Während die Ukraine vor dem fünften Kriegswinter steht und die Sorge vor einer weiteren Eskalation wächst, stellt sich die Frage, ob ein diplomatischer Ausweg aus dem Krieg noch möglich ist. Für Europa ist die Suche nach einem Vermittler schwierig: Die EU-Staaten unterstützen die Ukraine politisch, finanziell und militärisch und gelten in Moskau deshalb kaum als neutrale Gesprächspartner. Allen voran Deutschland und Frankreich scheinen als Vermittler nicht in Frage zu kommen.
Das zeigt etwa das mit einigen Hoffnungen verbundene Gespräch von Bundesaußenminister Johann Wadephul und Sergej Lawrow in New York. Nun wenige Tage später prangerte Bundeskanzler Friedrich Merz am Mittwoch bei der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises in Münster den „expansiven Revisionismus Russlands“ an. Zugleich betonte er, dass langfristig nur Verhandlungen einen dauerhaften Frieden ermöglichen könnten. Russland sei dazu derzeit jedoch „nicht bereit“.
Wenn Deutschland, Frankreich und erst recht Großbritannien als Vermittler nur schwer infrage kommen, stellt sich die Frage nach alternativen diplomatischen Akteuren. Dabei rückt Italien in den Blick. Rom unterstützt die Ukraine und trägt die Sanktionen gegen Russland mit, unterhält aber weiterhin diplomatische Beziehungen zu Moskau. Könnte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni daraus einen Handlungsspielraum gewinnen? Eine zusätzliche Rolle könnte der Vatikan spielen.
Zwischen Energieinteressen und Ukrainehilfe
Seit ihrem Amtsantritt hat Giorgia Meloni ihre Russlandpolitik revidiert und sich klar an die Seite der Ukraine und ihrer westlichen Verbündeten gestellt.
Italien hat die Ukraine seit Beginn der russischen Invasion bis zum Sommer 2026 mit rund 17 Milliarden Euro unterstützt. Deutschland stellte im selben Zeitraum etwa 52 Milliarden Euro bereit, die USA rund 115 Milliarden Euro. Damit liegt Italien bei der bisherigen Unterstützung deutlich hinter den größten westlichen Gebern.
Gleichzeitig wächst angesichts hoher Energiepreise der wirtschaftliche Druck. Laut einer Studie von Confcommercio und dem Centro Europa Ricerche lag der italienische Stromgroßhandelspreis im September 73,3 Prozent über dem Jahresdurchschnitt von 2025. Auch im europäischen Vergleich ist Strom in Italien deutlich teurer als in Deutschland oder Frankreich. Der anhaltende Irankrieg verschärft zusätzlich die wirtschaftlichen Unsicherheiten in Europa.
Eine Wiederannäherung an Russland könnte aus Sicht bestimmter Wirtschaftsakteure wirtschaftliche Vorteile versprechen, insbesondere mit Blick auf Energie und Handel. Eine Lockerung der Sanktionen würde jedoch auch die europäische Geschlossenheit und Italiens außenpolitische Position berühren. Meloni steht damit vor der Herausforderung, wirtschaftliche Interessen und ihre Unterstützung für die Ukraine miteinander in Einklang zu bringen.
Salvini ist pro-russisch
Diese unterschiedlichen Interessen spiegeln sich auch in der italienischen Regierungskoalition wider. Während Meloni an der Unterstützung der Ukraine festhält, vertritt ihr Koalitionspartner und Verkehrsminister Matteo Salvini von der Lega eine deutlich russlandfreundlichere Linie. Er kritisiert die Sanktionen gegen Moskau und plädiert für eine Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen.
Mitte September sorgte ein Treffen Salvinis mit rund 150 italienischen Unternehmern, die Geschäftsbeziehungen nach Russland unterhalten, für Kritik. Auch der russische Botschafter in Italien, Alexei Paramonow, nahm daran teil. Meloni verwies in der anschließenden Debatte darauf, dass die diplomatischen Beziehungen zu Russland weiterhin bestünden. „Diplomatische Beziehungen sind nicht geschlossen“, sagte sie laut Il Giornale.
Roberto Vannacci erscheint auf der Bühne
Auch außerhalb der Regierungskoalition wächst der politische Druck. Roberto Vannacci, ehemaliger General und früherer Europaabgeordneter der Lega, hat sich von Salvinis Partei getrennt und mit Futuro Nazionale eine eigene politische Bewegung gegründet. Die Partei erreicht in Umfragen inzwischen mehr als acht Prozent. Die Lega kommt dort nur noch auf 4,7 Prozent, die andere Regierungspartei Forza Italia auf 7,3 Prozent.
Vannacci lehnt Waffenlieferungen an die Ukraine und Sanktionen gegen Russland ab. Zudem macht er die Nato für die Entwicklung des Konflikts mitverantwortlich und spricht sich für eine diplomatische Lösung aus, bei der auch russische Positionen berücksichtigt werden sollen.
Mit Blick auf die für 2027 geplanten Wahlen könnten diese Positionen an Bedeutung gewinnen. Eine eigene Friedensinitiative wäre für Meloni möglicherweise auch eine Gelegenheit, sich politisch zu profilieren und den Forderungen ihrer innenpolitischen Gegner nach einer Annäherung an Moskau etwas entgegenzusetzen.
Meloni: Zwischen Abschreckung und Diplomatie
Melonis sendet außenpolitisch gemischte Signale. Im Juni brachte sie den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi als möglichen Vermittler für Friedensgespräche ins Gespräch. Ob der Vorschlag in Moskau auf Resonanz stieß, ist unklar.
Gleichzeitig reagierte Meloni auf mutmaßliche russische hybride Aktivitäten in Europa mit deutlichen Worten. Nachdem Anfang August am Flughafen Leipzig eine Drohne mit Sprengstoff entdeckt worden war, erklärte sie am 1. September auf X ihre Solidarität mit Deutschland. „Hybride Angriffe gegen einen von uns betreffen uns alle und werden eine gemeinsame Reaktion nach sich ziehen“, schrieb sie. Mitte September warnte sie zudem vor möglichen “Provokationen Moskaus”. Eine Reaktion darauf liege möglicherweise eher im Interesse Russlands als im Interesse Europas, sagte sie laut der Nachrichtenagentur Adnkronos.
Verteidigungsminister Guido Crosetto bemühte sich hingegen Ende September um eine zurückhaltende Einordnung, als die spanische Zeitung El Mundo unter Berufung auf US-Geheimdienstinformationen über mögliche russische Drohnenangriffe in mehreren europäischen Ländern berichtete, darunter Italien, berichtet. Crosetto erklärte auf X, die Meldung sei nicht bestätigt und schüre in der ohnehin angespannten Lage unnötig die Sorge vor einer Eskalation.
Job für früheren Ukraine-Minister
Gleichzeitig setzt Rom die militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine fort. Ende August empfing Crosetto den ukrainischen Vertreter Mykhailo Fedorow in Rom und stellte ihn als Berater für Verteidigungsinnovation vor. Fedorow soll nach eigenen Angaben zur Entwicklung “moderner Kriegstechnologien” beitragen.
Die Ernennung löste in Moskau scharfe Kritik aus. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, bezeichnete die Entscheidung laut der russischen Nachrichtenagentur TASS als „lächerlich“. Sie warf der ukrainischen Führung vor, militärische Entwicklungen in internationale Vereinbarungen umzuwandeln.
Die Vorgänge verdeutlichen Italiens außenpolitisches Dilemma: Rom will die Ukraine weiterhin militärisch unterstützen, zugleich aber diplomatische Gesprächskanäle nach Moskau offenhalten. Doch ob Russland Italien als Vermittler akzeptieren würde, ist damit keineswegs geklärt.
Der Vatikan als Brückenbauer?
Eine zusätzliche diplomatische Perspektive eröffnet der Vatikan. Papst Leo XIV. hat wiederholt angeboten, Gespräche zwischen Russland und der Ukraine zu ermöglichen und einen geeigneten Ort für Verhandlungen bereitzustellen. Dabei betont er die Verantwortung der Kirche, den Dialog zu fördern und politische Führungspersönlichkeiten zusammenzubringen.
Anfang der Woche erneuerte der Papst seine Einladung vor Journalisten an Bord des Flugzeugs von Metz nach Rom. Er sprach sich laut Vaticannews dafür aus, politische Entscheidungsträger aus Russland und der Ukraine an einen Tisch zu bringen und über Wege zur Beendigung des Krieges zu beraten.
Abkehr von der Lehre vom „gerechten Krieg“
Mit der im Mai 2026 veröffentlichten Sozialenzyklika “Magnifica humanitas” hat Papst Leo XIV. der traditionellen katholischen Lehre vom „gerechten Krieg“ eine Absage erteilt und stattdessen angesichts moderner KI-Kriegsführung einen radikalen, präventiven Pazifismus eingefordert – eine Entwicklung, die von der katholischen Basis in Europa sehr positiv aufgenommen wurde.
Eine solche Initiative wäre zunächst vom politischen Vermittlungsanspruch Italiens zu unterscheiden. Der Heilige Stuhl verfügt über eigene diplomatische Kanäle und kann als möglicher Gastgeber auftreten. Meloni könnte die Bemühungen des Papstes politisch unterstützen, Kontakte fördern und Italien als ergänzenden Gesprächspartner ins Spiel bringen.
Für Meloni könnte sich die Gelegenheit bieten, Italiens diplomatische Rolle zu stärken, ohne den bisherigen Kurs gegenüber der Ukraine grundsätzlich infrage zu stellen. Ob daraus tatsächlich eine Friedensinitiative entsteht, hängt jedoch von der Bereitschaft der Kriegsparteien ab.
