EU weiß nicht, wie sie die Gaspreise senken soll – aber Nord-Stream bleibt Tabu

Die Gaspreise steigen, die EU sucht nach Entlastung und diskutiert über Subventionen und weniger Verbrauch. Eine Option, die den Preis deutlich drücken könnte, bleibt ausgeschlossen: Nord Stream.

Illustration: World News Monitor (mit Hilfe von KI erstellt)
Illustration: World News Monitor (mit Hilfe von KI erstellt)

Europas Gaspreise sind auf den höchsten Stand seit Ende 2022 gestiegen. Die EU diskutiert über staatliche Hilfen und einen geringeren Verbrauch. Eine Rückkehr zu russischem Gas über Nord Stream ist nach geltendem EU-Recht ausgeschlossen. Eine von World News Monitor mit Hilfe künstlicher Intelligenz angestellte Modellrechnung zeigt, wie stark zusätzliche Pipeline-Lieferungen den Abstand zu den deutlich niedrigeren US-Gaspreisen im günstigsten Szenario verkleinern könnten.

Der europäische TTF-Gaspreis überschritt am Mittwoch erstmals seit Ende 2022 wieder die Marke von 100 Euro je Megawattstunde. Beim Treffen der EU-Energieminister am Donnerstag in Luxemburg rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie Haushalte und Unternehmen vor hohen Preisen geschützt werden können. Ein hochrangiger europäischer Energiebeamter sagte laut Politico: „Wir haben die meisten unserer kurzfristigen Optionen ausgeschöpft. Was übrig bleibt, ist im Grunde Krisenmanagement.“ Nach dem Bericht konzentriert sich die kurzfristige Debatte vor allem auf staatliche Hilfen und eine Senkung des Energieverbrauchs. Der EU-Rat erklärte nach dem Treffen, Europa müsse kurzfristige Maßnahmen ergreifen, um den Druck auf Haushalte und Unternehmen zu verringern.

Europa kauft fast doppelt so viel LNG

Seit dem Rückgang der russischen Pipeline-Lieferungen hat sich Europas Gasversorgung erheblich verändert. Nach Eurostat importierte die EU 2021 rund 55 Millionen Tonnen Flüssigerdgas. 2025 waren es 101 Millionen Tonnen, ein Anstieg um rund 84 Prozent. Besonders stark wuchsen die Lieferungen aus den USA. Nach Angaben des EU-Rats stiegen sie von rund 21 Milliarden Kubikmetern 2021 auf mehr als 82,9 Milliarden Kubikmeter 2025. Die US-Lieferungen haben sich damit innerhalb von vier Jahren nahezu vervierfacht.

Europa zahlt elf- bis zwölfmal so viel wie die USA

Die amerikanische Energiebehörde EIA weist für den 27. Oktober einen Henry-Hub-Spotpreis von 2,76 Dollar je MMBtu aus. Ein europäischer Gaspreis von rund 100 Euro je Megawattstunde entspricht beim aktuellen Wechselkurs ungefähr 33 Dollar je MMBtu. Gas kostet im europäischen Großhandel damit derzeit etwa elf- bis zwölfmal so viel wie am amerikanischen Henry Hub.

Der Vergleich betrifft Großhandelspreise, nicht die Rechnungen von Haushalten. Die USA verfügen über eine sehr große heimische Gasproduktion. Europa bezieht einen erheblichen Teil seines Gases über Importe und ist durch den höheren LNG-Anteil stärker mit dem internationalen Gasmarkt verbunden.

Mit Nord Stream nur noch das Sechsfache

Nord Stream 1 verfügte über eine jährliche Kapazität von rund 55 Milliarden Kubikmetern. Der gesamte Gasverbrauch der EU lag 2025 nach Angaben der EU-Kommission bei 339 Milliarden Kubikmetern.

World News Monitor hat mit Hilfe künstlicher Intelligenz eine Sensitivitätsrechnung auf Grundlage kurzfristiger Angebots- und Nachfrageelastizitäten vorgenommen, die der Internationale Währungsfonds in einer Untersuchung zum europäischen Gasmarkt verwendet. Unter der besonders günstigen Annahme, dass zusätzliche Nord-Stream-Lieferungen von 55 Milliarden Kubikmetern vollständig als zusätzliches Angebot auf dem europäischen Markt wirken, ergibt die Rechnung einen Preisrückgang von rund 100 auf knapp 50 Euro je Megawattstunde. Das wären rund 16 bis 17 Dollar je MMBtu. Der europäische Großhandelspreis läge damit noch ungefähr beim Sechsfachen des zuletzt von der EIA gemeldeten US-Preises.

Die Rechnung ist keine Prognose des IWF. Sie ist eine von World News Monitor angestellte Modellrechnung unter vereinfachenden Annahmen. Fällt ein Teil der Nord-Stream-Mengen nicht zusätzlich an, sondern ersetzt andere russische Lieferungen, wäre der Preiseffekt geringer.

USA und Russland haben Nord Stream erörtert

Eine Wiederaufnahme der Pipeline ist nicht beschlossen. Nach einer Reuters-Recherche vom 8. Oktober haben hochrangige Vertreter der USA und Russlands darüber gesprochen, einen amerikanischen Investor an Nord Stream zu beteiligen. Fünf mit den Gesprächen vertraute Personen bestätigten der Nachrichtenagentur entsprechende Kontakte. Zwei Quellen sagten, Nord Stream stehe weiterhin auf der Agenda. Das Weiße Haus erklärte allerdings, es habe zuletzt keine Nord-Stream-Gespräche gegeben. Ein US-Regierungsvertreter bezeichnete einen Deal wegen der politischen und rechtlichen Hindernisse auf mittlere Sicht als unwahrscheinlich.

EU hält am Nord-Stream-Aus fest

Nach geltendem EU-Recht kann Nord Stream derzeit nicht wieder für reguläre Gaslieferungen genutzt werden. Nach den Vorgaben der EU-Kommission sind Transaktionen im Zusammenhang mit Betrieb, Nutzung, Fertigstellung und Wartung von Nord Stream 1 und 2 untersagt. Die EU hat im Januar 2026 außerdem den schrittweisen Ausstieg aus russischem Gas gesetzlich beschlossen. Nach Angaben des EU-Rats gelten bereits Einfuhrverbote für neue russische Gaslieferungen und für bestimmte bestehende Verträge. Für langfristige Pipelineverträge laufen Übergangsfristen bis spätestens Herbst 2027.