Ronald Lauder, ein langjähriger Vertrauter von Premierminister Benjamin Netanjahu und derzeitiger Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses, warnte die Israelis am Freitag vor einer Wiederwahl des Premierministers. „Ich habe 20, 30 Jahre lang geschwiegen“, sagte der Milliardär und Philanthrop in einem Interview mit der Tageszeitung Haaretz. „Eines der Dinge, die Israel im Vergleich zu anderen Ländern so besonders machten, war seine echte Demokratie. Was wir jetzt sehen, erinnert eher an eine Bananenrepublik.“ Wenn Netanjahu gewählt würde, würde Israel eine schwere Niederlage erleiden. Der ehemalige US-Botschafter in Österreich warf Netanjahu in dem Interview vor, ein „Diktator – eine Ein-Mann-Show“ zu sein. Er argumentierte, der Premierminister handle nicht mehr nach demokratischen Normen.
Mit Radikalen in der Regierung ist „Israel verloren“
Lauder sagte, der Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich hätten Israels Ansehen geschadet, und warf Netanjahu vor, dies zugelassen zu haben. „Wenn die Parteien von Ben Gvir und Smotrich künftig eine Rolle in der Regierung spielen, ist Israel verloren“, sagte er mit Blick auf die rechtsextremen Parteien Otzma Yehudit und Religiöser Zionismus, die in Umfragen jeweils etwa acht Sitze erreichen.
Lauder sagte zu Haaretz: „Israel befindet sich heute in einer sehr, sehr schwierigen Lage. Schwieriger, als ihnen bewusst ist. In den letzten 20 Jahren als Präsident des Jüdischen Weltkongresses habe ich europäische und andere Länder besucht, in denen es jüdische Organisationen gibt. Und in jedem dieser Länder habe ich den Premierminister oder den Präsidenten getroffen“, sagte Lauder. „Tatsache ist, dass Israel nicht nur Europa und andere Regionen, sondern auch die Juden in der Diaspora verloren hat. Ja, sie sind Israel weiterhin treu, aber sie fühlen sich nicht mehr von Israel beschützt.“
Lauder warnte schon lange vor der extremen Rechten
Lauder dürfte vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen in Österreich auch die Annäherung von Benjamin Netanyahus Likud an europäische Rechtsparteien mit Sorge verfolgen. Als US-Botschafter in Wien erlebte er während der Waldheim-Affäre, wie stark antisemitische Ressentiments in der politischen Auseinandersetzung mobilisiert wurden. Insbesondere der World Jewish Congress, der Dokumente über Kurt Waldheims verschwiegene Kriegsvergangenheit veröffentlichte, wurde massiv angegriffen. profil erinnerte später daran, dass der WJC „mit antisemitischen Untertönen“ attackiert wurde; die „Ostküste“ sei zum „Kampfbegriff des Waldheim-Lagers“ geworden. Waldheim selbst erklärte über die internationale Berichterstattung: „Die internationale Presse ist von dem jüdischen Weltkongress dominiert. Das ist wohl bekannt.“
In einem profil-Interview von 2018 warnte der Präsident des World Jewish Congress vor dem Erstarken der FPÖ. Mit Blick auf die damalige österreichische Regierungsbeteiligung der FPÖ formulierte Lauder seine Sorge noch grundsätzlicher: „Ich sehe einen sehr schmalen Grat zwischen Antisemitismus und Antidemokratie.“ Treffen mit FPÖ-Politikern lehnte er damals ausdrücklich ab; dass keine solchen Treffen stattfinden würden, sei sogar eine Bedingung für seine Teilnahme an einer Wiener Antisemitismus-Konferenz gewesen.
Im September 2026 trat bei einer Konferenz über Antisemitismus und Islamismus im Europaparlament in Straßburg FPÖ-Chef Herbert Kickl vor Vertretern von Netanyahus Likud auf. Der Standard wertete das Treffen als weiteren Schritt in einer seit Jahren betriebenen Annäherung der FPÖ an den Likud. Kickl präsentierte seine Partei dabei ausdrücklich als Partner jüdischer Gemeinschaften: Nach Darstellung der FPÖ bot er ihnen eine „neue Partnerschaft aus Vertrauen und praktischer Zusammenarbeit“ an. Zugleich erklärte er in Straßburg, es dürfe „keine Relativierung des Holocaust“ und keine Toleranz gegenüber dessen Verherrlichung geben.
Während sich die FPÖ in Straßburg als Verteidigerin jüdischen Lebens gegen Islamismus präsentierte, griff ihr EU-Delegationsleiter Harald Vilimsky die Israelitische Kultusgemeinde Wien an. Er bezeichnete deren Führung als „sehr, sehr links“ und erklärte, die „paar wenigen Linken in Wien“ kümmerten ihn nicht. IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele hielt dem im Standard entgegen: „Glaubwürdigkeit misst sich nicht an Inszenierungen in Straßburg, sondern an Verhalten und Entscheidungen in Wien.“ Eine Veranstaltung gegen Antisemitismus, deren Organisator die jüdische Gemeinde seines eigenen Landes für unwichtig erkläre, sei „ein absurder Widerspruch“.
Israel verliere die US-Unterstützung
Besonders besorgt ist Lauder auch über die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Israel und den USA. Als langjähriger Spender der Republikaner mit Kontakten bis in die höchsten Parteikreise, sagte, er glaube, Israel verliere Unterstützung auf beiden Seiten des amerikanischen politischen Spektrums. Israel habe die Demokratische Partei verloren, und sie würde nun auch die Republikanische Partei verlieren.
Lauder sagte, er habe inzwischen alle seine Immobilien in Israel verkauft oder verschenkt, nachdem er zuvor mehrere Wochen pro Jahr in dem Land verbracht hatte. „Ich habe keinerlei Absicht, nach Israel zurückzukehren. Absolut keine“, sagte er der Zeitung.
Geheime Gespräche mit Syrien
Lauder schildert in dem Interview auch seine Tätigkeit als Unterhändler zwischen Israel und Syrien in den 1990er-Jahren und sagte, Netanjahu habe damals zugestimmt, die Golanhöhen im Rahmen eines Friedensabkommens aufzugeben.
Laut Lauder habe Netanjahu ihn Ende der 1990er-Jahre autorisiert, geheime Verhandlungen mit der Regierung des syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad zu führen. Lauder sagte Haaretz, er sei über einen Zeitraum von etwa 10 bis 15 Monaten wiederholt zwischen Israel und Syrien – und zeitweise auch dem Libanon – hin- und hergereist, um an der Ausarbeitung eines Zehn-Punkte-Rahmenplans mitzuwirken, an dem auch der damalige libanesische Premierminister Rafik Hariri beteiligt war.
Lauder sagte, Assad sei bereit gewesen, das endgültige Dokument zu unterzeichnen, und Netanjahu habe den Bedingungen, einschließlich eines israelischen Rückzugs von den Golanhöhen, zugestimmt. Netanjahu hatte zuvor bestritten, einer Aufgabe der Golanhöhen zugestimmt zu haben.
Lauder sagte, es existierten nur zwei Exemplare eines Entwurfs des endgültigen Abkommens, die sich beide in seinem Besitz befänden. Lauder gab an, dass Netanjahu das Abkommen schließlich torpediert habe. „Er hat die Politik dem Frieden vorgezogen. Er hat seine politische Zukunft über das Abkommen gestellt. Damit hat er mich verloren. Ich habe ihn danach noch gesehen, aber es war nie wieder so wie vorher. Er hat mich verraten. So ist Bibi eben“, sagte er.
