Rote Linie: Hunderttausende bei Gaza-Protest in Amsterdam

Nach Angaben der Organisatoren zogen mehr als 200.000 Menschen durch Amsterdam. Sie fordern Sanktionen, ein Ende der militärischen Zusammenarbeit und mehr Druck auf Israel.

Demonstranten versammeln sich am 8. November 2026 im Rahmen einer Red-Line-Protestaktion unter dem Motto „Kein Geld für Völkermord“ vor dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam. (Foto: Sem van der Wal / ANP / AFP)
Demonstranten versammeln sich am 8. November 2026 im Rahmen einer Red-Line-Protestaktion unter dem Motto „Kein Geld für Völkermord“ vor dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam. (Foto: Sem van der Wal / ANP / AFP)

Nach Angaben der Veranstalter haben am Sonntag mehr als 200.000 Menschen in Amsterdam gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen und die Israel-Politik der niederländischen Regierung demonstriert. Eine unabhängige Schätzung der Teilnehmerzahl lag zunächst nicht vor. Viele Demonstranten trugen rote Kleidung, palästinensische Fahnen und Schilder mit Aufschriften wie „Stoppt den Völkermord“. Der Zug begann und endete auf dem Museumplein, berichtete NOS.

Demonstranten ziehen selbst die „rote Linie“

Die sogenannte Rote-Linie-Demonstration wurde von dreizehn Organisationen getragen, darunter Amnesty International, Oxfam Novib und Save the Children. Die Farbe Rot steht für die „rote Linie“, die die niederländische Regierung nach Ansicht der Organisatoren gegenüber Israel nicht gezogen hat. Die Teilnehmer sollten deshalb in roter Kleidung selbst diese Linie bilden. Die Veranstalter fordern ein ausgeweitetes Handelsverbot, ein Ende aller direkten und indirekten Waffengeschäfte und der militärischen Zusammenarbeit sowie „maximalen politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Druck“ auf Israel. Amnesty International nennt als Ziel, die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete zu beenden.

„Stoppt die Waffenlieferungen an Israel“, sagte der 33-jährige US-Amerikaner Steven Eisinger der Nachrichtenagentur AFP. Eisinger, der nach eigenen Angaben Jude ist und Verwandte in Israel hat, sagte: „Ich unterstütze Palästina, und ich bin gegen Völkermord.“ Deshalb sei er zu der Demonstration gekommen.

Frühere Spitzenpolitiker laufen mit

Unter den Teilnehmern waren mehrere frühere Spitzenpolitiker. Der ehemalige PvdA-Chef und Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen und der frühere VVD-Außenminister Jozias van Aartsen liefen erstmals bei einer Rote-Linie-Demonstration mit. Beide bezeichneten das Vorgehen Israels im Gazastreifen als Völkermord und forderten die Regierung zu härteren Maßnahmen auf. Van Aartsen wandte sich dabei gegen den Kurs seiner eigenen VVD. Die frühere PvdA-Chefin und Entwicklungsministerin Lilianne Ploumen trat als Rednerin auf.

Ministerpräsident Rob Jetten blieb dagegen fern. Als D66-Chef hatte er 2025 noch an einer Rote-Linie-Demonstration teilgenommen und das Vorgehen Israels im Gazastreifen als Völkermord bezeichnet, berichtete NOS. Als Ministerpräsident befinde er sich nun „in einer anderen Rolle“, sagte Jetten. Eine Teilnahme halte er deshalb für nicht angemessen. Wirksamer Druck auf die israelische Regierung lasse sich besser „mit einer breiten Front“ aus der EU und anderen internationalen Partnern ausüben, sagte Jetten nach der Kabinettssitzung am Freitag laut Rijksoverheid.

Von der PVV kam scharfe Ablehnung. Parteichef Geert Wilders schrieb am Sonntag über die Demonstranten: „Können all diese Rote-Linie-Demonstranten nicht weitermarschieren, bis sie die Grenze überschritten haben …“, wie die PVV veröffentlichte. Wilders und der PVV-Abgeordnete Sebastiaan Stöteler hatten im Oktober beantragt, dass die Niederlande „keiner einzigen europäischen Sanktionsmaßnahme gegen Israel“ zustimmen sollten. Der Antrag wurde mit 42 gegen 108 Stimmen abgelehnt, wie die Zweite Kammer ausweist.

Regierung verweist auf bestehende Maßnahmen

Seit dem 22. September gelten in den Niederlanden Handelsbeschränkungen für Waren aus israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten. Verboten sind Einfuhr, Kauf und Verkauf sowie Dienstleistungen, die diesen Handel ermöglichen. Die Maßnahme verändert den Handel mit Israel innerhalb der international anerkannten Grenzen von 1967 nicht, erklärt die Douane.

Ausgelöst wurde der Gaza-Krieg durch den Angriff der Hamas und anderer bewaffneter palästinensischer Gruppen auf Israel am 7. Oktober 2023. Dabei wurden mehr als 1200 Israelis und ausländische Staatsangehörige getötet und 251 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt, wie die Vereinten Nationen angeben.

Israel reagierte mit einem großangelegten Militäreinsatz im Gazastreifen. Nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums waren bis zum 7. November 74.640 Palästinenser getötet worden. Seit der Waffenruhe vom Oktober 2025 wurden nach Angaben des Ministeriums bis zum 7. November weitere 1610 Menschen durch israelische Luftangriffe und Schüsse getötet. Die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA veröffentlichte die Zahlen unter Berufung auf medizinische Quellen im Gazastreifen.

Am Samstag setzte Starkregen in Gaza zahlreiche Zeltlager unter Wasser. Nach Angaben des von der Hamas geführten Regierungsmedienbüros wurden innerhalb von zwölf Stunden mindestens 70.000 Zelte überflutet. Die Zahl ist nicht unabhängig bestätigt.

Am Sonntag erhielt der Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot von Präsident Isaac Herzog den Auftrag zur Regierungsbildung. Eisenkot hat 28 Tage Zeit, eine Koalition zu bilden. Die Gemeinsame Liste arabischer Parteien unterstützt seine Beauftragung von außen. Ihr Vorsitzender Yousef Jabareen bezeichnete die neue Lage als Chance, die israelische Politik auch gegenüber den Palästinensern zu verändern.

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