Aleksandar Vučić hat am Sonntagabend die Niederlage seines Bündnisses bei der vorgezogenen Parlamentswahl eingeräumt. „Es ist klar, dass wir diese Wahlen verloren haben“, sagte er in der Parteizentrale der Serbischen Fortschrittspartei SNS. Die Studentenliste habe gewonnen, berichtete RTS.
Nach einer Projektion von Ipsos und CeSID auf Grundlage von 80,8 Prozent der Stichprobe erreichte die Studentenliste 52,7 Prozent der Stimmen und 140 der 250 Mandate. Vučićs Liste „Ujedinjena Srbija“ kam auf 38,9 Prozent und 104 Mandate. Die amtlichen Endergebnisse standen zunächst aus, wie RTS berichtete.
Laut Wahlkommission verzeichnete die Wahl die höchste Wahlbeteiligung seit über 30 Jahren und markierte den Höhepunkt fast zweijähriger, von Studierenden angeführter Proteste. Auslöser war der Einsturz eines Bahnsteigdachs am Bahnhof Novi Sad im Jahr 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen – eine Tragödie, für die weithin Korruption verantwortlich gemacht wird.
Studenten feiern den Wahlsieg
Im Hauptquartier der Studentenliste und in mehreren serbischen Städten wurde der Wahlsieg gefeiert. Die Studentenbewegung entstand nach dem Unglück von Novi Sad. Danach begannen Proteste und studentische Blockaden mit Forderungen nach Aufklärung und strafrechtlicher Verantwortung. Die Bewegung ist dezentral organisiert.
An erster Stelle der Studentenliste steht Ilija Srdanović, Kardiolog und Professor an der Medizinischen Fakultät in Novi Sad. Auf die Frage, ob er selbst für das Amt des Ministerpräsidenten vorgesehen sei, sagte Srdanović vor der Wahl, die Liste habe für alle Regierungspositionen mehr als einen Kandidaten.
Vučić war am 27. September als Staatspräsident zurückgetreten, um als Bürger an der Parlamentswahl teilzunehmen.
Vučić wirft dem Ausland Einmischung vor
Vučić machte nach seiner Niederlage mehrere europäische Staaten und einen von ihm so bezeichneten amerikanischen „Deep State“ für die politische Entwicklung verantwortlich. Belege für diese Behauptung nannte er nicht. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos gratulierte der Studentenliste zum Wahlsieg. Für Serbien könne ein neues Kapitel beginnen, erklärte sie; die Türen der Europäischen Union seien offen. Eine offizielle Reaktion der US-Regierung auf den Wahlausgang lag zunächst nicht vor. Auch vom Kreml war zunächst keine offizielle Reaktion bekannt. Vor der Wahl hatte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärt, Russland verfolge die Lage in Serbien aufmerksam und wolle die Zusammenarbeit mit Belgrad fortsetzen.
China, Russland und die EU
China hat seine wirtschaftliche Präsenz in Serbien in den vergangenen Jahren ausgebaut. Seit Juli 2024 gilt zwischen beiden Ländern ein Freihandelsabkommen. Im Mai 2026 wurden mit chinesischen Unternehmen neue Investitionsprojekte im Umfang von mehr als 953 Millionen Euro vereinbart.
Serbien bezieht weiterhin Gas aus Russland. Der Liefervertrag mit Gazprom wurde 2026 neu verhandelt; zugleich wird der unterirdische Gasspeicher Banatski Dvor von 450 auf 750 Millionen Kubikmeter erweitert. Die serbische Regierung bezeichnet die Zusammenarbeit mit Russland als Bestandteil der langfristigen Energieversorgung. Beim Ölkonzern NIS liefen 2026 Verhandlungen über den Verkauf des von Gazprom Neft gehaltenen Anteils von 56,15 Prozent an den ungarischen MOL-Konzern. Hintergrund waren die US-Sanktionen gegen NIS.
Zuletzt hatte die serbische Regierung versucht, den EU-Beitrittsprozess zu beschleunigen. Ziel war, bis Ende 2027 alle Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft zu erfüllen. Fortschritte blieben jedoch begrenzt; unter anderem wurde das nächste Verhandlungspaket, Cluster 3, nicht geöffnet. Die EU hatte weitere Reformen bei Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit und Wahlrecht verlangt.
