Frankreich: Die Wut steigt, Macron unbeliebt wie kein Präsident vor ihm

Erneut gehen in Frankreich Hunderttausende bei sozialen Protesten auf die Straße. Der Ton wird rauer. Nur noch 13 Prozent trauen Macron zu, die Probleme des Landes lösen zu können.

Protestierende (rechts) stehen Polizisten in Schutzausrüstung (links) auf der Place de la Nation gegenüber., am 5. November 2026. (Foto: GEOFFROY VAN DER HASSELT / AFP)
Protestierende (rechts) stehen Polizisten in Schutzausrüstung (links) auf der Place de la Nation gegenüber., am 5. November 2026. (Foto: GEOFFROY VAN DER HASSELT / AFP)

Hunderttausende Menschen sind am Donnerstag in Frankreich für höhere Löhne, mehr Kaufkraft und bessere Bedingungen an Schulen und Universitäten auf die Straße gegangen. Das Innenministerium sprach von 575.000 Demonstranten bei den Protesten, die Gewerkschaft CGT von knapp 1,6 Millionen. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte eine Sozialkonferenz an.

Gewerkschaften fordern höhere Löhne und mehr Geld für öffentliche Dienste. Schüler und Studenten protestieren gegen fehlende Lehrer, überfüllte Klassen, marode Gebäude und die Vergabe von Studienplätzen über Parcoursup.

In Foix sagte der Demonstrant Pascal der La Dépêche: „Schon am Fünften des Monats sitzen wir in der Scheiße.“ Eine andere Demonstrantin sagte: „Wir sind hier, weil wir die Nase voll haben. Es gibt keine Zukunft für unsere Jungen. Keine Zukunft für unsere Alten.“

Die CGT-Vertreterin Sophie Viera sagte: „Wir lehnen diese Gesellschaft ab, die diejenigen ausbeutet, die arbeiten, die Schwächsten zerdrückt und die Reichsten immer reicher macht.“

Auch Industriearbeiter gingen auf die Straße. Ken Armede, Elektriker im Stellantis-Werk in Poissy, demonstrierte in Paris mit Kollegen aus dem Werk. „Wir sind ganz unten, wir arbeiten und schaffen den Reichtum. Und wir sehen nichts von diesem Geld“, sagte er RFI. Die Beschäftigten fordern höhere Löhne und fürchten um ihre Zukunft am Standort.

Premierminister Lecornu bestellte Gewerkschaften und Arbeitgeber für Montag nach Matignon. Nach der Mitteilung der französischen Regierung soll die „Sozialkonferenz“ Antworten auf Fragen von „Kaufkraft und Löhnen“ finden.

Schüler protestieren gegen fehlende Lehrer und marode Schulen

In Metz ging der 15-jährige Nello gemeinsam mit seinen Eltern auf die Straße. Er habe bereits in der Vorwoche demonstriert und sei wiedergekommen, „weil wir nicht genug gehört wurden“, sagte er dem Est Républicain. Er beklagte nicht ersetzte Lehrer, überfüllte Klassen, fehlende Heizung und mangelhafte Toiletten.

In Nancy sagte der Student Alexandre derselben Zeitung: „Sechs Professoren gehen bei uns in Rente, einer kommt neu.“ In manchen Räumen fehlten Stühle, Kurse seien überfüllt und Gebäude für Menschen mit Behinderungen ungeeignet.

Seine Mutter Isabelle arbeitet im Gesundheitswesen. Sie klagte über Ärztemangel und Schwierigkeiten, überhaupt Facharzttermine zu bekommen. Über die Konfrontation zwischen Polizei und Demonstranten sagte sie: „Wir stehen alle auf derselben Seite. Ihre Kinder gehen in dieselben Schulen wie unsere. Sie haben dieselben Schwierigkeiten, einen Arzttermin zu bekommen.“

Die Regierung hat Zugeständnisse angekündigt. Parcoursup soll ersetzt werden, zuvor sollen die Auswahlverfahren transparenter werden. Vorgesehen sind zusätzliche Lehrerstellen und Studienplätze sowie kleinere Klassen in besonders belasteten Schulen. Den Schüler- und Studentenorganisationen reicht das nicht.

Ausschreitungen und Festnahmen

Der Großteil der Kundgebungen verlief friedlich. In mehreren Städten kam es zu schweren Auseinandersetzungen. Landesweit wurden mehrere hundert Menschen festgenommen. In Lyon, Rennes und Toulouse setzte die Polizei Tränengas ein.

Am Lycée Françoise in Tournefeuille bei Toulouse drangen nach Angaben der Präfektur und einem Bericht der La Dépêche Vermummte auf das Schulgelände ein. Feuerwerkskörper lösten einen Brand aus. Auch Feuerwehrleute wurden angegriffen.

In Toulouse selbst kam es später zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Die Präfektur hatte den von den Gewerkschaften gewünschten Weg durch die Innenstadt untersagt. Nach Beobachtungen von La Dépêche blieb die Spitze des Zuges zunächst friedlich. Später setzte die Polizei Tränengas ein. Die CGT meldete verletzte Gewerkschafter und warf den Sicherheitskräften ein unverhältnismäßiges Vorgehen vor.

In Paris wurde Raphaël Glucksmann ausgepfiffen und am Ausgangspunkt der Demonstration von Gegnern bedrängt. Er verließ die Kundgebung vorzeitig. Auch Marine Tondelier und Jean-Luc Mélenchon beteiligten sich an den Protesten.

Macron fällt unter Hollandes Tief

Für Emmanuel Macron kommen die Proteste zu einem schlechten Zeitpunkt. Nach dem am Donnerstag veröffentlichten Barometer des französischen Meinungsforschungsinstituts Elabe vertrauen nur noch 13 Prozent der Befragten darauf, dass der Präsident die wichtigsten Probleme Frankreichs wirksam bewältigen kann.

François Hollande war im November 2016 auf 14 Prozent gefallen. Sein Wert galt damals als historischer Tiefstand.

Seit August hat Macron elf Punkte verloren. Selbst unter den Franzosen, die ihn im ersten Wahlgang 2022 gewählt hatten, vertraut ihm laut Elabe nur noch gut ein Drittel.

Macron kann nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten 2027 nicht erneut antreten. Marine Tondelier sagte am Donnerstag, Macron beende seine Amtszeit, „wie er regiert hat: allein gegen alle“.

Die CGT kündigte weitere Mobilisierungen an. Für Samstag sind bereits neue Proteste angekündigt.

Bereits am 20. Oktober ging es um Ausgangssperren in Paris und anderen Städten. Wenige Tage später sagten Demonstranten: „Wir leben in einem Land, das seine Bürger zermürbt“. Auch Investoren erhöhen den Druck auf Macron.

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