Jeffrey Sachs: „Die USA sind eine große Gefahr für sich selbst und für die Welt“

Der Ökonom und Spitzendiplomat ist entsetzt über den Auftritt von Donald Trump vor den UN. Im Interview mit World News Monitor ruft er Deutschland und Europa auf, Trump nicht willenlos zu folgen.

US-Präsident Donald Trump trifft am 22. September 2026 im UN-Hauptquartier in New York ein, um vor der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen. (Foto: TIMOTHY A. CLARY / AFP)
US-Präsident Donald Trump trifft am 22. September 2026 im UN-Hauptquartier in New York ein, um vor der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen. (Foto: TIMOTHY A. CLARY / AFP)

Jeffrey Sachs hat während der UN-Generalversammlung in New York die Rede des amerikanischen Präsidenten Donald Trump hautnah miterlebt. Im Gespräch mit World News Monitor zeigt sich der Ökonom und Diplomat schockiert über die inhumane Wortwahl und den Inhalt der Rede. Sachs berichtet über die Reaktionen aus den USA und der Welt und fordert Deutschland und Europa auf, „Trumps Angriffskrieg gegen den Iran“ entschieden abzulehnen.

Sie waren diese Woche auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen anwesend, als Donald Trump sprach. Der Präsident sagte, dass er eine Entscheidung darüber treffen müsse, ob er das iranische Volk vernichten solle oder nicht. Was haben Sie dabei empfunden?

Mich schaudert seit diesem Moment. Als Reaktion darauf habe ich einen Offenen Brief an den US-Kongress geschrieben und daran erinnert, dass der Kongress, nicht der Präsident der Vereinigten Staaten, die Befugnis – und die alleinige Befugnis – hat, Krieg zu erklären. Natürlich hat niemand das Recht, ein anderes Land zu „vernichten“. Das ist die Sprache Hitlers, keine Sprache für unsere Welt.

Fast niemand im politischen Establishment der USA reagierte mit der Feststellung, dass dies völlig verfassungswidrig ist. Was ist los mit den Vereinigten Staaten?

Wir haben drei Formen des Zusammenbruchs. Erstens befinden sich die USA in den Händen des militärisch-industriell-digitalen Komplexes, mit einer militarisierten Außenpolitik, die im Geheimen bestimmt wird. Es gibt keine funktionierende Demokratie mehr, wenn es um die US-Außenpolitik geht. Zweitens sind die USA zu einer Plutokratie geworden, in der Mega-Milliardäre wie Musk und Thiel die US-Regierung durch ihre Wahlkampffinanzierung und anderen Einfluss kontrollieren – etwa dadurch, dass sie die digitalen Medien und die Mainstream-Medien besitzen. Drittens haben wir einen Soziopathen an der Macht. Trump ist sicherlich der schlechteste Präsident in der Geschichte der USA und bei weitem der gefährlichste.

Senatorin Lisa Murkowski war die Einzige, die sich nach Trumps Sprüchen kritisch zu Wort meldete. Sie sagte, dass sie Vergeltungsmaßnahmen fürchte, und: „Wir haben alle Angst.“ Das ist etwas, das wir von Dissidenten in der DDR, der Tschechoslowakei oder Polen während des Kommunismus gehört haben. Erleben wir eine sehr gefährliche Entwicklung in den USA?

Ja. Die USA sind eine große Gefahr für sich selbst und für die Welt. Europa ist dumm, seine Sicherheit an die USA zu binden. Europa ist auch dumm, die Kriegstrommeln gegen Russland zu rühren. Ein solcher Krieg wäre selbstmörderisch – und durch einfache Diplomatie vollständig vermeidbar.

Wie reagierten die Vertreter der anderen Nationen auf die Rede?

Im Privaten sind alle schockiert und bestürzt. In der Öffentlichkeit spricht niemand.

Ich war verblüfft, dass kein anderer ausländischer Staats- oder Regierungschef – außer dem Iran – gegen diese Drohungen protestierte. Fürchten sie die Macht des Hegemons?

Alle fürchten, dass die USA eine Finanzkrise des Euro oder anderer Währungen auslösen werden.

Jeffrey Sachs im Gespräch mit Ägyptens Außenminister Badr Abdelatty am Rande der 81. UN-Generalversammlung in New York, 20. September 2026.
Jeffrey Sachs im Gespräch mit Ägyptens Außenminister Badr Abdelatty am Rande der 81. UN-Generalversammlung in New York, 20. September 2026.

Fast jedes Land trägt jetzt schon erhebliche an den Folgen des Krieges. Worauf warten sie noch?

Viele Politiker sind ignorant und folgen den USA einfach aus einer lebenslangen Gewohnheit heraus. Sie verstehen die düsteren Realitäten nicht. Europa ist wegen des hegemonialen Verhaltens der USA in einen Stellvertreterkrieg mit Russland geraten – NATO-Erweiterung, der Rückzug der USA aus dem ABM-Vertrag, die Stationierung von Aegis-Raketen durch die USA in der Nähe Russlands und die Rolle der USA beim Maidan-Putsch. Aber die europäischen Staats- und Regierungschefs verstehen nicht einmal diese Geschichte!

Europa war früher ein Leuchtturm humanistischer Werte. Was sollte Europa aktuell tun?

Europa sollte aufhören, gegen pro-palästinensische Demonstranten vorzugehen, die versuchen, Israels Kriegsverbrechen zu beenden, und aufhören, die Befürworter eines Friedens mit Russland als „Putin-Apologeten“ anzugreifen. Sie sind keine Putin-Apologeten. Sie sind für Frieden in Europa und gegen die rücksichtslose NATO-Erweiterung um die Ukraine. Europa sollte Trumps Angriffskrieg im Iran entschieden ablehnen. Mit anderen Worten: Europa sollte zur Diplomatie und Gesprächen sowie zu den nach dem Zweiten Weltkrieg angenommenen Werten von Frieden und Anstand zurückkehren.

Auch Bundeskanzler Merz nimmt keine klare Position ein. Was könnte er als Führer einer Nation tun, die es aufgrund ihrer Geschichte besser wissen sollte?

Schweigen angesichts von Trumps Militarismus und seinen Drohungen, den Iran zu vernichten, bedeutet Komplizenschaft. Er sollte sich für Frieden aussprechen. Spaniens Präsident Sanchez hat dies getan. Andere europäische Staats- und Regierungschefs sollten dies ebenfalls tun.

Wo wird das enden – in einer wirtschaftlichen Katastrophe?

Es wird im Dritten Weltkrieg enden, wenn es keine Stimmen gibt, die sich dem US-Militarismus und Europas irrationaler Russophobie entgegenstellen.

Welche diplomatischen Anstrengungen sollten unternommen werden, um russische Kriegsverbrechen zu stoppen, wie etwa das Aushungern von Zivilisten in Oleschky?

Die Frage ist, wie der Krieg gestoppt werden kann. Die Lösung – und die einzige Lösung – ist unteilbare Sicherheit für die Ukraine, Russland und Europa. Die Neutralität der Ukraine, keine NATO-Erweiterung, Entmilitarisierung, eine Waffenstillstandslinie, eine Verpflichtung, auf die Anwendung von Gewalt zur Beilegung noch offener territorialer Fragen zu verzichten. Das ist offensichtlich und steht seit April 2022 als Möglichkeit im Raum, und tatsächlich schon lange davor. Die USA und Deutschland haben diese offensichtliche Friedenslösung blockiert, weil sie „gewinnen“, „Russland besiegen“ wollen, was illusorisch ist. Hier gibt es keinen Sieg, nur unteilbare Sicherheit.

Die Fragen stellte Michael Maier.

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Veranstaltungshinweis:

Neubeginn mit Russland – aber wie?

Der KulturKreis Pankow lädt am Freitag, 25. September 2026, um 19 Uhr zu einer Diskussionsrunde in den Sprechsaal, Marienstraße 26 in Berlin-Mitte, ein. Petra Erler, Alexander Rahr und Peter Brandt von der Gruppe Neubeginn sprechen über das Verhältnis zu Russland und mögliche Wege zu Entspannung und Dialog. Petra Erler sagt zu dem Thema: „Frieden ist keine Sehnsucht politischer Naivlinge. Er ist eine politische Wahl zugunsten gemeinsamer Sicherheit, Abrüstung und Dialog.“

Mehr dazu bei KulturKreis Pankow e.V.

Zur Gruppe Neubeginn gehören Peter Brandt, Michael Brie, Daniela Dahn, Petra Erler, Dieter Klein, Alexander Rahr, Ingo Schulze, Hans-Eckard Wenzel und Gabi Zimmer.

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