ihre Laufbahn an internationalen Gerichten und ihren Einsatz für die Verfolgung schwerster Verbrechen.
Das Nachrichtenportal Axios betont den politischen Gegensatz: Pillay vertrete Ideen und Institutionen, die Trump verurteile.
Der Christian Science Monitor würdigt Pillay in einem Leitartikel. Sie habe das internationale Recht mitgeprägt und ihren Einsatz an der Würde von Menschen ausgerichtet, die schwerste Verbrechen überlebt hätten. Der Beitrag greift ihre Schilderungen von Begegnungen mit Überlebenden von Folter und sexueller Gewalt auf: Deren Erfahrungen hätten sie angetrieben, ihre Menschlichkeit sichtbar zu machen – nicht allein ihr Leiden.
Auf der Meinungsseite der New York Post fällt die Bewertung gegenteilig aus. Ein Beitrag wirft Pillay eine einseitige Haltung gegenüber Israel vor und führt ihre Auswahl auf diese Haltung zurück. Die Entscheidung wird darin als weiterer Ansehensverlust für den Friedensnobelpreis gewertet.
Pillay selbst widmete die Auszeichnung den „Überlebenden internationaler Verbrechen“. Sie hatte von der Zuerkennung im Nürnberger Justizpalast erfahren. Dort fanden 1945/46 die Nürnberger Prozesse gegen die führenden Köpfe des besiegten Nazi-Deutschlands statt. Pillay nahm an der Konferenz „Nürnberger Forum 2026“ der Internationalen Akademie der Nürnberger Prinzipien teil.
