Steinmeier: Auf Bismarcks Spuren in China

Der Bundespräsident wird in China mit allen Ehren empfangen. Doch der Glanz der Vergangenheit ist einer neuen Dynamik gewichen, die aus dem Osten kommt.

Illustration: World News Monitor (mit Hilfe von KI erstellt)
Illustration: World News Monitor (mit Hilfe von KI erstellt)

„Im Grunde fand Chinas erste Öffnung zum Westen hier statt“, schrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag in einem Instagram-Post nach dem ersten Tag seines Besuchs in Hefei, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui. Steinmeier wird in China hoch geachtet. Das liegt an der Person, aber auch am Amt. Chinesische Insider betonen im Gespräch mit World News Monitor, es sei ungewöhnlich, dass ein Staatsoberhaupt von den Nummern eins, zwei und drei der Hierarchie empfangen wird. Höhepunkt wird die Begegnung mit Chinas Präsident Xi Jinping.

Auch die historische Dimension seiner Reise wird gewürdigt. Steinmeier begann seinen Besuch in Hefei in der ostchinesischen Provinz Anhui. Dort besichtigte er den früheren Wohnsitz des chinesischen Staatsmannes Li Hongzhang. Die staatliche Global Times erinnert daran, dass Li 1896 Deutschland besuchte und Otto von Bismarck traf.

China zeigt Stärke, Steinmeier als Partner

Im Blick auf die Gegenwart zeigen sich die Chinesen selbstbewusst. Die chinesische Berichterstattung über Frank-Walter Steinmeiers Besuch stellt vor allem die eigene wirtschaftliche und technologische Stärke heraus. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Zusammenarbeit mit Deutschland weiter ausgebaut werden kann.

Die Global Times beschreibt die Reise als eine Art Ausgleichsbewegung innerhalb der deutschen China-Politik. Ein von der Zeitung zitierter chinesischer Experte spricht von einem „Balanceakt“ vor dem Hintergrund eines härteren Kurses der Bundesregierung. Steinmeiers Besuch biete die Möglichkeit, den Austausch mit China zu vertiefen und die Beziehungen langfristig zu stabilisieren.

Die chinesischen Medien präsentieren Steinmeier nicht einfach als ausländischen Staatsgast. Das chinesische Außenministerium bezeichnet ihn ausdrücklich als einen „alten Freund des chinesischen Volkes“. Die Formulierung wurde unter anderem von Xinhua verbreitet. Die Xinhua-Meldung fand in chinesischen Medien und großen Nachrichtenportalen breite Weiterverbreitung. Hervorgehoben werden Steinmeiers frühere China-Besuche und sein langjähriger Anteil an den deutsch-chinesischen Beziehungen.

Auch Steinmeier selbst begleitet die Reise ausführlich über soziale Medien. Nach dem ersten Tag veröffentlichte er einen Instagram-Beitrag unter der Überschrift „Geschichte, Stadtentwicklung und Elektromobilität“ und dokumentierte den Tag zusätzlich in 19 Instagram-Stories. Darin zeigte er Stationen seiner Reise durch Hefei, historische Orte, Stadtentwicklung und seinen Besuch bei Volkswagen. Die Global Times greift diese Beiträge ausführlich auf und zitiert Steinmeiers Aussage, die Beziehungen zwischen Deutschland und China seien zu vielfältig, um sie in ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema zu pressen.

Der Reiseplan ist mit Bedacht gewählt. Steinmeiers Programm führt vom historischen Austausch mit Deutschland über Stadtentwicklung bis zur modernen chinesischen Autoindustrie. Ein von der Global Times zitierter Wissenschaftler erklärt, die Station Hefei zeige den Willen, China über seine Geschichte, Kultur und wirtschaftliche Entwicklung besser zu verstehen.

Vom Treffen Li Hongzhangs mit Bismarck bis zu Steinmeiers Besuch bei Volkswagen wird eine lange Kontinuität deutsch-chinesischer Beziehungen gezeichnet. China erscheint dabei nicht als Land, das um Aufmerksamkeit werben muss, sondern als Partner, dessen Bedeutung für Deutschland mit seiner wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung weiter gewachsen ist.

Volkswagen und Chinas technologischer Aufstieg

Besonders deutlich wird das beim Besuch Steinmeiers im Volkswagen-Entwicklungszentrum in Hefei. Die Volkswagen Group China Technology Company (VCTC) ist das größte Forschungs- und Entwicklungszentrum des Automobilherstellers außerhalb Deutschlands. Chinesische Medien berichten ausführlich über Elektroautos, Softwareentwicklung und Fahrerassistenzsysteme. Steinmeier besichtigte dort Labore und testete ein Fahrzeug mit in China entwickelter Technik.

Die Global Times hebt hervor, dass deutsche Hersteller zunehmend auf chinesische Entwicklungsressourcen, Zulieferer und Technologien zurückgreifen. Von der Zeitung zitierte Experten argumentieren, deutsche Autobauer könnten von Chinas Innovationsgeschwindigkeit und Kompetenzen bei Elektromobilität, Software und automatisiertem Fahren profitieren.

Xinhua schreibt, China und Deutschland verfügten über sich ergänzende wirtschaftliche Stärken. Steinmeiers Besuch biete die Gelegenheit, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu festigen und neue Möglichkeiten für gegenseitigen Nutzen zu erschließen.

Das chinesische Außenministerium formuliert die politische Botschaft ähnlich. Eine stabile Entwicklung der Beziehungen zwischen China und Deutschland liege im Interesse beider Länder und darüber hinaus Europas und der Welt. Der Besuch solle genutzt werden, um Vertrauen zu stärken, Kooperation zu vertiefen und gemeinsame Innovation voranzutreiben.

Deutsche Medien blicken stärker auf Risiken

In deutschen Medien liegt der Akzent stärker auf den möglichen Folgen von Chinas Aufstieg für Deutschland.

Das Handelsblatt verweist auf das wachsende Handelsungleichgewicht und darauf, dass das bisherige Modell der wirtschaftlichen Zusammenarbeit unter Druck geraten sei. Steinmeier selbst äußerte in Hefei Sorge über zunehmende Ungleichgewichte im Handel.

Die Tagesschau stellt die Reise in den Zusammenhang mit dem deutschen Bemühen, einseitige Abhängigkeiten von China zu verringern. Chinesische Subventionen, Überkapazitäten und der zunehmende Wettbewerbsdruck auf deutsche Unternehmen werden als zentrale Probleme genannt.

Auch die Süddeutsche Zeitung beschreibt ein Verhältnis, dessen Grundlagen sich verändert haben. China bleibe ein wichtiger Partner, sei für Deutschland aber zugleich ein deutlich stärkerer wirtschaftlicher Konkurrent geworden, heißt es hier etwas gönnerhaft.

Die Global Times greift die deutsche Berichterstattung auf und meldet: Die Deutsche Welle (DW) habe den Staatsbesuch als „in unsicheren Zeiten stattfindend“ bezeichnet. Die DW habe angemerkt, „dass Deutschland in der Region nach alternativen Partnern suche und gleichzeitig gute Beziehungen zu Peking pflegen wolle“. Die Süddeutsche Zeitung habe ebenfalls festgestellt, dass die bilateralen Beziehungen „vielfältig, aber auch komplex“ seien, während die Handelsbeziehungen neu ausgerichtet würden.

Bei der Anspielung auf die parallel stattfindende Asienreise des Bundeskanzlers unterbleibt jedoch ein konkreter Hinweis auf die Aktivitäten von Friedrich Merz.

Heiße Themen wie Menschenrechte, Xinjiang, Taiwan, oder Repression stehen in den deutschen Medien noch deutlich hinter Wirtschafts- und Wettbewerbsfragen zurück. Das kann sich mit Steinmeiers Peking-Rede und seinem Treffen mit Xi noch ändern.

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