Vom 9. bis 22. November trainieren rund 2800 Soldaten in Polen für den Fall, dass nach einem Ende der Kämpfe internationale Streitkräfte die Sicherheit der Ukraine unterstützen sollen. Auch Deutschland beteiligt sich an dem Manöver.
Die Übung mit dem Namen „Koalicja“ findet im Südosten Polens statt. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums sollen dabei vor allem die Verlegung und Versorgung multinationaler Verbände sowie die Zusammenarbeit der verschiedenen Streitkräfte getestet werden. Geübt werden unter anderem Führungsstrukturen sowie der Transport von Soldaten, Material und Nachschub. Großbritannien entsendet 300 Soldaten sowie Typhoon-Kampfjets und ein Voyager-Tankflugzeug. Frankreich stellt nach französischen Angaben mit rund 1100 Soldaten das größte Kontingent.
An den Land- und Luftoperationen sind Soldaten aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Estland, Litauen, den Niederlanden, Polen, Spanien und Schweden beteiligt. Die Türkei übernimmt einen eigenen maritimen Teil der Übung von Istanbul aus. Dort soll unter anderem die Räumung von Seeminen geprobt werden, damit nach einem Ende der Kämpfe Handelsschiffe ukrainische Häfen wieder sicher erreichen könnten. Das britische Verteidigungsministerium zählt die Türkei deshalb insgesamt als elftes Teilnehmerland.
Die Multinational Force Ukraine, kurz MNF-U, soll nach den bisherigen Planungen nicht während der laufenden Kämpfe in die Ukraine entsandt werden. London betont, die Truppe würde erst nach einem Ende der Kampfhandlungen und auf ausdrücklichen Wunsch der ukrainischen Regierung in das Land gehen. Sie soll auch keine Waffenruhe überwachen. Vorgesehen ist vielmehr, die ukrainischen Streitkräfte beim Wiederaufbau und bei der Ausbildung zu unterstützen und zur Sicherung des Luft- und Seeraums beizutragen. Der britische Verteidigungsminister Wes Streeting bezeichnete die geplante Truppe als reale Streitmacht, die nach einem Ende der Kämpfe einsatzbereit sein solle.
Für Deutschland fällt die Beteiligung an der Übung in eine Phase, in der die Bundesregierung ihre militärische Zusammenarbeit mit Großbritannien erheblich ausbaut. Grundlage dafür ist zunächst das im Oktober 2024 geschlossene Trinity-House-Abkommen über eine engere Zusammenarbeit der Streitkräfte. Im Juli 2025 folgte der deutsch-britische Freundschaftsvertrag, der sogenannte Kensington-Vertrag. Bundeskanzler Friedrich Merz und der damalige britische Premierminister Keir Starmer unterzeichneten ihn in London. Am 8. Oktober 2026 trat der Vertrag nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden in Kraft. Merz sprach dabei von einem „historischen Moment“ in den deutsch-britischen Beziehungen.
Die Zusammenarbeit reicht inzwischen weit über gemeinsame Übungen hinaus. Deutschland und Großbritannien arbeiten an neuen Fähigkeiten für Präzisionsangriffe über große Entfernungen. Bei einem Treffen der Verteidigungsminister am 2. November erklärten beide Regierungen, bei dem sogenannten Deep-Precision-Strike-Projekt seien „signifikante Fortschritte“ erzielt worden. Die geplanten Systeme sollen Ziele in Entfernungen von mehr als 2000 Kilometern erreichen können und nach dem politischen Ziel noch in diesem Jahrzehnt verfügbar werden.
Bei Gesprächen zwischen deutschen und britischen Rüstungsverantwortlichen im Oktober wurde das Projekt ausdrücklich als eines der zentralen gemeinsamen Rüstungsvorhaben bezeichnet. Die Regierungen wollen damit eine von ihnen identifizierte Fähigkeitslücke bei weitreichenden Waffen schließen und die europäische Abschreckung innerhalb der NATO stärken. Wie viel Deutschland für die Entwicklung dieser Waffen bereitstellt, ist bislang nicht öffentlich beziffert.
Die geplanten Langstreckenwaffen sind Teil einer noch größeren europäischen Aufrüstung in diesem Bereich. Deutschland, Großbritannien und zehn weitere Staaten erklärten im Juli, in den kommenden zehn Jahren zusammen 50,66 Milliarden Dollar in sogenannte Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten investieren zu wollen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um das Budget des deutsch-britischen Projekts, sondern um eine Vielzahl nationaler und multinationaler Vorhaben.
