Ende einer Ära: Aleksandar Vučić verliert die Macht in Serbien

Aleksandar Vučić hat die Parlamentswahl in Serbien klar verloren. Nach ersten Projektionen kommt die Liste der Studentenbewegung auf eine absolute Mehrheit. Vor allem in Moskau dürfte die Entwicklung mit Sorge beobachtet werden. (Update 11 Uhr)

Der ehemalige serbische Präsident Aleksandar Vučić, Kandidat der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) für das Amt des Ministerpräsidenten, hielt am 25. Oktober 2026 in Belgrad eine Rede und räumte seine Niederlage bei den serbischen Parlamentswahlen ein. (Foto: Pedja Milosavljevic / AFP)
Der ehemalige serbische Präsident Aleksandar Vučić, Kandidat der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) für das Amt des Ministerpräsidenten, hielt am 25. Oktober 2026 in Belgrad eine Rede und räumte seine Niederlage bei den serbischen Parlamentswahlen ein. (Foto: Pedja Milosavljevic / AFP)

Aleksandar Vučić hat am Sonntagabend die Niederlage seines Bündnisses bei der vorgezogenen Parlamentswahl eingeräumt. „Es ist klar, dass wir diese Wahlen verloren haben“, sagte er in der Parteizentrale der Serbischen Fortschrittspartei SNS. Die Studentenliste habe gewonnen, berichtete RTS.

Die Studentska Lista kam einer aktuellen Hochrechnung zufolge (Montag, 11 Uhr) auf 52,9 Prozent der Stimmen. Die Serbische Fortschrittspartei (SNS) von Langzeit-Präsident Aleksandar Vucic kam bei dem Urnengang am Sonntag demnach auf 38,8 Prozent.

Die Zahlen des Zentrums für Freie Wahlen und Demokratie (Cesid) beruhten auf einer Stichprobe auf Grundlage von 96 Prozent der abgegebenen Stimmen. Demnach käme die Studentska Lista im 250 Sitze zählenden serbischen Parlament auf eine absolute Mehrheit von 140 Sitzen, die SNS käme auf 103 Sitze. Die Wahlbeteiligung lag Schätzungen zufolge bei 69,3 Prozent.

Laut Wahlkommission verzeichnete die Wahl die höchste Wahlbeteiligung seit über 30 Jahren und markierte den Höhepunkt fast zweijähriger, von Studierenden angeführter Proteste. Auslöser war der Einsturz eines Bahnsteigdachs am Bahnhof Novi Sad im Jahr 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen – eine Tragödie, für die weithin Korruption verantwortlich gemacht wird.

Studenten feiern den Wahlsieg

Im Hauptquartier der Studentenliste und in mehreren serbischen Städten wurde der Wahlsieg gefeiert. Die Studentenbewegung entstand nach dem Unglück von Novi Sad. Danach begannen Proteste und studentische Blockaden mit Forderungen nach Aufklärung und strafrechtlicher Verantwortung. Die Bewegung ist dezentral organisiert.

An erster Stelle der Studentenliste steht Ilija Srdanović, Kardiolog und Professor an der Medizinischen Fakultät in Novi Sad. Auf die Frage, ob er selbst für das Amt des Ministerpräsidenten vorgesehen sei, sagte Srdanović vor der Wahl, die Liste habe für alle Regierungspositionen mehr als einen Kandidaten.

Vučić war am 27. September als Staatspräsident zurückgetreten, um als Bürger an der Parlamentswahl teilzunehmen.

Vučić wirft dem Ausland Einmischung vor

Vučić machte nach seiner Niederlage mehrere europäische Staaten und einen von ihm so bezeichneten amerikanischen „Deep State“ für die politische Entwicklung verantwortlich. Belege für diese Behauptung nannte er nicht. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos gratulierte der Studentenliste zum Wahlsieg. Für Serbien könne ein neues Kapitel beginnen, erklärte sie; die Türen der Europäischen Union seien offen. Eine offizielle Reaktion der US-Regierung auf den Wahlausgang lag zunächst nicht vor. Auch vom Kreml war zunächst keine offizielle Reaktion bekannt. Vor der Wahl hatte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärt, Russland verfolge die Lage in Serbien aufmerksam und wolle die Zusammenarbeit mit Belgrad fortsetzen.

China, Russland und die EU

China hat seine wirtschaftliche Präsenz in Serbien in den vergangenen Jahren ausgebaut. Seit Juli 2024 gilt zwischen beiden Ländern ein Freihandelsabkommen. Im Mai 2026 wurden mit chinesischen Unternehmen neue Investitionsprojekte im Umfang von mehr als 953 Millionen Euro vereinbart.

Serbien bezieht weiterhin Gas aus Russland. Der Liefervertrag mit Gazprom wurde 2026 neu verhandelt; zugleich wird der unterirdische Gasspeicher Banatski Dvor von 450 auf 750 Millionen Kubikmeter erweitert. Die serbische Regierung bezeichnet die Zusammenarbeit mit Russland als Bestandteil der langfristigen Energieversorgung. Beim Ölkonzern NIS liefen 2026 Verhandlungen über den Verkauf des von Gazprom Neft gehaltenen Anteils von 56,15 Prozent an den ungarischen MOL-Konzern. Hintergrund waren die US-Sanktionen gegen NIS.

Zuletzt hatte die serbische Regierung versucht, den EU-Beitrittsprozess zu beschleunigen. Ziel war, bis Ende 2027 alle Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft zu erfüllen. Fortschritte blieben jedoch begrenzt; unter anderem wurde das nächste Verhandlungspaket, Cluster 3, nicht geöffnet. Die EU hatte weitere Reformen bei Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit und Wahlrecht verlangt.

About WNM Redaktion 679 Articles
Die Artikel des World News Monitor (WNM) werden von Redakteuren recherchiert und geschrieben. Die Technologie von NewsTech hilft beim Auffinden von Themen und bei der Vertiefung der Recherche. Vor jeder Veröffentlichung erfolgt eine finale Qualitätskontrolle durch einen Redakteur.