Christine Lagarde will die EZB bereits am 7. Februar 2027 verlassen, neun Monate vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit. Damit wird ihre Nachfolge noch vor der französischen Präsidentschaftswahl geregelt werden. Le Monde hatte diesen Zusammenhang bereits im Februar beschrieben. Ein früher Abgang Lagardes würde Macron ermöglichen, bei der Wahl ihres Nachfolgers noch mitzureden. Reuters berichtete später unter Berufung auf eine mit der Angelegenheit vertraute Person, dieser Aspekt spiele bei der Wahl des Zeitpunkts eine Rolle.
Macron bringt für die anstehenden Verhandlungen einen ungewöhnlichen Finanzhintergrund mit. Vor seiner politischen Karriere arbeitete er bei Rothschild & Cie im Investmentbanking, später wurde er Wirtschaftsminister. In europäischen Finanzfragen tritt er deshalb mit größerer eigener Fachkenntnis auf als viele andere Regierungschefs.
Eurobonds und eine andere EZB
Macron fordert seit Jahren eine offensivere europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik. In seiner Sorbonne-Rede 2024 sagte er laut Élysée-Palast, Europa könne sich „keine Geldpolitik mehr leisten, deren einziges Ziel die Inflation ist“. Die EZB solle aus seiner Sicht stärker auch Wachstum und möglicherweise Klimaziele berücksichtigen.
Bei gemeinsamen europäischen Schulden ist Macron noch klarer. Beim Industriegipfel in Antwerpen sagte er im Februar 2026 laut Élysée-Palast: „Wir brauchen Eurobonds für die Zukunft.“ Damit sollen nach seiner Vorstellung unter anderem Verteidigung, Raumfahrt, künstliche Intelligenz und saubere Technologien finanziert werden.
Macron verbindet Eurobonds mit dem Ziel, einen größeren Markt für sichere europäische Anlagen zu schaffen. Europa brauche mehr eigene Finanzkraft und dürfe sich nicht dauerhaft auf nationale Haushalte verlassen.
Die EZB entscheidet nicht über Eurobonds. Ihre Spitze hat aber erhebliches Gewicht in der Debatte darüber, welche Rolle gemeinsame europäische Anleihen im Finanzsystem spielen sollen.
Der EZB-Präsident wird nach den Regeln der EU vom Europäischen Rat ernannt. Frankreich kann die Personalie nicht bestimmen, verfügt bei europäischen Spitzenposten aber über erheblichen politischen Einfluss. Die Amtszeit beträgt acht Jahre.
Lagardes früher Abgang sorgt deshalb dafür, dass Frankreich bei dieser Entscheidung noch von Macron vertreten wird und nicht möglicherweise von einem Nachfolger aus dem Rassemblement National oder der extremen Linken. Auch gegen die deutschen Wünsche kann sich Macron stärker behaupten als ein politischer Newcomer.
Führt Lagardes Weg nach Davos?
Eine zweite Spur führt zum World Economic Forum. Nach Recherchen von Reuters könnte Lagarde bereits am 2. November zur künftigen Vorsitzenden gewählt werden.
Ein Wechsel nach Davos würde zu ihren jüngsten Aussagen passen. Lagarde hat eine Kandidatur für das französische Präsidentenamt ausgeschlossen. Sie wolle sich aber „in welcher Funktion auch immer“ für proeuropäische Werte einsetzen, sagte sie laut Reuters.
An der Spitze des World Economic Forum hätte Lagarde eine globale Bühne für jene proeuropäische und multilaterale Linie, mit der sie sich seit Jahren gegen Nationalismus und Abschottung stellt. Inhaltlich würde sie damit viele Positionen vertreten, für die auch Macron wirbt.
