Das Treffen des finnischen und des ukrainischen Präsidenten mit dem norwegischen Ministerpräsidenten in Oslo hat Bewegung in die Debatte über den Ukraine-Krieg gebracht. Im November dürfte sich zeigen, ob es bei einem taktischen Manöver einzelner Beteiligter, vor allem des US-amerikanischen Präsidenten, bleibt oder ob sich daraus eine ernsthafte diplomatische Initiative entwickelt. Gerade die nord- und einige osteuropäische Staaten scheinen den Druck des ungelösten und weiter eskalierenden Krieges stärker zu spüren.
Bemerkenswert ist, dass der ukrainische Präsident diese Initiative mitträgt. Er kann sich kaum allein auf die bisherige Praxis und Rhetorik einiger europäischer Staaten, darunter Deutschland, verlassen, wenn er das Schicksal seines Landes und seiner Bevölkerung im Blick hat. Für eine klare militärische Entscheidung gibt es derzeit keine erkennbare Perspektive. Dass er deshalb auch von Gesprächen mit dem Gegner spricht, könnte ein erstes Zeichen dafür sein, dass Verhandlungen mit Russland wieder ernsthaft in Betracht gezogen werden.
Damit verändert sich auch die Lage für jene, die solche Gespräche bisher für sinnlos halten, weil Moskau angeblich gar nicht verhandeln wolle. Wollen Deutschland oder Großbritannien auf diese Entwicklung noch Einfluss nehmen, müssen sie sich ihr aktiv stellen.
Auch China und die Vereinigten Staaten könnten für mögliche Verhandlungen eine entscheidende Rolle spielen. Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich daraus eine Chance auf einen fairen Kompromiss eröffnet.
Ein machbarer Friedensvorschlag
Genau an diesem Punkt setzt Jeffrey Sachs an. Der amerikanische Ökonom und Diplomat wirbt seit längerem, auch über Gespräche im Umfeld des Vatikans, für einen politischen Ausweg aus dem Krieg. Nach Kontakten mit hochrangigen europäischen Vertretern sieht er neue Chancen für Verhandlungen und hat mit ihnen seinen Rahmenplan für Frieden in der Ukraine diskutiert (im Wortlaut hier).
Im Kern geht es um vier Fragen: Territorien, die Neutralität der Ukraine, Sicherheitsgarantien für beide Seiten sowie Wiederaufbau und wirtschaftliche Perspektiven. Sachs fordert, einen solchen Kompromiss international abzusichern, gestützt durch den UN-Sicherheitsrat und begleitet von einer wieder handlungsfähigeren OSZE.
Im World News Monitor vom 30. Oktober 2026 sieht Sachs nach seinen Gesprächen mit europäischen Staatschefs Bewegung. Die Zeit der Parolen sei vorbei, Deutschland müsse endlich einen konkreten Plan vorlegen.
Kompromissfrieden einer Koalition der Willigen und Entschiedenen
Damit stellt sich die Frage, wer bereit ist, einen solchen Kompromiss überhaupt auszuloten. Das Misstrauen gegenüber Verhandlungen mit Russland ist in Teilen Europas weiterhin groß, auch beim deutschen Bundeskanzler. Ob diese Haltung durch die Entwicklung der nächsten Wochen aufgebrochen oder umgangen werden kann, dürfte entscheidend sein.
Der Druck wächst jedenfalls. Der Krieg dauert inzwischen seit mehr als viereinhalb Jahren an, die Eskalationsgefahr bleibt hoch, und auch Staaten des globalen Südens von Brasilien bis China drängen stärker auf eine politische Lösung.
Merz und die deutsche Debatte
In Deutschland richtet sich der Blick deshalb besonders auf Friedrich Merz. Seine Skepsis gegenüber Verhandlungen mit Russland dürfte tiefer reichen als eine bloße taktische Einschätzung der aktuellen Lage. Man kann darin ein Russlandbild erkennen, das in Teilen der deutschen Rechten und auch der CDU eine lange Tradition hat. Das ist eine politische Interpretation seiner Haltung, keine Aussage über seine persönlichen Motive.
Seine innenpolitische Schwäche könnte diese Haltung zusätzlich verhärten. Sollte seine Autorität innerhalb der CDU weiter nachlassen, dürfte der Druck auf ihn wachsen. Auch in der Bevölkerung ist die Zustimmung zu seiner Arbeit zuletzt sehr niedrig gewesen.
Mit den Demonstrationen vom 31. Oktober verändert sich möglicherweise auch die innenpolitische Debatte. Eine jüngere Bewegung gewinnt an Sichtbarkeit, die mehr Bildung, weniger Rüstung und keine Wehrpflicht fordert.
Wer kann einen Kompromiss vorantreiben?
Gerade deshalb könnte ein Kompromissfrieden eher von nord- und osteuropäischen Staaten, den Vereinigten Staaten und Vertretern des globalen Südens vorangetrieben werden als von Deutschland oder Großbritannien. Beide Länder können den Ausgang des Krieges nicht allein bestimmen, beeinflussen die europäische Debatte aber erheblich.
Dass in Teilen der öffentlichen Debatte die Auffassung vorherrscht, Russland wolle ohnehin nicht ernsthaft verhandeln, sondern könne den Krieg als Ausgangspunkt für eine spätere Bedrohung von Nato-Territorium nutzen (eine Position, die auch in Teilen der Springer-Medien vertreten wird), bleibt irritierend. Warnungen vor einer möglichen russischen Bedrohung von Nato-Staaten sind ernst zu nehmen. Sie sind aber etwas anderes als die Behauptung, ein solcher Angriff stehe bereits fest.
Ähnliches gilt für die Vorstellung, Russland wolle die Sowjetunion wiederherstellen. Die Annahme, Moskau wolle seine frühere Einflusssphäre stärken, ist nicht gleichbedeutend mit einem konkreten Plan zur Wiederherstellung der Sowjetunion.
Auch in Deutschland gibt es einen starken Wunsch nach einem Ende des Krieges. Daraus folgt allerdings noch keine Zustimmung zu einem bestimmten Friedensmodell oder zu territorialen Zugeständnissen.
Umso wichtiger ist es, einen möglichen Verhandlungsfrieden mit jenen Staaten und politischen Kräften auszuloten, die dazu bereit sind, statt solche Initiativen an den härtesten Positionen innerhalb Europas scheitern zu lassen.
Abschreckung und Entspannung zusammendenken
Dafür gibt es sogar eine Tradition innerhalb der Nato selbst: den Harmel-Bericht von 1967. Er zeigte, dass Sicherheit nicht allein durch militärische Stärke entsteht, sondern auch durch Gespräche, Vertrauen und verlässliche Regeln zwischen politischen Gegnern. Gerade deshalb ist es wichtig, auch mit Russland zu sprechen und dort nach politischen Lösungen zu suchen, wo Gespräche möglich sind.
An diese Verbindung von Abschreckung und Entspannung könnte die Nato heute wieder anknüpfen.
Feuerpausen als konkrete Möglichkeit
Dass Gespräche selbst im Krieg zu konkreten Ergebnissen führen können, zeigt die Unterbrechung der Kämpfe in Oleschky. Dort wurden humanitäre Maßnahmen zwischen beiden Seiten vereinbart. Auch der Vatikan spielte dabei eine Rolle und gewinnt offenbar an Bedeutung bei solchen Vermittlungsbemühungen.
Ähnliche Feuerpausen könnten deshalb auch in anderen besonders umkämpften Regionen denkbar sein.
Warum Gespräche jetzt notwendig sind
Nichts davon ist sicher. Aber es wäre falsch, solche Möglichkeiten gar nicht erst zu prüfen.
Gerade die Lage der Ukraine macht das notwendig. Das Land steht vor einem weiteren schweren Winter, die Zerstörungen dauern an, und die Risiken für seine staatliche und gesellschaftliche Zukunft wachsen.
Unter diesen Bedingungen ist es verantwortungsethisch geboten, jede realistische politische Möglichkeit auszuloten.
Deshalb müssen wir jetzt mit Russland reden.
