Der katarische Tanker „Al Mayeda“ mit Flüssigerdgas (LNG) ist am Freitagabend im Persischen Golf von bislang nicht identifizierten Objekten getroffen worden. Nach Angaben des Betreibers Nakilat wurde niemand verletzt, das Schiff blieb betriebsfähig. Wer verantwortlich ist und was den Tanker getroffen hat, ist bislang ungeklärt. Der Vorfall zeigt: Der Versorgung mit Gas ist sehr volatil.
Für Europas Gasversorgung hat der einzelne Vorfall zunächst keine nennenswerten Folgen. Er trifft aber auf einen angespannten Markt. Die deutschen Gasspeicher waren am 1. November nach Angaben der Bundesnetzagentur nur zu 61,6 Prozent gefüllt. Die Behörde bewertet die Versorgung derzeit dennoch als stabil – noch.
Iran droht mit Angriffen auf Energieanlagen
Die Lage würde sich bei einer weiteren Eskalation des Iran-Krieges deutlich veschärfen. Werden LNG-Anlagen, Öl- und Gasfelder oder Tanker getroffen und Transporte durch den Persischen Golf eingeschränkt, könnten wichtige Mengen auf dem Weltmarkt fehlen. Die Golf-Staaten bereiten sich auf eine solche Entwicklung aktuell sehr konkret vor.
Iran hat Angriffe auf Energieinfrastruktur ausdrücklich als mögliche Reaktion auf weitere Attacken genannt. Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf warnte im September vor Gegenschlägen gegen Anlagen im Golf. „Greift unsere Anlagen an, und eure werden getroffen“, sagte er nach Angaben von Reuters.
Schon wiederholte Angriffe auf Schiffe können Versicherungen verteuern, Reedereien abschrecken und Transporte verzögern. Wie schnell sich Handelswege dadurch verändern, zeigt das Schwarze Meer. Dort wurden zuletzt wiederholt zivile Frachter von Drohnen getroffen. Russland weicht deshalb bei Teilen seiner Getreideexporte inzwischen auf andere Routen aus und erprobt auch Transporte über Murmansk und die Arktis, wie Reuters berichtete.
Auch die EU-Energieminister befassten sich Ende Oktober mit dem „Versorgungs- und Preisdruck“ durch die geopolitische Lage. Der EU-Rat verwies dabei ausdrücklich auf die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf die Energieversorgung.
Verivox erwartet bis zu 20 Prozent mehr
Für Verbraucher würde eine weitere Verknappung zunächst über höhere Preise spürbar. Nach Angaben von Verivox kosten neue Gastarife mit Preisgarantie inzwischen rund 14 Cent je Kilowattstunde.
Für Bestandskunden hatte Verivox im August bei anhaltend hohen Großhandelspreisen Preissteigerungen zwischen zehn und 20 Prozent erwartet. Viele Versorger kaufen ihr Gas im Voraus, deshalb kommen höhere Börsenpreise bei bestehenden Verträgen oft erst mit Verzögerung an.
Ein schwerer Stressfall wäre erreicht, wenn zu den niedrigen Speicherständen noch ein großer Lieferausfall käme, etwa durch länger eingeschränkte LNG-Lieferungen aus dem Persischen Golf, und gleichzeitig kaltes Wetter den Verbrauch erhöht. In solchen Szenarien rechnen Banken und Institute mit europäischen Gaspreisen von rund 130 bis 150 Euro je Megawattstunde.
Was ein länger anhaltender Großhandelspreis von etwa 150 Euro für Haushalte bedeuten könnte, hat das DIW Berlin bereits während der Energiekrise 2022 modelliert. Nach dieser Rechnung könnten sich die Gasrechnungen gegenüber dem heutigen durchschnittlichen Preisniveau nahezu verdoppeln. Für einen typischen Haushalt entspräche das einer Mehrbelastung von rund 91 Prozent.
Grundlage für Rationierung ist gelegt
Noch ernster wäre die Lage, wenn Europa trotz hoher Preise nicht mehr genügend Gas beschaffen kann. Der Verband der europäischen Gasnetzbetreiber ENTSOG hat solche Fälle durchgerechnet. In schweren Szenarien reicht das verfügbare Gas nicht mehr aus, um die gesamte Nachfrage zu bedienen. In der EU sind die Diskussionen darüber angelaufen.
Deutschland hat dafür konkrete Verfahren vorbereitet. Reichen Marktmaßnahmen nicht mehr aus, kann die Bundesregierung die Notfallstufe des Notfallplans Gas ausrufen. Dann wird die Bundesnetzagentur zum Bundeslastverteiler. Sie kann Unternehmen verpflichten, ihren Gasverbrauch zu senken, und im äußersten Fall Abschaltungen anordnen.
Haushalte und wichtige soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser gehören zu den geschützten Kunden. Kürzungen würden deshalb zunächst vor allem nicht geschützte Großverbraucher und Industrieunternehmen treffen.
