Wolfgang Richter, früherer Generalstabsoffizier der Bundeswehr und Planungsstabsoffizier bei der Nato, sagt im Interview mit World News Monitor: Russland ist mit dem Ukraine-Krieg extrem gefordert. Die russischen Streitkräfte können nur mit großer Anstrengung leichte Fortschritte erzielen und wären aktuell nicht in der Lage, eine zweite Front zu eröffnen. Richter hält es daher für völlig unrealistisch, dass Russland das stärkste Militärbündnis der Welt, die Nato, angreifen könnte. Er warnt vor Alarmismus, wie etwa bei der Drohne von Leipzig. Er hält es für extrem wichtig, jetzt mit Russland ins Gespräch zu kommen: In der aktuell aufgeheizten Situation könne jederzeit ein Irrtum, ein Missverständnis oder ein Fehler geschehen, was zu einer unvorhergesehenen und möglicherweise unkontrollierten Eskalation führen könnte.
Wie schätzen Sie aktuell die Lage an der Front ein?
An der Front müssen wir davon ausgehen, dass Russland mittlerweile etwa 700.000 Mann stationiert hat, die im Kampf sind, hohe Verluste haben, aber immer wieder durch Freiwillige ersetzt werden. Eine weitere Mobilisierung nach der Teilmobilisierung vom September 2022 hat es nicht gegeben. Der Staatshaushalt wird allerdings durch die großen Ausgaben für die Freiwilligenwerbung erheblich belastet. Als Beispiel: Russland zahlt bis zu umgerechnet 120.000 Euro, um die Schulden von Freiwilligen zu übernehmen. Das kommt noch zusätzlich zum Sold.
Man kann meiner Einschätzung nach davon ausgehen, dass die Zahl der gefallenen Russen nach fast fünf Jahren Krieg die 300.000-Marke überschritten hat. Aber auch auf ukrainischer Seite haben wir eine erhebliche Verlustrate, die manchmal unterschätzt wird. Wenn man alles zusammenrechnet, dürfte es bei der Ukraine zwischen 160.000 und 180.000, vielleicht sogar bei 200.000 liegen.
Die Anzahl der Verwundeten ist in der Regel dreimal so hoch wie die Anzahl der Gefallenen. Daraus ergibt sich das gesamte Bild. Nun kann man sagen, die Ukrainer haben etwas weniger Verluste. Das ist auch normal für den Verteidiger, der in günstigeren Positionen ist als der Angreifer, der sich exponiert. Gleichwohl ist die Personallage der Ukraine sehr dünn.
Sie sagten, Russland habe etwa 700.000 Mann stationiert. Kämpfen diese Soldaten dort, oder sind sie eingegraben?
Das sind im Wesentlichen Landstreitkräfte, die in der Ukraine operieren. Ein Teil ist tatsächlich an der Front eingegraben oder in Frontoperationen tätig. Ein Teil steht dahinter, wie das üblich ist, um die Logistik, die Aufklärung oder die Flugabwehr zu regeln. Das ist die Truppe, die aufgrund der Kämpfe in der Ukraine gebunden ist, und das ist ein großer Teil der insgesamt etwa 1,3 Millionen Mann umfassenden russischen Streitkräfte.
Kämpfen sie dort, oder halten sie das Gebiet besetzt?
Sie kämpfen einerseits unmittelbar an der Front. Zur Front gehört aber immer auch eine gewisse Tiefe mit Logistik, Fernmeldetruppen, Führungstruppen und Flugabwehr im Hinterland. Diese Kräfte gehören zu der Stärke, die letztlich an der Front gebunden ist. Man muss die Logistik regeln, die Munition, Betriebsstoff und Nahrungsmittel an die Front bringt.
Natürlich gehört auch die Besetzung als solche dazu: Militärpolizei, die aufpasst, Spione aufzuspüren versucht oder Attentate verhindern soll. Im Grunde ist das das Gegenstück zu dem, was der HUR macht, der ukrainische Militärgeheimdienst. Das alles insgesamt ist die Besatzungsstärke plus ein Teil der Frontstärke.
Außerdem muss man dazurechnen, dass ein großer Teil der Raketen- und Luftwaffenangriffe aus Russland selbst erfolgt. Diese Truppen und Kräfte muss man ebenfalls berücksichtigen. Wenn man das alles einberechnet, muss man davon ausgehen, dass bis zu einer Million Mann durch diesen Krieg gebunden sind.
Das heißt, die russische Armee ist ziemlich geschwächt. Wenn irgendwo anders etwas passiert, haben die Russen ein Problem?
Dann haben sie in der Tat ein Problem. Das ist eines meiner Argumente: Wenn man eine solche Lage hat, kann man nicht davon ausgehen, dass die Russen eine zweite Front eröffnen, und dann noch ausgerechnet gegen das stärkste Militärbündnis dieser Erde, gegen die Nato. Es kursieren ja sogar Jahresangaben, wann die Russen die Nato angreifen werden, 2029 oder 2030. Das ist aus meiner Sicht völlig unrealistisch.
Selbst wenn es überraschend zu einem Waffenstillstand käme, bleibt ein Großteil der russischen Truppen gebunden. Die würden nicht sofort alle frei. Wir müssen davon ausgehen, dass die Ukraine ohne Gebietsverlust aus diesem Krieg nicht hervorgehen wird. Ob sie das anerkennt, ist eine andere Frage, aber es ist de facto so.

Das würde bedeuten, dass Russland für lange Zeit aufpassen muss, dass die Ukraine nicht einen Revisionskrieg führt, um verlorene Gebiete zurückzuholen, wenn Russland dort eine Schwächephase zeigt. Das müsste eigentlich die logische Beurteilung im russischen Generalstab sein. Deswegen werden sie es nicht schaffen, trotz eines Waffenstillstands die Truppen einfach abzuziehen. Jedenfalls nicht die Masse. Einen Teil sicher, aber nicht die Masse.
Mit anderen Worten: Sie haben nicht genug, um eine neue Front zu eröffnen. Das wäre ein Fiasko, ein Abenteuer. Selbst wenn man rein theoretisch alle russischen Truppen zusammenrechnet, wäre die europäische NATO immer noch überlegen, auch ohne die Amerikaner. Ich habe entsprechende Berechnungen gemacht und halte russische Angriffs-Szenarien daher für abenteuerlich.
Das heißt nicht, dass man nicht dennoch zur Abschreckung bereit sein muss, damit diese Beurteilung auch so bleibt. Man kann sich im Moment sicherlich keine Fehler erlauben. Aber man sollte das Ganze nicht so dramatisieren, dass wir ab 2029 im Krieg sind.
Von insgesamt 1,3 Millionen Angehörigen der russischen Streitkräfte ist also eine Million im weitesten Sinne durch den Krieg in der Ukraine gebunden?
Ja. Das heißt nicht, dass sie alle in der Ukraine stehen. Dazu gehören Luftstreitkräfte, Marinekräfte und Raketenkräfte, die sich aus Russland heraus an diesem Krieg beteiligen. Deshalb habe ich unterschieden zwischen den etwa 700.000 Mann, in der Regel Landstreitkräften, die in der Ukraine stehen, und dem Rest, der das vom russischen Territorium aus unterstützt. So komme ich auf die Gesamtzahl. Ich glaube, dass diese Schätzungen sehr nah an der Realität sind. Daran lässt sich erkennen, wie groß die materiellen Verluste Russlands sind und welche großen Schwierigkeiten sie haben, diese zu ersetzen.
In den vergangenen Monaten war immer wieder die Rede davon, dass die Ukraine mehr Soldaten braucht.
Bei der Ukraine hat sich die Grundvoraussetzung verändert. Am Anfang gab es eine gewisse Kriegsbegeisterung. Jetzt müssen die Leute schon mit Gewalt geholt werden. Außerdem sind ganz viele geflohen. Ein Großteil der ukrainischen Flüchtlinge ist übrigens nach Russland gegangen. Aber es sind etwa 600.000 Männer im wehrfähigen Alter nach Europa geflohen. Mittlerweile gibt es ja Gespräche mit den europäischen Regierungen, diese Männer wieder zurückzuführen.
Blutet die Ukraine aus?
Ja. Warum erscheint die Front im Moment dennoch relativ stabil, auch wenn es taktisch immer wieder Bewegungen gibt, einzelne kleinere Vorstöße auf beiden Seiten?
Das liegt daran, dass der Drohnenkrieg größere mechanisierte Bewegungen zum Stillstand gebracht hat. Die Dauerpräsenz von Aufklärungsdrohnen bedeutet: Man sieht sofort alles, was sich bewegt, und kann dann mit Angriffsdrohnen diese Bewegungen unterbinden, also sehr schwere Verluste erzeugen.
Das tun mittlerweile beide Seiten. Sie haben sich in den technischen Entwicklungen angeglichen. Am Anfang hatten die Ukrainer die Nase vorn. Das bedeutet aber auch: Solange es auf Seiten der Russen keine umfassende Drohnenabwehr gibt, die mechanisierte Bewegungen wieder ermöglicht, kann die Ukraine die Front trotz ihrer Personalnot halten.
Wenn die Front praktisch starr ist, liegt es dann nicht nahe, tief ins Hinterland anzugreifen, wie Russland und die Ukraine das bereits tun?
Das haben wir ja. Die russischen Angriffe auf die Ukraine haben dort erhebliche Schäden hervorgerufen, auch bei der Energie und bei der Rüstung. Da ergibt sich die Frage: Wie lange hält der Westen durch, die Ukraine am Leben zu erhalten? Die Angriffe der Ukraine tief in Russland, die schmerzen die Russen zwar, aber sie können nichts grundsätzlich am Kriegsverlauf ändern.
Die finanzielle Lage der Ukraine ist schwierig. Aus eigener Kraft wird sie das nicht durchhalten. Das hängt an der Europäischen Union und denjenigen, die sie unterstützen. Die USA geben nichts mehr. Sie verkaufen ihre Waffen an die Europäer. Die dürfen diese dann an die Ukraine weitergeben. Die Amerikaner selbst unter Trump liefern jedenfalls nichts direkt an die Ukraine. Sie lassen sich dafür bezahlen.
Kann man sagen, dass die Amerikaner aus dem Krieg aussteigen oder bereits ausgestiegen sind? Oder ist das nur an der Oberfläche so?
Was die finanzielle und direkte Waffenunterstützung betrifft, sind sie eigentlich ausgestiegen. Sie erlauben aber, dass die Europäer kaufen und dann weitergeben.
Das Problem liegt auch an anderen Dingen, zum Beispiel am Iran-Krieg. Die Amerikaner und ihre Verbündeten am Golf haben sich weitgehend verschossen. Das betrifft vor allem zwei Systeme: die Tomahawk, die die Amerikaner am meisten verschossen haben, und die Patriot-Abwehrraketen. Das ist der wirkliche Engpass auch für die Ukraine.
Die Golfstaaten in erster Linie, aber auch die Amerikaner selbst haben so viele Patriot-Raketen verschossen, dass das die Jahresproduktion in den USA um das Doppelte übersteigt. Das bedeutet, dass ein Engpass entstanden ist, dass im Moment nicht geliefert werden kann, weil das Pentagon sagt: Jetzt müssen wir erst einmal unsere eigenen Vorräte wieder aufstocken.
Das geschieht derzeit. Man will auch die Industriekapazität erhöhen und erweitern. Aber das dauert Zeit. Zurzeit gibt es einen echten Engpass, auch wenn jetzt gesagt wurde: Wir sind grundsätzlich bereit, den Europäern wieder 600 Patriot-Flugabwehrraketen zu liefern, damit sie diese an die Ukraine weitergeben.
Das wird sich allerdings erst in ein, zwei oder drei Jahren auswirken. Niemand weiß, wie schnell das mit der Industrieproduktion geht. Mehrere Staaten stehen in der Warteschlange und warten darauf, dass Patriots wieder freigegeben werden. Auch die Europäer, auch Deutschland beispielsweise, wollen nachbestellen.
Sie müssen sich entscheiden: Womit wird der eigene Bestand aufgefüllt, der für die Verteidigung benötigt wird? Und was geben wir an die Ukraine weiter? De facto ist es so: Derzeit kann nicht geliefert werden.
Das spricht aber gegen die These, dass sich die USA vollkommen aus dem Krieg herausgezogen haben?
Sie wollen das Bündnis nicht verlieren, das ist richtig. Aber sie wollen den Großteil der Arbeit den Europäern überlassen, vor allem die konventionelle Verteidigung, bleiben aber mit einigen strategischen Fähigkeiten dabei. Das gilt für die nukleare Teilhabe, für die Informationsbereitstellung durch Satellitenaufklärung und für die Raketenabwehr. An diesen Dingen arbeiten auch die Europäer. Aber es wird noch einige Zeit dauern, bis man vergleichbare Fähigkeiten aufgebaut hat.
Im Übrigen wollen die Amerikaner Russland nicht provozieren. Dazu gehört die Entscheidung Trumps, keine Mittelstreckenraketen in Deutschland zu stationieren, wie das zwischen dem damaligen Bundeskanzler Scholz und dem vorherigen Präsidenten Biden vereinbart worden war. Das hat Trump abgesagt. In Wiesbaden besteht aber weiterhin die 2. Multi-Domain Task Force der US-Armee mit einer geteilten Stationierung. Einige Kräfte sind in Deutschland, aber die Mittelstreckenraketen, die strukturell dazugehören, sind im Staat New York stationiert.
Das zeigt auch die derzeitige amerikanische Linie: Die USA scheinen weiterhin Aufklärungs- und Zielinformationen an die Ukraine weiterzugeben, sie werden aber immer wieder eingeschränkt. Denken wir an Starlink, deren Wirksamkeit und Geschwindigkeit Musk eingeschränkt hat, auch wenn er später behauptet hat, er hätte sie nicht vorgenommen. Offenbar sind zumindest Informationen verlangsamt worden, sodass einige Drohnenangriffe der Ukraine fehlgeschlagen sind. Jedenfalls sind die USA nicht mehr voll dabei. Ihnen ist dieser Krieg lästig. Sie wollen ihn eigentlich beenden.
Die nukleare Balance ist eine Sache, die für die USA – auch mit Blick auf China – weitaus wichtiger ist. Sie wird auf einem anderen Forum diskutiert, nämlich bilateral zwischen Amerikanern und Russen bei den sogenannten Strategic Stability Talks, die im Moment nur informell laufen. Aber sie laufen, und das ist das Entscheidende. Die USA wollen, dass die strategische Stabilität, vor allem bei Nuklearwaffen, erhalten bleibt, dass dabei in Zukunft aber auch die Atomwaffen Chinas berücksichtigt werden.
Dazu gehören auch territoriale Aspekte. Das wissen wir seit Kuba: Wenn man einem Land, mit dem man eine interkontinentale Balance vereinbart hat, geografisch zu nahekommt, kann man diese Balance unterlaufen, indem man Kurzstrecken- und Mittelstreckenwaffen stationiert. Um das zu verhindern, war Kennedy bei der Kuba-Krise bereit, einen Krieg zu riskieren. Dann haben sich die USA und die Sowjetunion darauf geeinigt, solche Waffen zurückzuziehen. Auch die Amerikaner haben ihre Mittelstreckenraketen letztlich aus der Türkei und Italien abgezogen.
Heute fühlen sich die Russen wieder in einem solchen Kuba-Moment. Sie sagen: Ihr kommt uns zu nahe. Damit kommen wir zu der Frage, die wir seit 30 Jahren mit den Russen diskutieren: Wie nah darf die Nato an Russland heranrücken, und was ist mit der Präsenz westlicher Truppen an den russischen Grenzen? Das sind entscheidende Fragen, die der Westen auch jetzt wieder mit Russland diskutieren muss.
Wie beurteilen Sie den Versuch von Stubb und Støre, einen Kommunikationskanal mit dem Kreml aufzumachen?
Generell beobachte ich, dass die Skandinavier möglicherweise etwas offener an diese Frage herangehen. Sie sind ja noch immer über den Arktis-Rat im Kontakt mit Russland, kennen Russland von daher besser und haben regelmäßige Kommunikationskanäle, während die anderen Europäer das eher nicht haben. Stubb hat sich deutlich geäußert: Wir brauchen diesen diplomatischen Kanal zu Russland, wir müssen auch wieder reden, trotz unserer Kritik am Angriffskrieg gegen die Ukraine. Das ist richtig, aber das ist noch nicht die Mehrheitsmeinung der EU und der mit ihr verbündeten Staaten wie Großbritannien.
Was würden Sie Bundeskanzler Merz konkret empfehlen?
Wir sehen eine Zunahme von militärischen und hybriden Zwischenfällen in vielen Bereichen. Es gibt eine schleichende Verschlechterung der Sicherheitssituation und die Gefahr von Destabilisierung und Eskalation, wenn einmal ein größerer Schadensfall eintritt. Ich erinnere an die verschiedenen Sabotageakte in Nato-Ländern, aber auch in der Ostsee, etwa an den Nord Stream-Leitungen. Dazu kommen Nahbegegnungen von Flugzeugen, Drohnenzwischenfälle und Cyberangriffe.
Ich beobachte auch die vermeintlichen Luftzwischenfälle, die es in der Regel zwar nicht sind, aber als solche wahrgenommen werden. Die meisten sogenannten Abfangoperationen der Nato, aber auch Russlands, finden im internationalen Luftraum statt. Es handelt sich dabei um die sogenannte Air Defense Identification Zone, in der die Luftraumüberwachung der Nato aufklärt, wer vor den eigenen Küsten fliegt.
Dort eskortiert man eher, fängt aber nicht wirklich ab. Vielmehr werden russische Flieger begleitet, die dort durchfliegen dürfen, weil es sich um internationale Lufträume handelt. Gleichwohl wird das in den Medien häufig als besonderes Ereignis, oder sogar als Angriffsakt dargestellt, wenn eine solche Abfangoperation stattfindet. Tatsächlich finden sie täglich statt. Es gibt Nahbegegnungen, und natürlich kann dabei etwas passieren. Wenn solche Unfälle aus dem Ruder laufen, kann daraus eine Eskalation entstehen.
Ein anderer Punkt sind die verschiedenen Drohnenzwischenfälle. Da gibt es teilweise ein alarmistisches Überziehen in der Bewertung. Wenn Fotodrohnen über deutschen Flughäfen erscheinen, werden sie meistens von Leuten gelenkt, die früher am Zaun standen und Starts und Landungen fotografiert haben. Jetzt hat man bessere Mittel und nutzt Drohnen. Das sollte man nicht mit Aufklärungsoperationen verwechseln. Das ergibt wenig Sinn. Seit Jahrzehnten landen und starten dort Tausende von Flugzeugen mit Millionen von Passagieren. Die Flughäfen sind längst kartographiert; es existieren gestochen scharfe Satellitenbilder im Internet. Da gibt es nichts mehr aufzuklären.
Anders ist es bei Drohnen, die im baltischen Luftraum abgeschossen werden oder in Polen landen. Das Interessante ist, dass das meistens ukrainische Drohnen sind. Es stellt sich die Frage: Sind sie aufgrund elektronischer Gegenmaßnahmen wie Jamming und Spoofing abgelenkt worden? Oder sind es Drohnen, die absichtlich diesen Luftraum nutzen, um russische Flugabwehr zu umgehen? Das ist der Vorwurf der Russen.
Immerhin sind zwei- oder dreimal Drohnen über dem baltischen Luftraum von Nato-Fliegern abgeschossen worden. Das sind Dinge, die man aufklären muss, da sie eskalatorisch wirken können. Man könnte weitergehen und über Sabotageakte, Zugriffe auf die sogenannte „russische Schattenflotte“ oder Cyberangriffe sprechen. Ich nehme an, dass es solche Angriffe auf beiden Seiten gibt.
Viele nennen das einen „hybriden Krieg“. Ich mag diesen Begriff nicht, weil er die klaren Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischt. Wir haben jedenfalls eine Situation, in der offenbar beide Seiten bereit sind, höhere Risiken in Kauf zu nehmen. Das kann aus dem Ruder laufen und ist daher besorgniserregend.
Was wären die Prioritäten in Gesprächen mit den Russen?
Neben der Beendigung des Ukrainekrieges hat für mich die Risikoreduzierung Priorität. Darüber müsste man wirklich mit den Russen reden. Zweitens müsste man wieder militärische Stabilität und Berechenbarkeit herstellen. Dafür gibt es eine Reihe von Instrumenten, die man aufpolieren und vielleicht an die neue Lage anpassen muss, die aber im Prinzip vorhanden sind, etwa das Wiener Dokument. Wir müssen wieder über stabilisierende Maßnahmen reden, wie sie nötig waren, bevor die Wende von 1990 möglich wurde. Die Charta von Paris für ein Neues Europa war erst möglich, nachdem man sich über Sicherheitsfragen geeinigt hatte. Die Grundlagen dafür waren der INF-Vertrag über das Verbot von Mittelstreckenraketen, der KSE-Vertrag über das konventionelle Gleichgewicht in Europa und die Vertrauensbildung über das Wiener Dokument. Später kam der Vertrag über den Offene Himmel hinzu.
Darüber könnte man sich einigen. Das bedeutet nicht, dass man deswegen die kritische politische Linie gegenüber der Aggression gegen die Ukraine verlässt. Aber wir müssen auch im Interesse unserer eigenen Sicherheitsinteressen mit Russland verhandeln. Es kann nicht sein, dass die Amerikaner wegen ihres Interesses an strategischer Stabilität mit den Russen sprechen und wir es nicht tun.
Selbst eine Konfrontation bedarf stabilisierender Maßnahmen, damit sie nicht aus dem Ruder läuft. Das ist etwas, was die NATO im Harmel-Bericht von 1967 erkannt und in die eigene Politik aufgenommen hat, was aber jetzt weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Daraus sind am Ende Rüstungskontrolle und Entspannungspolitik entstanden. Wir haben diese Instrumente der Rüstungskontrolle verloren. Es kann nicht im Interesse der Sicherheit Europas sein, jahrzehntelang in einer ungeregelten Konfrontation zu leben. Das ist viel zu gefährlich. Wir reden über das Nuklearzeitalter, nicht über das 19. Jahrhundert.
Wenn Sie Kanzlerberater wären, würden Sie sagen: Hier ist das Telefon, rufen Sie Putin an und beginnen Sie, über die Sicherheitsarchitektur zu reden?
Verhandlungen benötigen klare Ziele, eine Agenda, und Verhandlungsstrukturen. Das ist nicht durch ein Telefonat zu ersetzen. Aber informelle, nicht-öffentliche Kontakte könnten die Diplomatie fördern. Man muss fragen: Was können wir tun, um den Krieg zum Stillstand zu bringen? Was können wir tun, um eine Eskalation in Europa zu verhindern und wieder Stabilität und Berechenbarkeit zu erreichen? Beides ist im eigenen Sicherheitsinteresse nötig. Wir können selbstverständlich nicht für Kiew über Territorialverluste reden. Das ist eine souveräne Entscheidung der Ukraine.
Schon zu signalisieren, dass wir bereit sind, auch über schwierige Fragen zu reden, wäre eine wichtige Botschaft: nicht nur über den sofortigen Waffenstillstand, sondern auch über die Bedingungen, die ihn einrahmen müssen. Die Europäer haben unter Führung Macrons die Bereitschaft gezeigt, westliche Truppen in der Ukraine zu stationieren. Das ist ein rotes Tuch für die Russen. Wenn man sagt, der NATO-Beitritt steht nicht auf der Agenda, aber auch nicht die Stationierung westlicher Truppen, dann ist das ein Schritt, der Vertrauen bilden und die Verhandlungsbereitschaft Moskaus fördern kann. Dann stellt sich allerdings aus ukrainischer Sicht die Frage: Welche Sicherheitsgarantien kann man geben, die sowohl Kiew als auch Moskau einbinden.
Über die Sicherheitsfragen könnte man also den Waffenstillstand fördern?
Ja, zumindest fördern. Man würde einen anderen Rahmen schaffen, in dem ein Waffenstillstand leichter zu erreichen sein wird. Dies setzt die Erkenntnis voraus, dass es sich nicht nur um einen Territorialkonflikt zwischen Russland und der Ukraine handelt, sondern um geopolitische Zusammenhänge. Und die kann man tatsächlich verhandeln.
Wolfgang Richter ist Oberst a. D. der Bundeswehr und Associate Fellow beim Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP). Der Generalstabsoffizier war Stabschef einer Luftlandebrigade, Planungsstabsoffizier im Nato-Hauptquartier SHAPE und im Bundesverteidigungsministerium sowie nach der Wiedervereinigung Kommandeur eines Bundeswehrverbands, der aus einem motorisierten Schützenregiments der ehemaligen NVA hervorgegangen ist. Von 1999 bis 2004 leitete er die Abteilung für konventionelle Rüstungskontrolle im Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr. Er war militärischer Chefberater der deutschen Vertretungen bei der Genfer Abrüstungskonferenz, den UN-Abrüstungsforen in New York und von 2005 bis 2009 bei der OSZE in Wien. Von 2010 bis 2022 arbeitete er bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Seine Schwerpunkte sind europäische Sicherheit, NATO-Russland-Beziehungen, Rüstungskontrolle und militärische Strategien.
Die Fragen stellte Michael Maier.
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