Die Jugendunruhen in Frankreich haben sich innerhalb weniger Tage stark ausgeweitet. An zahlreichen Schulen wurden Eingänge blockiert, Mülltonnen und andere Gegenstände angezündet und Barrikaden errichtet. In mehreren Städten wurden Feuerwerkskörper auf Einsatzkräfte oder Schulpersonal abgefeuert. Die Polizei setzte Tränengas und weitere Einsatzmittel ein. Mehrere Jugendliche sowie Angehörige von Polizei, Gendarmerie und Bildungswesen wurden verletzt.
Als ein Ausgangspunkt der Bewegung galt das Lycée Saint-Exupéry in Créteil südöstlich von Paris. Dort traten Lehrer Mitte September in den Streik, um zusätzliche Mittel und bessere Arbeitsbedingungen zu verlangen. Schülerinnen und Schüler schlossen sich an. In den folgenden Tagen verbreiteten sich Aufrufe über soziale Netzwerke auf weitere Schulen, berichtet Le Parisien.
Andere französische Medien setzten den Beginn der breiteren, überregionalen Mobilisierung einige Tage später an. Damit ließ sich zwischen den ersten örtlichen Aktionen Mitte September und der anschließenden landesweiten Ausbreitung unterscheiden. Le Monde beschreibt diese schrittweise Ausweitung der Bewegung.
Zu den Forderungen gehörten kleinere Klassen, die Vertretung ausfallender Lehrer, bessere Zustände in Schulgebäuden und Änderungen bei langen Unterrichtstagen. Auch das Hochschulzulassungssystem Parcoursup gehörte zu den Themen der Proteste, berichtet Le Parisien.
Mehr als 1.000 Schulen an einem Tag betroffen
Am Donnerstag erreichte die Mobilisierung ihren bis dahin größten Umfang. Nach Angaben des französischen Innenministeriums wurden an 1.027 Einrichtungen Aktionen registriert, 222 Schulen waren blockiert, meldet Le Monde.
Am Freitag ging die Zahl zunächst zurück. Das Bildungsministerium meldete gegen Mittag 564 Einrichtungen, die seit Beginn des Tages von Aktionen oder Störungen betroffen waren. Bildungsminister Édouard Geffray kündigte zudem an, dass knapp 400 Lycées geschlossen blieben; vielerorts fand der Unterricht online statt, berichtet Le Monde.
Am Freitagabend nannte Innenminister Laurent Nuñez einen höheren Tagesstand von 735 betroffenen Einrichtungen. Der Unterschied erklärte sich durch den späteren Erhebungszeitpunkt. Nuñez erklärte außerdem, an 158 Schulen oder in deren unmittelbarem Umfeld seien Vorfälle registriert worden, die das Innenministerium als „violences urbaines“ bezeichnete. Le Monde meldet diese Angaben.
Mehr als 5.000 Festnahmen seit Wochenbeginn
Auch die Zahl der Festnahmen wurde im Verlauf der Woche mehrfach aktualisiert.
Für Donnerstag meldete das Innenministerium zunächst 1.949 Festnahmen. Als Gründe nannte es unter anderem Gewalt, Zusammenrottungen und Angriffe auf Personen, die öffentliche Gewalt ausübten, berichtet Le Monde.
Am Freitagabend nannte Nuñez rückblickend einen leicht korrigierten Stand von 1.954 Festnahmen am Donnerstag. Für Freitag gab er 1.747 Festnahmen an. Insgesamt seien damit seit Wochenbeginn mehr als 5.000 Menschen festgenommen worden, meldet Le Monde.
Nach Angaben des Ministers war ein großer Teil der am Freitag Festgenommenen minderjährig. Behörden und Schulleitungen wiesen zugleich darauf hin, dass sich unter den Beteiligten teilweise Jugendliche befanden, die nicht die jeweils betroffenen Schulen besuchten.
Am Donnerstag wurden nach Angaben des Innenministeriums zudem 305 Polizisten und Gendarmen verletzt. Das Bildungsministerium meldete Verletzte unter Schülern und Beschäftigten des Bildungswesens. Le Monde nennt diese Zahlen.
Eingang des Lycée Nelson-Mandela in Nantes ausgebrannt
Zu den größten Sachschäden kam es in Nantes. Am Donnerstagmorgen wurde der Eingangsbereich des Lycée Nelson-Mandela durch einen Brand zerstört.
Nach Angaben der Schulleitung handelte es sich um ein vorsätzlich ausgelöstes Feuer. Wer es gelegt hatte, war am Freitag noch nicht geklärt. Staatsanwaltschaft und Polizei hatten zu diesem Zeitpunkt keine Täter identifiziert, berichtet Le Parisien.
Nach Angaben des örtlichen Polizeidirektors bewegten sich am Donnerstag Gruppen von teilweise mehreren hundert jungen Menschen durch Nantes. Von 24 Personen, die wegen Branddelikten festgenommen wurden, waren 22 minderjährig und gingen im Großraum Nantes zur Schule.
Die Sicherheitsbehörden registrierten in Nantes sieben versuchte Brandstiftungen an Lycées. Die Gruppen seien mobil und über soziale Netzwerke organisiert gewesen, berichtet Le Monde.
Die Region Pays de la Loire schätzte die Reparaturkosten am Lycée Nelson-Mandela zunächst auf mindestens zwei Millionen Euro. Gutachter sollten unter anderem den Zustand der Dachkonstruktion untersuchen.
Die Schule mit rund 1.700 Schülerinnen, Schülern und Studierenden sollte nach Angaben der Region bis zu den Herbstferien geschlossen bleiben. Der Unterricht sollte bis dahin auf Distanz stattfinden. An zwölf Lycées in der Region wurden Schäden registriert, deren vorläufige Kosten auf mindestens drei Millionen Euro beziffert wurden, meldet Le Monde.
Brände und Schäden auch in Paris, Meaux und anderen Städten
Auch im Großraum Paris wurden am Freitag zahlreiche Zwischenfälle registriert. Nach Angaben der Region Île-de-France waren allein am Vormittag 55 Lycées von Gewalt, Auseinandersetzungen oder Sachbeschädigungen betroffen, berichtet Le Monde.
Im 15. Pariser Arrondissement rückte die Feuerwehr zum Lycée Léonard-de-Vinci aus, nachdem am Eingangsbereich ein Feuer gelegt worden war. Im 13. Arrondissement wurde der Eingang des Lycée professionnel Gaston-Bachelard beschädigt, nachdem sich ein Feuer von Fahrrädern und Müll auf die Gitter des Gebäudes ausgebreitet hatte, meldet Le Monde.
In Meaux brannte am Freitagmorgen das Eingangstor des Lycée Henri-Moissan. Im Département Seine-et-Marne wurden bis zum späten Vormittag rund 30 Menschen festgenommen, unter anderem wegen des Abschießens von Feuerwerkskörpern in Richtung der Polizei und wegen Sachbeschädigungen, berichtet Le Parisien.
Aus Drancy meldet Le Parisien, dass Feuerwerkskörper auf Aufsichtspersonal abgefeuert wurden. In Marseille wurde demnach ein Feuerwehrfahrzeug in Brand gesetzt. Die finanziellen Schäden wurden in mehreren Regionen bereits auf Millionenbeträge geschätzt. Die Region Île-de-France bezifferte sie zunächst auf rund sieben Millionen Euro, Grand Est auf etwa eine Million Euro. Für Auvergne-Rhône-Alpes wurde eine vorläufige Größenordnung von 25 bis 30 Millionen Euro genannt. Die Berechnungsgrundlagen unterschieden sich, weshalb die Zahlen nicht unmittelbar vergleichbar waren, berichtet Le Parisien.
Zusammenstöße in Straßburg und im Elsass
Auch im Elsass kam es am Donnerstag und Freitag zu Blockaden und Zusammenstößen. Das Rektorat kündigte die Schließung von 18 Einrichtungen im Elsass an. Vor mehreren anderen Schulen versammelten sich dennoch Jugendliche. Dabei kam es an verschiedenen Orten zu Auseinandersetzungen, berichten die Dernières Nouvelles d’Alsace.
In Haguenau wurde vor dem Lycée Heinrich-Nessel ein Feuerwerkskörper in Richtung der Polizei abgefeuert. Die Beamten setzten daraufhin Tränengas ein. Mülltonnen und Abfälle wurden angezündet. Später wurde am Lycée Schuman eine Scheibe durch einen Steinwurf beschädigt. Neun junge Männer wurden nach Angaben der örtlichen Behörden festgenommen, berichten die Dernières Nouvelles d’Alsace.
In Straßburg waren Bus- und Straßenbahnverbindungen infolge der Demonstrationen stark beeinträchtigt. Am Freitagabend teilte die Verkehrsgesellschaft CTS mit, der Betrieb werde schrittweise wieder aufgenommen. Auf den Straßenbahnlinien A und E mussten zunächst Störungen auf der Avenue de Colmar behoben werden. Zwischen Baggersee und Étoile Bourse fuhren Ersatzbusse, berichten die Dernières Nouvelles d’Alsace.
Toulouse: Feuerwerkskörper an einer Schule
Auch in Toulouse kam es rund um mehrere Schulen zu angespannten Situationen. Am Donnerstagmorgen wurden vor dem Lycée Ozenne Absperrgitter und Mülltonnen auf die Straße gebracht. Ein Fahrzeug der kommunalen Polizei wurde nach Angaben eines beteiligten Beamten mit einem Feuerwerkskörper beschossen. Wenig später verschärfte sich die Situation vor der Schule, berichtet La Dépêche.
Am Freitag waren in Toulouse CRS-Einheiten im Einsatz. Mehrere Präfekturen verboten Versammlungen unmittelbar vor bestimmten geschlossenen Schulen, berichtet Le Parisien.
Jugendlicher in Tours verlor Sehfähigkeit auf einem Auge
Neben Verletzungen unter Einsatzkräften wurden auch schwere Verletzungen von Jugendlichen bekannt. In Tours wurde ein 16 Jahre alter Schüler während Auseinandersetzungen im Umfeld des Lycée Balzac schwer am Gesicht verletzt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft waren seine Verletzungen mit dem Treffer eines LBD-Geschosses vereinbar. Der Jugendliche verlor die Sehfähigkeit auf seinem rechten Auge.
Die genauen Umstände und die Ursache der Verletzung waren Gegenstand von Ermittlungen, berichtet La Dépêche. Auch aus weiteren Städten wurden verletzte Jugendliche gemeldet. Le Monde berichtet unter anderem über einen 14-Jährigen, der in Saint-Ouen-l’Aumône verletzt wurde.
Brand am Lycée de l’Empéri in Salon-de-Provence
Am Samstagmorgen kam es am Lycée de l’Empéri in Salon-de-Provence zu einem weiteren Brand. Nach Angaben der Feuerwehr gerieten Müllbehälter in Brand, und das Feuer griff auf das Schulgebäude über. Scheiben wurden zerstört und Wände geschwärzt. Fünf auf dem Gelände untergebrachte Beschäftigte wurden vorsorglich evakuiert und blieben unverletzt.
Die Polizei ging von einer vorsätzlichen Tat aus. Die Täter waren zunächst nicht identifiziert. Ermittler prüften zudem, ob der Brand mit der landesweiten Schülerbewegung zusammenhing, berichten französische Medien.
Der Bürgermeister von Salon-de-Provence, Nicolas Isnard, erklärte, Unbekannte seien in die Schule eingedrungen und hätten dort Feuer gelegt. Er bezeichnete die Tat als kriminell und forderte als Reaktion auf die Ausschreitungen unter anderem die Möglichkeit, während schwerer Unruhen den Zugang Minderjähriger zu sozialen Netzwerken zeitweise zu beschränken.
Feuer beschädigte Schule in Metz
Auch in Metz wurde ein Schulgebäude durch einen Brand beschädigt. Am Freitagabend drangen Unbekannte auf das Gelände des Collège François-Rabelais ein und setzten Fahrzeuge unter einem Vordach in Brand. Das Feuer beschädigte das Vordach und einen Sanitärbereich. Eine Untersuchung wurde eingeleitet.
Ein Zusammenhang mit den Schülerprotesten war zunächst nicht nachgewiesen. Spätere Berichte verwiesen allerdings darauf, dass am selben Tag auch ein weiteres, weniger als zwei Kilometer entferntes Schulgebäude von einem Brand betroffen gewesen war. Die Ermittlungen zu den Hintergründen liefen weiter.
Regierung zog „Casseur-payeur“-Gesetz vor
Die französische Regierung reagierte auch auf politischer Ebene auf die Ausschreitungen. Premierminister Sébastien Lecornu entschied, die parlamentarische Beratung des sogenannten „Casseur-payeur“-Gesetzes vorzuziehen, berichtet Le Parisien.
Der Gesetzentwurf war bereits Mitte September im Ministerrat vorgestellt worden. Er sollte die Möglichkeiten verbessern, Verursacher von Gewalt und Sachbeschädigungen finanziell für entstandene Schäden haftbar zu machen. Nach der Entscheidung der Regierung sollte der Entwurf bereits im Oktober auf die Tagesordnung des Senats gesetzt werden. Die Regierung reagierte damit ausdrücklich auf die Gewalt und Zerstörungen im Umfeld der Schülerproteste.
Gewerkschaften riefen für den 6. Oktober zum Streik auf
Für Dienstag, den 6. Oktober, zeichnete sich eine Fortsetzung und mögliche Ausweitung der Mobilisierung ab. Die Lehrergewerkschaften SNES-FSU, SNUEP-FSU und SNEP-FSU unterstützten die Forderungen der Schülerinnen und Schüler und riefen Beschäftigte dazu auf, sich an diesem Tag an einem Streik zu beteiligen.
Die Gewerkschaften begründeten ihre Unterstützung unter anderem mit Personalmangel, dem Zustand von Schulgebäuden, zu großen Klassen und belastenden Stundenplänen. Zugleich forderten sie ein Ende der Gewalt. Der entsprechende Aufruf war bereits am 2. Oktober veröffentlicht worden.
Bis Samstagabend lag keine neue landesweite Gesamtbilanz vor, die die zuvor genannten Zahlen von 735 betroffenen Einrichtungen am Freitag, 1.747 Festnahmen an diesem Tag und mehr als 5.000 Festnahmen seit Wochenbeginn ersetzte.ne schwer verletzt wird, sowie über einen weiteren Jugendlichen mit einer schweren Augenverletzung in Argenteuil. In beiden Fällen laufen Ermittlungen.
Regierung setzt zusätzliche CRS und mobile Gendarmerie ein
Wegen der Ausweitung der Zwischenfälle setzt die französische Regierung zusätzliche Bereitschaftskräfte ein. Innenminister Laurent Nuñez fordert weitere Einheiten der Compagnies républicaines de sécurité, kurz CRS, und der Gendarmerie mobile an, berichtet Le Monde. Premierminister Sébastien Lecornu leitet am Donnerstag eine ressortübergreifende Krisensitzung. Das Innenministerium erklärt anschließend, die Lage habe sich gegenüber den vorherigen Tagen verschärft.
Parallel entsteht eine politische Auseinandersetzung über die Ursachen der Proteste und Ausschreitungen. Regierungsvertreter werfen La France insoumise und Gruppen der äußersten Linken vor, die Bewegung mit angeheizt zu haben. LFI weist diese Darstellung zurück. Die Regierung beruft sich unter anderem auf eine interne Analyse des Nachrichtendienstes der Pariser Polizeipräfektur. Diese Untersuchung bezieht sich jedoch nicht auf ganz Frankreich, sondern auf Aktionen in Seine-Saint-Denis. Le Monde weist darauf hin, dass daraus keine unmittelbare Aussage über die Entstehung der landesweiten Bewegung abgeleitet werden könne.
Schülerorganisationen kündigen weitere Proteste an
Am Freitagnachmittag empfängt Bildungsminister Édouard Geffray Vertreter von Schüler- und Studentenorganisationen.
Nach dem Treffen kündigt der Minister Arbeiten zu Schulgebäuden, Klassengrößen und Unterrichtszeiten an. Gemeinsam mit den Rektoraten soll außerdem ein Plan entstehen, um länger ausfallende Lehrer insbesondere in wichtigen Abschlussklassen schneller zu ersetzen, berichtet Le Monde.
Die beteiligten Schüler- und Studentenorganisationen erklären anschließend, aus ihrer Sicht seien keine ausreichenden konkreten Maßnahmen vereinbart worden. Die Union syndicale lycéenne ruft zur Fortsetzung der Mobilisierung auf.
Für kommenden Dienstag wird eine weitere landesweite Mobilisierung angekündigt. Auch Gewerkschaften wie CGT und Solidaires wollen sich beteiligen, meldet Le Monde.
Da am Wochenende an den meisten französischen Lycées kein regulärer Unterricht stattfindet, stammen die jüngsten landesweit vergleichbaren Zahlen zu Blockaden, Zwischenfällen und Festnahmen vom Freitag. Für die kommende Woche sind weitere Aktionen angekündigt.
