Krankheit als Luxus: Hat Deutschland bald amerikanische Verhältnisse?

In den USA kann ein Krankenhaus-Aufenthalt zur finanziellen Krise werden. Auch in Deutschland verschieben sich etwas: Mehr Geld geht in Rüstung, weniger in Gesundheit.

RFK ist ein Star, aber die Amerikaner können sich Kranksein nicht mehr leisten. (Foto: ALEX WONG / GETTY IMAGES via AFP)
RFK ist ein Star, aber die Amerikaner können sich Krank-Sein nicht mehr leisten. (Foto: ALEX WONG / GETTY IMAGES via AFP)

Eine aktuelle Recherche der New York Times zeigt, wie groß die finanziellen Probleme im Falle einer Krankheit in den USA mittlerweile ist. Laut einer Untersuchung des Urban Institute hatten Ende 2025 mehr als ein Viertel der Erwachsenen selbst oder innerhalb ihrer Familie medizinische Schulden. Mehr als die Hälfte der Betroffenen schuldete mindestens 1.000 Dollar, etwa jeder Sechste 5.000 Dollar oder mehr.

Besonders häufig entstehen diese Schulden durch Krankenhausbehandlungen. Selbst Menschen mit Krankenversicherung sind davor nicht geschützt, weil Selbstbehalte, Zuzahlungen und nicht gedeckte Leistungen schnell hohe Summen erreichen können.

Deutschland: Fokus ist Rüstung, nicht Gesundheit

In Deutschland ist die Situation noch deutlich anders. Wer gesetzlich versichert ist, bekommt nach einer notwendigen Krankenhausbehandlung normalerweise keine Rechnung über Tausende oder Zehntausende Euro.

Doch der finanzielle Druck auf das Gesundheitssystem wächst – und die Planungen des Bundes zeigen eine auffällige Verschiebung der Prioritäten.

Nach dem Finanzplan des Bundes bis 2030 steigt der Etat des Bundesverteidigungsministeriums von tatsächlich ausgegebenen 59,4 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf geplante 183,7 Milliarden Euro im Jahr 2030. Das ist mehr als eine Verdreifachung. Gleichzeitig soll der Etat des Bundesgesundheitsministeriums von 19,1 Milliarden Euro 2025 auf 14,7 Milliarden Euro im Jahr 2030 sinken – ein Rückgang von rund 23 Prozent. Die Zahlen stehen in der Bundestagsdrucksache 21/7301.

Dabei muss allerdings unterschieden werden: Der Etat des Gesundheitsministeriums entspricht nicht den gesamten Gesundheitsausgaben in Deutschland. Ärzte, Kliniken und Medikamente werden größtenteils über die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen finanziert. Ein sinkender Ministeriumsetat bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Differenz direkt von Patienten bezahlt werden muss.

Trotzdem spart der Bund konkret bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Für 2027 soll der Bundeszuschuss zum Gesundheitsfonds sinken. Der Bundestag weist darauf hin, dass der Gesundheitsetat auch deshalb deutlich schrumpft.

Gleichzeitig werden Versicherte stärker an den Kosten beteiligt. Mit dem bereits beschlossenen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz steigen die gesetzlichen Zuzahlungen ab 2027 um 50 Prozent. Auch die Zuschüsse der Krankenkassen beim Zahnersatz werden reduziert. Die bisherigen Belastungsgrenzen von grundsätzlich zwei Prozent des Haushaltseinkommens und einem Prozent für chronisch Kranke bleiben bestehen.

In Deutschland schützt die Krankenversicherung

Trotz dieser Entwicklung bleibt der Unterschied zu den USA erheblich. Wer gesetzlich versichert ist, bekommt nach einem Krankenhausaufenthalt normalerweise keine Rechnung über Zehntausende Euro. Den größten Teil der medizinisch notwendigen Behandlung übernimmt die Krankenkasse.

Trotzdem kann Krankheit auch hier teuer werden.

Patienten müssen für Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Zahnersatz oder bestimmte Leistungen selbst zuzahlen. Besonders teuer können Zahnersatz, Pflege und Behandlungen werden, die von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht oder nur teilweise übernommen werden.

Geringes Einkommen, höhere Belastung

Wie stark solche Kosten belasten, hängt auch vom Einkommen ab. Eine Untersuchung der WHO zur finanziellen Absicherung im deutschen Gesundheitssystem kommt zu dem Ergebnis, dass besonders Haushalte mit geringem Einkommen und Menschen, die überwiegend von Sozialleistungen leben, von Gesundheitsausgaben stark betroffen sein können. Finanzielle Probleme entstehen dabei vor allem durch Kosten für Medikamente und Zahnbehandlungen.

Belastungsgrenzen sollen schützen

Das deutsche System schützt Menschen mit wenig Einkommen allerdings deutlich stärker als das amerikanische. Für viele gesetzliche Zuzahlungen gilt eine Belastungsgrenze. Versicherte müssen grundsätzlich höchstens zwei Prozent ihrer jährlichen Bruttoeinnahmen dafür aufbringen. Für schwer chronisch Kranke liegt die Grenze bei einem Prozent.

Auch beim Zahnersatz gibt es Härtefallregeln. Menschen mit niedrigem Einkommen können einen höheren Zuschuss erhalten und im Härtefall die medizinisch notwendige Regelversorgung ohne eigenen Anteil bekommen.

Krankheit kann trotzdem in die Schulden führen

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Krankheit kann das Einkommen verringern. Wer längere Zeit ausfällt, kann finanziell unter Druck geraten, obwohl die eigentliche Behandlung bezahlt wird.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren Erkrankung, Sucht oder Unfall 2025 der häufigste genannte Hauptauslöser für Überschuldung bei Menschen, die eine Schuldnerberatung aufsuchten.

Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Menschen wegen unbezahlter Arztrechnungen verschuldet waren. Häufig führt eine Krankheit dazu, dass Einkommen wegfällt und bestehende finanzielle Probleme größer werden.

Keine US-Verhältnisse – aber Patienten zahlen mehr

Amerikanische Verhältnisse gibt es in Deutschland bislang nicht. Doch die Richtung ist klarer geworden: Während der Bund seine Verteidigungsausgaben massiv erhöht, sinkt der Etat des Gesundheitsministeriums. Gleichzeitig steigen ab 2027 die Zuzahlungen der gesetzlich Versicherten.

Damit entscheidet das Einkommen noch stärker mit darüber, wie schwer Medikamente, Zahnersatz, Pflege und andere Gesundheitskosten den eigenen Geldbeutel treffen.

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