Die Bundesregierung will beim „Invest in Germany Summit“ internationale Investoren für den Standort Deutschland gewinnen. Doch vor dem Treffen in Berlin hält sich die Euphorie in Grenzen. Unternehmer fordern schnellere Reformen, bei den angekündigten Milliardeninvestitionen bleiben Fragen offen – und Nvidia-Chef Jensen Huang kritisiert Deutschlands technologischen Rückstand.
Wenn die Bundesregierung am Montag internationale Investoren in Berlin empfängt, will sie vor allem eines vermitteln: Deutschland soll wieder ein attraktiver Standort für Kapital, neue Technologien und künstliche Intelligenz werden. Doch vor dem „Invest in Germany Summit“ ist die Stimmung keineswegs nur von Aufbruch geprägt.
Unternehmensvertreter drängen auf schnellere Reformen. Bei den groß angekündigten Investitionssummen ist zudem unklar, wie viel davon tatsächlich zusätzlich mobilisiert wird. Und einer der prominentesten Gäste der kommenden Tage, Nvidia-Chef Jensen Huang, hat Deutschland kurz vor dem Treffen ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt.
Bundesregierung wirbt mit Milliardeninvestitionen
Der Gipfel findet am 19. und 20. Oktober erstmals in dieser Form statt. Rund 550 Einladungen wurden nach Angaben der Bundesregierung an internationale Unternehmen, Finanzinvestoren, deutsche Konzerne und Start-ups verschickt. Ziel sei ein „Willkommens-Signal“ an potenzielle Investoren, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung, über die auch der Bundestag informiert.
Die Regierung kann dabei mit großen Zahlen werben. Bundeskanzler Friedrich Merz verweist regelmäßig auf die Unternehmensinitiative „Made for Germany“. Deren inzwischen mehr als 140 Mitglieder haben nach Regierungsangaben Investitionen von mehr als 800 Milliarden Euro bis 2028 angekündigt. Vor einem Jahr waren es gut 600 Milliarden Euro. Merz wertet die Entwicklung als Zeichen für Vertrauen in den Standort.
Wie viel davon ist wirklich neu?
Wie stark diese Summe tatsächlich für neue Investitionen steht, ist allerdings nicht eindeutig. Nach Angaben von Reuters ist nicht klar, welcher Teil der angekündigten Investitionen ohnehin bereits geplant war und welcher durch die Initiative zusätzlich hinzukommt.
Die Zahl von 800 Milliarden Euro sollte deshalb nicht mit 800 Milliarden Euro neu mobilisiertem Kapital gleichgesetzt werden.
Auch die Initiatoren der Unternehmensinitiative verbinden ihre Zusagen mit Forderungen an die Politik. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing mahnte zuletzt mehr Reformtempo an. Es brauche mehr Dynamik und mehr Mut – und zwar dauerhaft. Siemens-Chef Roland Busch forderte ebenfalls Veränderungen und unter anderem flexiblere Arbeitszeiten.
Nvidia-Chef beklagt Deutschlands Rückstand
Zusätzlichen Druck erzeugt ausgerechnet einer der prominentesten Gäste der kommenden Tage. Nvidia-Chef Jensen Huang äußerte sich wenige Tage vor dem Berliner Treffen bei einem Pressegespräch in London ungewöhnlich kritisch über Deutschland.
„Nichts schmerzt mich, offen gesagt, mehr, als zu sehen, wie eines der technologisch fortschrittlichsten Länder technologisch so weit zurückgefallen ist“, sagte Huang laut CNBC mit Blick auf Deutschland.
Huang bescheinigte dem Land zugleich großes technologisches Potenzial und viel Talent. Seine Botschaft fiel dennoch knapp aus: „Just get to work!“
Die Kritik zielt damit weniger auf fehlende Fähigkeiten als auf das Tempo, mit dem neue Technologien entwickelt, eingesetzt und in großem Maßstab wirtschaftlich genutzt werden.
Große Chancen bei industrieller KI
Gleichzeitig hält Huang Deutschlands industrielle Basis für eine große Chance. Im Gespräch mit ZDFheute verwies er auf Maschinenbau, Automobilindustrie und Produktion. Die hiesige Technologie sei bereit, auf jene Technologie zu treffen, in der Nvidia stark sei: künstliche Intelligenz.
Besonders bei sogenannter industrieller oder physischer KI – etwa für Fabriken, Robotik und autonome Systeme – sieht der Nvidia-Chef Potenzial für Deutschland.
Beim Investitionsgipfel soll nach Informationen von ZDFheute auch eine Zusammenarbeit zwischen Nvidia und der Bundesregierung zur industriellen KI vorgestellt werden. Nach Medienberichten steht dafür eine staatliche Anschubfinanzierung in dreistelliger Millionenhöhe im Raum. Einzelheiten sollen im Umfeld des Treffens bekannt werden.
Zweifel an den großen Summen
Die Debatte über den Investitionsstandort dreht sich allerdings nicht nur um künstliche Intelligenz. Auch die großen Summen, mit denen Politik und Unternehmen für eine wirtschaftliche Trendwende werben, werden kritisch hinterfragt.
Bei den mehr als 800 Milliarden Euro, die Unternehmen der Initiative „Made for Germany“ bis 2028 investieren wollen, ist nicht öffentlich aufgeschlüsselt, welcher Anteil bereits vor der Gründung der Initiative geplant war und welcher tatsächlich zusätzlich investiert werden soll. Damit bleibt offen, in welchem Umfang die Milliardenankündigungen bereits einen Kurswechsel bei den Investitionen belegen.
Zugleich verbinden zahlreiche Unternehmen ihre Investitionspläne mit Forderungen nach besseren Rahmenbedingungen. Hohe Energiekosten, langwierige Genehmigungsverfahren, Bürokratie und regulatorische Unsicherheit gelten weiterhin als Belastungen für den Standort.
Kritik an Kosten und Zugang
Kritik gibt es auch an der Veranstaltung selbst. Im Haushalt des Wirtschaftsministeriums sind insgesamt fünf Millionen Euro vorgesehen. Darin enthalten sind allerdings nicht nur Ausgaben für den Gipfel, sondern auch Mittel für den Aufbau eines neuen Standortmarketings. Die endgültigen Kosten der Veranstaltung allein stehen daher noch nicht fest.
Nach Recherchen von Correctiv soll ein erheblicher Teil der Gespräche nicht öffentlich stattfinden. Bundestagsabgeordnete wurden nach Angaben der Bundesregierung nicht als Teilnehmer eingeladen. Die Linke kritisiert sowohl die Kosten als auch den engen Zugang großer Finanzinvestoren zur Bundesregierung. Die Regierung hält dagegen, vertrauliche Gespräche seien notwendig, um konkrete Investitionsentscheidungen anzubahnen.
Für Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ist der Gipfel Teil des Versuchs, mehr privates Kapital nach Deutschland zu holen. Sie verweist darauf, dass Deutschland über Kapital, Talente und Technologien verfüge. Zugleich hat sie wiederholt betont, dass die begonnenen Reformen nun umgesetzt werden müssten.
