Jeffrey Sachs: „Strebt Merz aktiv einen Krieg Deutschlands mit Russland an?“

Der Ökonom und Spitzendiplomat Jeffrey Sachs sieht im Interview mit World News Monitor die jüngsten Atomwaffendrohungen Russlands als Reaktion auf die Kampf-Rhetorik der Nato in Richtung Kaliningrad.

Bundeskanzler Friedrich Merz (links) unterhält sich am 5. Oktober 2026 auf der Terrasse des Bundeskanzleramts in Berlin mit dem litauischen Ministerpräsidenten Mindaugas Sinkevicius. (Foto: John MACDOUGALL / POOL / AFP)
Bundeskanzler Friedrich Merz (links) unterhält sich am 5. Oktober 2026 auf der Terrasse des Bundeskanzleramts in Berlin mit dem litauischen Ministerpräsidenten Mindaugas Sinkevicius. (Foto: John MACDOUGALL / POOL / AFP)

In seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises von Münster an die Nato attackierte Bundeskanzler Friedrich Merz Russland scharf. Er warf der russischen Regierung vor, imperiale Ziele zu verfolgen und die europäische Friedensordnung zerstören zu wollen Der Ökonom und Spitzendiplomat Jeffrey Sachs hält die westliche Kampf-Rhetorik für deplatziert und sieht Europa näher an einer Eskalation. Er fragt im Interview mit World News Monitor, ob Merz wirklich einen Krieg Deutschlands gegen Russland wolle.

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Wie sehen Sie die Rede von Bundeskanzler Merz bei der Verleihung des Friedenspreises an die Nato?

Die gesamte Rhetorik von Merz ist darauf angelegt, Russland als einen unprovozierten, bösen Aggressor und den Westen als ein reines und unschuldiges Opfer darzustellen. Dieses falsche Narrativ führt zur Eskalation, nicht zum Frieden. Der Krieg hat eine Ursache: den von den Vereinigten Staaten angeführten und seit den 1990er-Jahren von Deutschland unterstützten Plan, die Nato bis an Russlands Grenzen zu erweitern. Merz spricht nie über diese Ursache, und er geht auch nie in einer Weise auf sie ein, die den Krieg beenden könnte. Ebenso sagt er nie, dass Deutschland seine Unterstützung für eine letztendliche Mitgliedschaft der Ukraine in der Nato aufgeben würde. Noch am 3. Juni 2026 erklärte Nato-Generalsekretär Mark Rutte in Kyjiw, es gebe einen „unumkehrbaren Weg der Ukraine in die Nato“. Wer also will Frieden, und wer will Krieg?

Kann die Rede als eine besondere Form der Abschreckung gegenüber Russland gesehen werden?

Merz sagte in Münster, dass Russland nur die Sprache der Stärke verstehe. Doch darin, der Ukraine eine Nato-Erweiterung zuzusagen, liegt keine Abschreckung, sondern nur Eskalation.

Wie sehen Sie die jüngsten Drohungen Russlands mit einem nuklearen Schlag, sogar mit einem präventiven?

Russland hat klar gesagt, dass es alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen wird, wenn die Nato versucht, Kaliningrad abzuschneiden oder anzugreifen. Es übermittelte dies Ende September in einer diplomatischen Note an die Nato, und Präsident Putin wiederholte es am 1. Oktober beim Valdai-Forum. Beunruhigenderweise haben westliche Vertreter offen davon gesprochen, Kaliningrad auszuschalten. Im Juli 2025 sagte General Christopher Donahue, Kommandeur der U.S. Army Europe and Africa, dass die Nato Kaliningrad nun schneller als je zuvor „vom Boden aus ausschalten“ könne. Im Mai 2026 sagte der litauische Außenminister Kęstutis Budrys, dass die Nato über die Mittel verfüge, falls nötig, die russischen Luftverteidigungs- und Raketenbasen dort dem Erdboden gleichzumachen. Im August 2026 konzentrierte die Nato ein großes Luftstreitkräftepaket, darunter Flugzeuge für elektronische Kampfführung, bei Übungen direkt neben Kaliningrad. Ist Merz sich all dessen bewusst? Billigt er es? Strebt er aktiv einen deutschen Krieg mit Russland an? Wir wissen es nicht.

Glauben Sie, dass die derzeitige Rhetorik von Merz Russland stärker in die Enge oder an den Verhandlungstisch drängt?

Merz’ Rhetorik ist erschreckend fehlgeleitet, und das deutsche Volk weiß das. Merz sagt unaufhörlich, dass Deutschland an der Seite der Ukraine steht, aber er sagt nichts darüber, die Nato-Erweiterung zu beenden, nichts über unteilbare Sicherheit in Europa und nichts über irgendeinen Weg zur Deeskalation. Er bietet überhaupt keine Diplomatie an.

Bedeutet die Ankündigung, dass Deutschland der Ukraine mit Langstreckendrohnen helfen wird, eine stärkere deutsche Beteiligung am Krieg?

Ja. In Kyjiw kündigte Merz am 4. Oktober ein neues Paket von rund 1 Milliarde Euro an und sagte, dass Deutschland „Langstreckenwaffen, Kampfdrohnen und Satellitentechnologie [liefert], damit die Ukraine auch russische Abschussvorrichtungen treffen kann“. Jeder solche Schritt vertieft Deutschlands direkte Beteiligung am Krieg. Deutschland scheint jeden Sinn für Diplomatie verloren zu haben und verfolgt nur Aufrüstung.

Kommen wir einer Eskalation näher?

Ja, tragischerweise und unnötigerweise. Es ist an der Zeit, dass Deutschland sich auf echte Diplomatie einlässt und die gefährliche Verpflichtung zur Nato-Erweiterung beendet, die an der Wurzel dieser Krise liegt. Deutschland schuldet dies der Welt. Die deutsche Wiedervereinigung beruhte ausdrücklich auf der Zusicherung, dass die Nato sich nicht nach Osten erweitern würde. Merz sollte aus der Geschichte lernen.

Die Fragen stellte Michael Maier.

Kommende Woche erscheint im Westend-Verlag das neue Buch von Jeffery Sachs, Europas strategischer Irrtum – Warum die anti-russische Haltung selbstzerstörerisch ist.

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