Hochrangige Diplomaten aus dem Nahen Osten warnen vor einer neuen schweren Eskalation des Krieges zwischen den USA und Iran. Eine weitere Runde der Kämpfe könnte nach ihrer Einschätzung noch zerstörerischer ausfallen als bisher und erneut Energieanlagen, Verkehrswege und zivile Infrastruktur im gesamten Golf treffen. Der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty warnte beim Manama Dialogue in Bahrain, eine zweite Runde werde „gefährlicher und zerstörerischer“ sein. Auch Vertreter der Vereinigten Arabischen Emirate drängen auf Diplomatie und warnen vor den Folgen einer erneuten militärischen Eskalation, wie die Associated Press berichtet.
Energiemärkte fürchten neue Schockwelle
Besonders groß ist die Sorge vor den Folgen für die globale Energieversorgung. Iran könnte im Fall neuer amerikanisch-israelischer Angriffe erneut Ziele in den öl- und gasreichen Golfstaaten sowie wichtige Schifffahrtsrouten ins Visier nehmen. Im Zentrum steht die Straße von Hormus. Über die Meerenge läuft ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels. Schon eine längere Behinderung des Verkehrs könnte Lieferketten unterbrechen und die Preise für Öl und Gas deutlich steigen lassen.
Die Nervosität ist an den Märkten bereits sichtbar. Der europäische Referenzpreis für Erdgas stieg Ende Oktober zeitweise auf mehr als 100 Euro je Megawattstunde. Nach Angaben der Financial Times verteuerte sich der Kontrakt allein im Oktober um 39 Prozent. Händler reagieren vor allem auf die Sorge, dass eine neue Eskalation Flüssiggasexporte aus Katar und anderen Staaten der Region beeinträchtigen könnte.
Wie empfindlich die Lage ist, zeigt auch Katar. Nach Angaben der Associated Press wurde zuletzt ein LNG-Tanker des katarischen Unternehmens Nakilat im Persischen Golf durch bislang nicht näher identifizierte Objekte beschädigt. Verletzte oder Umweltschäden wurden demnach nicht gemeldet. Der Vorfall unterstreicht jedoch, wie schnell militärische Spannungen die für den Energiehandel wichtigen Seewege erfassen können.
Ein schwererer Krieg könnte diesen Druck erheblich verschärfen. Angriffe auf Öl- und Gasanlagen, Häfen, Tanker oder Pipelines könnten das Angebot verknappen. Eine erneute Störung der Straße von Hormus würde besonders Europa und Asien treffen, die stark auf Energieimporte aus der Golfregion angewiesen sind.
Golfstaaten bereiten sich auf Eskalation vor
Wie angespannt die Sicherheitslage bereits ist, zeigt Saudi-Arabien. Nach Angaben der Saudi Gazette fing die saudische Luftabwehr am Freitag und Samstag zwei Raketen und drei Drohnen der Huthi-Miliz ab. Die Geschosse zielten demnach unter anderem auf Riad sowie auf die Regionen Mekka und Medina. Bereits zuvor waren Raketen in Richtung Riad und der ölreichen Ostprovinz abgefangen worden.
Am Sonntag meldete die saudisch geführte Koalition weitere Angriffe. Eine ballistische Rakete und eine Drohne seien in Richtung der südlichen Region des Königreichs abgefeuert und zerstört worden, berichtete die Saudi Gazette. Die fortgesetzten Angriffe erhöhen auch die Sorge um kritische Energieinfrastruktur. In der Ostprovinz liegen große Teile der saudischen Öl- und Gasreserven.
Katar versucht unterdessen, eine neue Eskalation zwischen Washington und Teheran zu verhindern. Iranische Unterhändler halten sich nach Angaben der Associated Press in Doha auf und sprechen dort mit Vermittlern über eine mögliche Verständigung. Dabei geht es unter anderem um die Wiederöffnung der Straße von Hormus. Direkte Gespräche zwischen den USA und Iran gibt es nach iranischen Angaben derzeit nicht.
Auch andere Staaten der Region bemühen sich um eine diplomatische Lösung. Delegationen aus Saudi-Arabien, Pakistan und der Türkei trafen Ende Oktober iranische Regierungsvertreter in Teheran. Ziel der Gespräche war nach Angaben der Associated Press, eine erneute Ausweitung der Kämpfe zu verhindern. Die Beteiligten vereinbarten, ihre Gespräche über regionale Sicherheit fortzusetzen.
In Iran und den Golfstaaten besteht dennoch die Sorge, dass die USA und Israel nach der US-Zwischenwahl eine neue intensive Phase der Angriffe beginnen könnten. Als mögliche Ziele gelten iranische Atom- und Raketenanlagen sowie Energie- und andere Infrastruktur. Eine Entscheidung über eine solche neue Angriffswelle ist bislang jedoch nicht öffentlich bestätigt.
Iran hat angekündigt, sich gegen weitere Angriffe zu verteidigen. Sollte eine neue militärische Runde auch Öl- und Gasanlagen, Flughäfen, Häfen oder Entsalzungsanlagen erfassen, wären die Folgen nicht auf den Nahen Osten begrenzt.
